DOK Rezension

Welcome To Our Hood

Ganze sieben Jahre nach Abschluss der Dreharbeiten feiert „Touching Concrete“ auf dem diesjährigen DOK Festival Weltpremiere. Ein großes Glück, denn Ilja Stahls Beobachtungsstudie einer Gruppe Jugendlicher aus Johannesburg sprüht nur so vor Energie.
Die jugendlichen Hip-Hop-Musiker aus "Hillbrow" stellen sich vor

Zu Beginn stellt sich die aufgedreht wirkende Jugendgang (darunter auch die Protagonisten Tebogo und Karabo, denen im Dokumentarfilm die meiste Screentime gewidmet wird) ganz charaktertypisch vor. Im Treppenhaus eines anonymen, ärmlichen Hochhauskomplexes zeigen sie, was für außergewöhnliche Tanzeinlagen sie drauf haben. Jeder der Jungen will dabei die Aufmerksamkeit der Kamera auf sich ziehen. Dieser Drang, im Mittelpunkt zu stehen, und sich im bestmöglichen Licht als „tougher, cooler Typ“ zu inszenieren, ist ein zentrales Element in „Touching Concrete“. Nur wenige Filmminuten später sieht man einige der Kids im angesagt-stylischen Dresscode auf der riesigen Dachterrasse ihres Wohnturms sitzen, den Sonnenaufgang über der Skyline beobachtend. Voller Stolz blicken die Heranwachsenden auf die ihnen zu Füßen liegende Neighbourhood „Hillbrow“ – ihr Reich, dessen musikalische Untergrundszene sie und andere Gleichaltrige verbindet. „So lässt es sich leben“ bemerkt der aufgeweckte Karabo in die Stille. Einige Szenen später wird er ganz andere, ernüchternde Töne anschlagen. Er wolle raus hier – in eine Stadt, wo es ruhiger zugehe. 

Anarchistische Zustände auf den Straßen

„Touching Concrete“ lässt den Zuschauer an den alltäglichen Ghetto-Erfahrungen der ziellosen Unruhestifter und Rumtreiber teilhaben. „Victoria“ (2015) in Real-Life sozusagen, von Berlin versetzt in den erhitzten Asphaltdschungel Johannesburgs. Der Dokumentarfilm wurde jedoch nicht in einer einzigen Plansequenz gedreht, sondern gestaffelt über den Sommer im Jahr 2010. Der ahnungslose Zuschauer könnte die in der Doku begleiteten Erlebnisse auch als beispielhafte 24 Stundenausschnitte im Leben der Protagonisten deuten. Die Aufnahmen beginnen in den Morgenstunden und enden spät in der Nacht. Im Grunde genommen ist diese irrtümliche Annahme jedoch nebensächlich, denn im Zentrum stehen sowieso die ambivalenten Charaktere und das Gefühl einer unbarmherzigen Umgebung.

Das Gesetz des Revolvers 

Über die rund einstündige Laufzeit werden energiegeladene Musik- und Tanzsequenzen immer wieder in einen krassen Kontrast zu bedrohlich-heiklen Situationen gesetzt. Neben plötzlich einbrechenden und den Ton merklich verschärfenden Gewaltspitzen − da wird unter anderem ganz selbstverständlich ein mit Blut beflecktes Messer triumphierend in der Gang herumgereicht − sind es besonders beiläufige Bemerkungen, wie „Lass uns gehen. Hier ist es nicht sicher“ und Close-Ups, der sich selbst überlassenen „Misfits“, denen die blanke Angst ins Gesicht geschrieben steht, die am deutlichsten dem unwissenden Zuschauer die (vor-)gelebte Brutalität im Problemviertel „Hillbrow“ vor Augen führt. Während nach Vorführungsende der mit moderner Hip-Hop-Musik unterlegte Abspann läuft, kommt man nicht umhin, sich bestürzt zu fragen, was eine Mutter dazu bewegt, vor Fremden und vor laufender Kamera so abfällig von ihrem eigenen Kind zu sprechen.

 

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Screening Termine von „Touching Concrete“ beim 60. DOK Festival:

Freitag, 03.11.17

22:15 Uhr CineStar 4

Samstag, 04.11.17

22:15 Uhr Cinémathèque Leipzig