Handwerk in Leipzig

Welche Zukunft hat das Nischenhandwerk?

Die Leipziger Handwerksmesse ist vorbei. Welcher Trend gestaltet die Zukunft des Handwerks? Ist der sogenannte Fachkräftemangel nur Illusion oder für viele Betriebe bittere Realität?
Die Segelstecherei in Podelwitz

Die Leipziger Handwerksmesse ist vor einigen Tagen zu Ende gegangen. Auch in diesem Jahr haben mehr als 240 Betriebe aus Leipzig und Umgebung die Chance gehabt, sich bei potenziellen Auszubildenden vorzustellen. Dabei suchen vor allem seltene Handwerksbetriebe die öffentliche Aufmerksamkeit.

Zwischen Segeltuch und Ösenpresse

Die Segelstecherei in Podelwitz ist ein kleiner Zwei-Mann-Betrieb im Norden von Leipzig. Untergebracht ist er in einer renovierten Scheune unweit der Schladitzer Bucht. Hier schneidern und reparieren der schweizer Geselle Samuel Schwarz und sein Chef Philipp Kalb neue und alte Segel.

Aber was bringt einen eigentlich zur Segelmacherei? Samuel erklärt das so:

Ich habe diverse Sachen angefangen, von Wirtschaft, Geographie bis zum Schluss dann Industriedesign und dann habe ich das so ein bisschen per Zufall gesehen, dass es Segelmacher als Beruf gibt. Das war ein Bauchgefühlsentscheid. Habe da reingeschnuppert und gemerkt: Das ist das Richtige.

Samuel Schwarz, Segelmachergeselle

In einer Gesellschaft, in der die meisten Abiturabsolvierenden fließend ins Studium übergehen, stellt Samuels Werdegang eine Ausnahme dar.

Andrea Wolters von der Handwerkskammer zu Leipzig beobachtet das anders. Laut Ihrer Daten bekommen die Leipziger Handwerksbetriebe in den letzten Jahren immer größeren Zuwachs.

So sind im aktuellen Ausbildungsjahr mehr als 1300 junge Menschen in Leipzig in einen neuen Lehrberuf gestartet. Das sind über Hundert mehr als im letzten Jahr.

Doch gilt dieser Trend auch für kleine Nischenbetriebe?

Die Leipziger Segelstecherei bekommt von diesem Aufschwung bisher nicht viel mit. In der Region Mitteldeutschland sei es sehr schwierig, gute Fachkräfte zu finden, führt Samuel aus. Grund dafür sieht er in der fehlenden Attraktivität von Ausbildung und Handwerk.

Damit sind Sie nicht allein. Je spezieller das Handwerk, desto schwieriger ist es, das Interesse junger Menschen auf sich zu lenken.

Nischenhandwerk/ Nele Christoph und Felix Kolb
Nischenhandwerk

Manuela Werner betreibt zusammen mit Ihrem Mann einen Laden für Korbgeflechte auf der Karl-Liebknecht-Straße. Auch sie macht sich Sorgen um die Zukunft ihres Handwerks. Ihrer Meinung nach ist es Aufgabe der Politik, gewisse Berufe als Kulturgut zu schützen und dafür sei eine kleine Förderung für Nischenbetriebe nötig. Der Nachwuchs in Nischenhandwerksberufen wie der Korbflechterei sei schon deshalb schwer zu finden, da das Berufsschulangebot fehle. Dazu wäre es schwierig, junge Menschen von viel Arbeit und niedrigem Auskommen zu überzeugen, so die Korbflechterin.

Andrea Wolters von der Handwerkskammer zu Leipzig sieht das anders. Sie empfindet die Entwicklung weniger dramatisch. Sie verweist auf die bedarfsorientierte natürliche Selektion.

Der Bedarf ist halt sehr begrenzt. [...] Also das ist die natürlichste Entwicklung, dass Berufe aussterben.

Andrea Wolters, Handwerkskammer zu Leipzig

Einig sind sich die Gesprächsbeteiligten jedoch über die gestiegene Wertschätzung. Ob Korbwaren oder Jollensegel, insgesamt beobachten sie eine zunehmende Nachfrage nach hochwertigen Handwerksprodukten.

Nachfrage nach Handwerksprodukten steigt

Laut Handwerksbetreibenden und der Handwerkskammer lässt sich in der Leipziger Region eine Rückbesinnung zu Qualität und traditionellem Handwerk beobachten. Populäre Einzelhandelsketten wie Ikea, Zara und Backwerk würden derweil weiter auf Masse setzen.

Wenn man jetzt hier einen handgemachten Korb kauft, der hält ja vierzig Jahre. Das wollen die Leute wieder mehr, dass man noch mehr jetzt wieder vielleicht das Handwerk unterstützt.

Manuela Werner, Korbmacherin

Ob diese Tendenz weiter bestehen bleibt, ist fraglich. Fakt ist, dass die Zahl junger Auszubildenden weiter wächst und wieder mehr Menschen ihre Selbstverwirklichung im Handwerk finden. Dieser Trend scheint bisher aber an einigen Nischenberufen vorbeizugehen.

 

 

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