Feminismus

Weibliche* Perspektiven auf Pornographie

Kaum jemand spricht darüber, aber die meisten von uns schauen sie doch regelmäßig: Pornos. Das Geschäft ist dabei immer noch ziemlich männerdominiert. Die Filme werden meist von Männern für Männer gemacht. Kann das auch anders gehen?
Gleichberechtigung kann auch in Pornos stattfinden
Gleichberechtigung kann auch in Pornos stattfinden

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Carolin Büscher über die Vereinbarkeit von Feminismus und Pornographie
 

Pornos. Das schauen der gängigen Meinung nach hauptsächlich Männer*. Ein Blick auf die weltweit größte Pornoseite Pornhub untermauert diese Annahme mit Filmtiteln.

WTF Er kommt in 30 Sekunden!! Speed Handjob so schnell wie möglich

Stiefmutter spontan unter der Dusche benutzt

Ich bin eine Lutschsklavin

Geschäft von männlichem Blick dominiert

Die Titel klingen ziemlich grob. Die Frau* ist das Objekt der Begierde, das im Fokus des Zuschauenden steht. Sie wird als passiv, als etwas zu Benutzendes dargestellt. Und als jemand, der unbedingt ganz dringend diesen einen Mann* beziehungsweise sein Geschlechtsteil braucht. Insgesamt herrscht da also nicht gerade das Frauenbild, dass ich gerne selber sehen oder verbreiten wollen würde.

Komisch eigentlich. Denn laut dem Jahresbericht von Pornhub waren 2018 ein Drittel der Seitenaufrufe von Frauen* – und die Zahl der Nutzerinnen steigt jedes Jahr an. Sollte dann nicht auch mehr Inhalt kreiert werden, der Frauen* anspricht?    

 

Natürlich widerspricht Hardcore-Sex oder ein traditionelles Geschlechterbild nicht automatisch weiblicher Lust. Aus dem Pornhub-Bericht geht sogar hervor, dass Userinnen tendenziell noch mehr nach eben diesen Stereotypen suchen. Auch wer im realen Leben für Emanzipation einsteht, kann Fantasien von Objetifizierung hegen. Jede macht etwas anderes an. Sexuelle Vorlieben haben nichts mit gender zu tun. Und ganz wichtig: Es geht nicht um die Einteilung in "gut" und "böse." Doch was fehlt, ganz gleich, ob dominanter, devoter oder wie-auch-immer-wir-es-wollen-Sex – ist die weibliche* Perspektive.

Denn wieso sollten Pornos fürs Männer* gedreht sein? In der Filmwissenschaft stößt man dabei auf die Theorie des „male gaze“, also den „männlichen Blick.“ Der male gaze beschreibt die Darstellung von Frauen* aus einer maskulinen, heterosexuellen Perspektive. Dadurch werden Frauen* als sexuelle Objekte gezeigt, die der Lust des männlichen Zuschauers dienen. Gerade auch im Drehen lesbischer Szenen geht es in der Regel kaum um die Erotik zwischen den Darstellerinnen, sondern um die Aufbereitung einer männlich-heterosexuellen Fantasie.

Pornos feministisch denken

Ein neuer Ansatz für Pornos könnte also der female gaze sein, der weibliche Blick. Oder einfach: Das Zeigen weiblicher Lust ohne die Frau* dabei zu degradieren oder als Objekt darzustellen. Das heißt nicht, dass die bisherigen Rollen von Mann* und Frau* getauscht werden sollen. Vielmehr brauchen wir eine natürliche, gleichberechtigte und beiderseitig lustorientierte Darstellung von Sexualität. Damit meine ich zum Beispiel, dass auch Frauen* in Pornos befriedigt werden. Oder dass sie auch dominante Rollen einnehmen können. Auch die Darstellung diverser Körper fällt für mich darunter. Frauen* und Männer* sollten nicht nur eine bestimmte Hautfarbe haben oder kurvig sein, weil es in das Spektrum einer Fetisch-Rubrik passt. Auch bei Pornos gilt es, den Feminismus intersektional zu denken und damit sich verschiedener Diskriminierungsformen bewusst zu sein. Aber Moment – queer-feministische Pornos, wie kann man sich das genau vorstellen?

Paulita Pappel ist Pornoproduzentin, Kuratorin des Porn Film Festivals Berlin und selber Darstellerin. Vielleicht kann sie mir erklären, worauf es bei feministischen Pornos ankommt.

So wie es keinen Feminismus gibt, sondern Feminismen im Plural, gibt’s auch nicht den feministischen Porno. Wenn man trotzdem eine Definition sucht geht es darum, dass es in den Produktionsweisen eine Hinterfragung gibt von bestimmten Geschlechterstereotypen. Und dass eine Diversität gesucht wird im Sinne von Körpern, Begehren, Lust, Sexualität.

Paulita Pappel

Paulita geht es also darum, den Porno so vielfältig zu denken wie die Menschen selbst. Aber trotzdem meint sie, dass wir eine feministische Herangehensweise brauchen - um darauf aufmerksam zu machen, dass in der männerdominierten Porno-industrie die Frauenrolle oft sehr eng gedacht wird. Mit ihrer Arbeit möchte Paulita den Menschen einen Raum für ihre sexuelle Selbstbestimmung schaffen. Aber heißt das dann auch, dass ihre Pornos nur für Frauen* sind?

 Frauen haben verschiedene Vorlieben und gucken ja auch verschiedene Pornogenres. Und dementsprechend denke ich, dass der Begriff "Porno für Frauen" eher irreführend ist.

Paulita Pappel

In feministischen Pornos geht es also nicht darum, Filme für Frauen* zu machen. Sondern um Selbstbestimmtheit und Diversität; der Frauen* und der Männer*, und zwar sowohl vor als auch hinter der Kamera als auch vor dem Bildschirm.

Bewegung seit den 90ern

Die feministische Pornofilmbranche boomt tatsächlich schon seit den 90er Jahren. Damals fand eine Spaltung innerhalb der feministischen Bewegung statt. Manche empfanden Pornos als generell frauenverachtend, während andere sie als Instrument sexueller Befreiung ansahen. Bis heute wird darüber gestritten.

Vorreiterin im Drehen feministischer Pornos ist die schwedische Regisseurin Erika Lust. Auch Paulita Pappel stand schon für sie vor der Kamera. Die Filme der Regisseurin zeigen Sex, der lebensnah ist. Es findet weder romantisierter Blümchensex statt noch werden übertriebene Krankenschwester-Klischees bedient. Sie hat feministische Pornos durch ihre besondere Ästhetik an ein breiteres Publikum gebracht. Und damit auch das Verständnis eines ethischen Pornokonsums geprägt. In einem Interview mit dem Sleek-Magazin sagt sie eindrücklich, worum es ihr dabei geht.

we need more people to become ethical, conscious consumers and start paying for their porn. Viewers need to think that if they're not paying for it, someone else is.

Erika Lust im Interview mit dem Sleek-Magazin

Dies erklärt auch, wieso feministische Pornos oft kostenpflichtig sind. Die Filme sind meist aufwendiger und ästhetischer produziert als die Clips, die man auf den zahllosen Websites findet. Ein Blick auf die Seite der Regisseurin lohnt sich in jedem Fall.

Es gibt sie also, die feministischen Pornos. Und es gibt ebenfalls ein Publikum. Was noch fehlt, ist der breitere Zugang dazu. Und ab und an ein generelles Hinterfragen dessen, was wir uns da so anschauen – und wie das produziert wird.

 

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Carolin Büscher
08.03.2019 - 13:57
  Kultur

 

 

Anmerkung der Autorin:

Das hier verwendete Sternchen hinter der "Mann" und "Frau"-Unterscheidung, die sich bei dem Thema kaum vermeiden lässt, soll das soziale Konstrukt hinter "Geschlecht" mitdenken und die Vielfalt der Sexualitäten einschließen.