Kolumne

Was wird da eigentlich entschärft?

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Anna Bertram über gelbe Schilder auf der Eisenbahnstraße, Waffenverbote und Placebopolitik.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören findet ihr hier:

Die Kolumne von Anna Bertram
 

Herzlichen Glückwunsch, Stadt Leipzig! Die erste Waffenverbotszone Sachsens feiert Jubiläum! Seit einem Monat nun stehen rund um die Eisenbahnstraße Schilder mit der Aufschrift „Waffen verboten“. In dunklen Gelb weisen sie darauf hin, dass dort nicht mehr nur - wie überall auch - Schusswaffen verboten sind, sondern auch kaputte Glasflaschen, Hausmesser und andere Gegenstände. Die BILD-Zeitung hat aufgeatmet und triumphiert: „Leipzigs Eisenbahnstraße endlich entschärft - nicht mal Taschenmesser oder Scheren erlaubt - Ausrufezeichen“.
Also, wenn das nicht Politik ist, wie man sie sich wünscht: Ein Verbotsschild aufstellen und die Polizei mit Körperkameras losschicken. Toll, wie einfach man doch Probleme lösen kann. Jetzt endlich sind sie alle lieb, die bösen Jungs von der gefährlichsten Straße Deutschlands.

Wirklich?
Nein.
Pünktlich zum einmonatigen Jubiläum des Waffenverbotes hat es einen Mord auf der Eisenbahnstraße gegeben. Die Tatwaffe: Ein Messer. Der Vorfall zeigt auf, was mit ein bisschen Denkvermögen absehbar gewesen wäre: Ein Waffenverbot einzuführen hat überhaupt nichts gebracht. Wobei, eine Sache eben schon: Die Polizei als den neuen König des Eisenbahnstraßen Kiezes. Mit dem neuen Gesetz wurde ein Stadtteil geschaffen, in dem die Polizei wild und willkürlich kontrollieren darf. Die genaue Kontrollstrategie hat die Polizei laut MDR AKTUELL nicht verraten - aber einen Mord zu verhindern gehört offenbar nicht dazu.

Aber das heißt, dass die jetzt jeder und jedem einfach so die Tasche durchwühlen können?

Die Polizei teilte der BILD-Zeitung nach mit, dass sie im Einzelfall entscheiden werde, wen man kontrolliere. Sprich: Manche will man halt ein bisschen mehr kontrollieren. Ey, im Einzelfall entscheiden. Sollte das wirklich stimmen, heißt es einfach: Die Polizei gesteht ein, die Leute nach ihrem Aussehen, ihrer Hautfarbe zu sortieren. Racial Profiling vom Feinsten ist das. Die stellen da ein ganzes Viertel unter Generalverdacht und führen einfach ein Gebiet mit polizeilichen Ausnahmezustand ein. Kannst du dir vorstellen, was das mit den Menschen machen muss? Die leben da unter ständiger Polizeibeobachtung und gelten pauschal als Täter. Da drehst du irgendwann doch durch! Was soll als nächstes folgen - Gated-Communities vielleicht?

Wobei man ja schon sagen muss, dass es ja wirklich viele Gewaltstraftaten auf der Eisenbahnstraße gibt…

Tatsache. Aber ein paar gelbe Schilder mit symbolischen Anweisungen aufstellen - das ist kein Lösungsansatz. Das ist original stumpfe Symbolpolitik, die nicht nach Ursachen fragt. Es ist ja nicht so, dass Motivation zu rauben, zu drohen und morden von irgendwoher kommt. Aber nach Gründen für Kriminalität zu fragen und wie man dem nachhaltig entgegenwirken kann, diese Fragen stellt man offenbar nicht. Stattdessen stellt man Schilder auf und fertig ist er, der wunderbare Placebo-Effekt für diejenigen, die glauben möchten, es gebe einfache Antworten.

Ach und apropos: Die Skandalmedien freuen sich über Morde und Waffenverbote natürlich auch. Denn die Eisenbahnstraße alias „Die gefährliche Meile“ - danke an 24express.de für diese Formulierung - füttert natürlich die Dramaquote in der täglichen Berichterstattung.

Einen Monat besteht die Eisenbahnstraße als Waffenverbotszone. Und ein trauriger Todesfall muss zeigen: Geholfen hat das Waffenverbot nicht. Ganz im Gegenteil: Es hat gezeigt, wie kläglich Symbolpolitik ist. Und so bleibt das einzige, was das Waffenverbot rund um die Eisenbahnstraße wirklich entschärft, der gesunde Menschenverstand.

 

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