Die Kolumne

Was will Deutschland eigentlich?

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Lukas Raschke über Verdrossenheit, Gleichgültigkeit und Merkwürdigkeit.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Was will Deutschland eigentlich? - die Kolumne von Lukas Raschke
Was will Deutschland eigentlich? - die Kolumne von Lukas Raschke

Der Bundestagswahlkampf ist in Leipzig eingezogen. Mit ihm kommen der SPD-Gottkanzler, die AfD-Lesbe und die eine von den Grünen. Von den Zuständen in Sachsens Vorzeigestadt dürften die drei Spitzenkandidaten allerdings irritiert gewesen sein. Während Burki bei BMW pumpen geht, kämpfen die Leipziger im Wahlkampf vor allem gegen Wahlplakate. Die Misshandlungen zeugen dabei von gewohnt überschaubarer Kreativität. Verbrennungen dritten Grades, willkürliche Verstümmelungen, Phallussymbole und natürlich der Klassiker – Brille mit Bart. Well played, SPD.

Ein gutes Zeichen: Politikverdrossenheit sieht jedenfalls anders aus – könnte man meinen. Bei genauerer Untersuchung der betroffenen Opfer fallen jedoch ungewöhnliche Tendenzen auf. Ausgerechnet die FDP ist vom Plakatvandalismus kaum betroffen. Die Ursachen dafür sind unklar, man kann zumindest spekulieren. Nicht zu unterschätzen ist erst mal der Marketingeffekt einer durchdesignten Schwarz-Weiß-Kampagne mit unsichtbarer politischer Aussagekraft. Wer am 24. September vergisst, sein Kreuz bei der FDP zu setzen, hat sich vielleicht stattdessen neue iPod-Kopfhörer oder irgendwas bei Douglas gekauft. Man kann der FDP hier quasi einen Geniestreich unterstellen: Was als Wahlplakat nicht erkennbar ist, das wird auch nicht geschändet. Die Partei selbst sieht das natürlich anders. Sie begründet die Gnade der Leipziger eher mit einer veränderten Stimmung gegenüber der FDP. Wir lachen später.

Unser Kolumnist und Meinungsmacher Lukas Raschke bei der Arbeit.
So sieht ein starker Meinungsmacher aus: Unser Kolumnist Lukas Raschke bei der Arbeit.

Zunächst möchte ich noch den zweiten Sieger des Wahlplakatkampfes küren: die Alternative für Deutschland. Alternativ wie immer hängt sie bei der Plakatierung ihrer Fratzen allerdings ein bisschen hinterher. Die Verschonung wird also vermutlich nicht von Dauer sein. Oder liege ich möglicherweise doch völlig falsch? Das Ergebnis des Sat.1-TV-Duells vom Mittwochabend scheint sich mit der Demolierungswut der Leipziger zu decken. Grüne und Linke am Boden, FDP und AfD als klare Sieger. Die Spitzenblondinen Lindner und Weidel haben natürlich fleißig Anhänger im Zuschauerbereich verteilt.

Dennoch zeichnet sich ein gewisser Trend ab, der wiederum alles andere als überraschend ist. Deutschland ist und bleibt das Land der Gleichgültigkeit. Man sympathisiert mit Parteien, deren Politik auf Ausgrenzung basiert. Bei der AfD sind es die Ausländer und Flüchtlinge. Von denen gibt es hier nicht viele – es macht keinen Sinn diese Partei zu wählen. Bei der FDP sind es die Geringverdiener. Von denen gibt es hier sehr viele – es macht keinen Sinn diese Partei zu wählen. Beide Parteien sind sich darin einig, dass Umweltschutz nicht so wahnsinnig wichtig ist. Für die FDP aus wirtschaftlichen Gründen, für die AfD aus ideologischen – Klimawandel und so. Das alles sind Aufregerthemen. Und Deutschland regt sich eigentlich unglaublich gern auf. Das Internet ist mein Zeuge. Aber es gibt einen Grund, warum Bundeskanzlerin Merkel in sozialen Netzwerken verbal gehängt wird und trotzdem seit 12 Jahren auf dem Thron sitzt. Es gibt einen Grund, warum sich jeder gerne aufregt, aber dann widersprüchliche Entscheidungen fällt. Am Ende ist es uns doch alles irgendwie scheißegal.

 

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Lukas Raschke
01.09.2017 - 17:10