Stadtratswahl 2019

Was beschäftigt Wahlkreis 6?

Der Stadtteil Grünau gilt in Leipzig als sozialer Brennpunkt. Bei der letzten Kommunalwahl lag die Wahlbeteiligung hier nur bei 35 Prozent. Warum ist das so, und welche Forderungen haben die Anwohnenden, die nicht mehr ins Wahllokal gehen?
Stadtratswahl Leipzig 2019 - Wahlkreis 6
Stadtratswahl Leipzig 2019 - Wahlkreis 6

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Wahlkreis 6 - ein Beitrag von Helke Ellersiek
Kommunalwahl - Wahlkreis 6

Vom Leipziger Hauptbahnhof fährt man mit der Linie eins fast eine halbe Stunde Richtung westlichen Stadtrand, bis man an die Stuttgarter Allee in Grünau kommt. Viele Leute sind hier bei gutem Wetter unterwegs, zwischen den Plattenbauten, für die Grünau bekannt ist. Wenn man die Vorbeigehenden hier danach fragt, was sie über ihren Stadtteil denken, zeigen sich viele zufrieden: Es gibt viele Einkaufsmöglichkeiten, Tram und S-Bahn verbinden den Bezirk direkt mit der Innenstadt. Doch schnell wird auch klar: Viele Grünauerinnen und Grünauer fühlen sich trotz der guten Infrastruktur von der Stadt im Stich gelassen.

Eine ältere Dame ist wütend: Gute Einkaufsmöglichkeiten seien doch nicht alles.

Was hab ich denn von meiner armen kleinen Rente dann übrig für die Mieten, und was soll ich dann davon noch einkaufen gehen, dann muss ich doch jeden Groschen dreimal umdrehen!" 

Ein junger Vater an der Haltestelle Stuttgarter Allee ist überzeugt: Grünau hat in der Politik einen geringeren Stellenwert als andere Bezirke. "Da werden andere Stadtteile bevorzugt, Plagwitz und so, die so Szenestadtteile sind. Mit der Szene kann man Geld verdienen." Wo die Hipster hingehen, da kämen irgendwann die Geldyuppies. "Das fehlt hier, das hast du hier nicht wie in Plagwitz oder in Lindenau", glaubt er.

Dabei gibt es hier durchaus Anlaufstellen, die sich um eine Verschönerung des Viertels kümmern. Eine davon ist das Quartiersmanagement Grünau. Vier Mitarbeiterinnen kümmern sich hier darum, dass Probleme gelöst oder an die Stadt weitergetragen werden. Ihre Chefin ist Antje Kowski. Viele Anwohnende bringen sich hier für ihren Stadtteil ein, erzählt sie. Das sei aber nicht allen möglich.

Es gibt auch viele Menschen, die einfach in so prekären Lebenslagen leben, dass sie dafür einfach kein Ohr oder keine Aufmerksamkeit mehr haben.

Antje Kowski

Das führt ihrer Ansicht nach auch zu so einer geringen Wahlbeteiligung. "Zum einen gibt es sicherlich auch einen Anteil von Menschen bei uns, die überhaupt kein Interesse mehr an Wahlen haben, einfach weil sie mit dem ganzen System nicht zufrieden oder weil sie durch bestimmte Netze gefallen sind."

Das erlebt man auch in der Leipziger Politik. Direkt schräg gegenüber vom Quartiermanagement liegt das Stadtteilbüro der Linkspartei. Dort arbeitet Volker Külow. Er ist oft vor Ort, wenn Anwohnende mit einem Anliegen in das Stadtteilbüro kommen. "Also die meisten haben Ärger mit den Ämtern: Sozialamt, Arbeitsamt, Jobcenter, alles was man sich da so vorstellen kann."

Deshalb bietet das Abgeordnetenbüro hier Sozialberatung an. Dabei fällt auch auf: "Viele Grünauer fühlen sich abgehängt, fühlen sich nicht genug beachtet und wertgeschätzt vom Rathaus, und denken immer noch, dass der Stadtteil zu wenig Aufmerksamkeit, zu wenig finanzielle Unterstützung bekommt." Darin sieht Külow auch einen Grund für die geringe Wahlbeteiligung bei den Kommunalwahlen: im Wahlbezirk, zu dem Grünau gehört, blieben bei der letzten Kommunalwahl 2014 zwei Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner der Wahl fern. "Die soziale Situation hier verleitet gewissermaßen auch zu einer Passivität, neben vielleicht Frustration, dass die Leute sagen – och, für uns tut doch sowieso keiner was, und dann müssen wir auch nicht zur Wahl gehen."

Wut auf die Politik 

Fragt man auf der Straße nach, warum so viele Leute nicht wählen wollen, bestätigt sich dieses Bild. Ein älterer Herr sagt: „Momentan ist mir noch nicht klar, was ich wähle. Wahrscheinlich kann es sein, dass ich gar nicht hingehe oder die Stimme ungültig mache.“ Die Rentnerin, die sich kaum ihre Miete leisten kann, fühlt sich von der Politik ignoriert:

Ich gehe doch nicht jemanden wählen, der geistig nicht in der Lage ist, erstmal schon solche Missstände wieder abzustellen!"

Der Familienvater am Bahnsteig hat eine ähnliche Erklärung für die Politikverdrossenheit der Grünauer wie Abgeordneten-Mitarbeiter Külow: "Vielleicht auch wirklich aus demselben Grund wie ich, weil einfach das Gefühl da ist, dass nichts passiert, egal wem du deine Stimme hinterherschmeißt: immer dasselbe Blabla und dann – dasselbe Nichts."

Doch die Wahlbeteiligung ist nicht alles, glaubt auch Quartiersmanagerin Antje Kowski. "Die Frage ist natürlich auch nicht nur, ob sie wählen, sondern für mich auch, was sie wählen, also welche Partei.“ Denn bei der Bundestagswahl 2017 sind zwar mehr Menschen in Grünau zur Wahl gegangen, aber die AfD wurde hier stärkste Kraft.

Der Blick in die Zukunft

Doch in letzter Zeit verändert sich viel, da sind sich die Anwohnenden, die Stadt und das Abgeordnetenbüro einig. Der jahrelange Häuserabriss ist gestoppt, die Wohnungsbaugesellschaften versuchen, günstigen Wohnraum zu erhalten und zwei Schulen werden saniert. Das kommt auch bei einigen Grünauern an. „Also ich denke mal, die machen jetzt viel für Grünau. Da sieht man schon das ein bisschen was passiert", sagt eine Passantin. Sie will auch wählen gehen. "Vielleicht müssten wir unseren Politikern wieder bisschen mehr auf die Füße treten. Die müssten ein bisschen mehr nach unten horchen.“

Das scheint auch bei Stadtverwaltung und Politik angekommen zu sein. Ob ihre Bemühungen ausreichen, um mehr Grünauerinnen und Grünauer zum Wählen zu bringen, wird sich herausstellen, wenn am 26. Mai die Wahllokale schließen.

 

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