Albumreview

Was ?!

Nach zwei Jahren Produktionszeit veröffentlicht der Berliner Komponist Nils Frahm sein neues Album 'All Melody'. Der Beweis seiner Vielfältigkeit und ein Plädoyer für empfindsameres Hören in einer für ihn allzu lauten Welt.
Nils Frahm
Nils Frahm

Mit seinen ruhigen, melancholisch-nostalgischen Klavierkompositionen feiert Nils Frahm seit den letzten Jahren großen Erfolg. Er selbst bezeichnet sich gerne als Performer. Dafür experimentiert er an seinen Instrumenten rum, versieht die Klavierseiten mit Filzen, oder schlägt sie mit Toilettenbürsten an. Hinzu kommt die Verbindung von akustischen und elektronischen Instrumenten, für die Nils Frahm bei Konzerten mit einer Hand das Klavier, mit der anderen einen Synthesizer bedient und von einem Tasteninstrument zum nächsten springt.

Ein neuer Ansatz

Nun kommt nach zwei Jahren Arbeitszeit sein neues Album "All Melody" raus. Zwei Monate im Voraus veröffentlicht er den Trailer für das Album – ein Appetithappen für die Fans des Berliner Komponisten. Im Trailer zu sehen:  das Studio im Berliner Funkhaus, das Frahm eigens für die Produktion hergerichtet hat. Inmitten der wunderschönen, holzvertäfelten Wände im Stile der 50er Jahre stehen eine ganze Klangfabrik. Ein Duzend verschiedener Tasteninstrumente, Lautsprecher, analoge Synthesizer, Mischpult, Perkussion und vieles mehr. Aufgestellt, damit der Komponist alles im Rundumblick bedienen kann.

Von all den Ideen, die in den zwei Jahren Produktionszeit entstanden sind, beschränkt sich Nils Frahm auf 74 Minuten Albumlänge. Für ihn gehen mit der Fertigstellung eines Albums gleichzeitig all die anderen Möglichkeiten unter, wie das Album alternativ hätte gestaltet sein können.

Das Album wirkt gleich zu Beginn überraschend. Kein Klavier – dafür ausgesuchte Instrumente, Gesang und mehr elektronischer Klang, als je zuvor. Beeindruckend ist, wie die einzelnen Elemente der Musik sich nach Pattern-Struktur gegenseitig rhythmisch und melodisch ergänzen. Bei "All Melody" zählt aber nicht nur die Melodie. Geräusche, die neben der Aufnahme entstanden, das Spielen mit unterschiedlichen Halleffekten und detailreiche Klangtexturen verleihen den Stücken ihre Tiefe.

Die Eigenschaften der Klänge

Das Album ist eine Fusion zwischen den klanglichen Merkmalen von Natur, akustischer und elektronischer Instrumente. Es entstehen fließende Klangwelten, geprägt von Beats, Melodielinien, oder atmosphärischen Harmonien. Immer wieder kann man sich die Frage stellen: Was höre ich gerade eigentlich?

Wie der Titel schon andeutet, demonstriert Nils Frahm in seinem neuen Album, wie sich verschiedenste Klangeigenschaften auf unterschiedliche Weise zur tragenden Melodie eines Musikstücks entwickeln können. Alles Melodie, alles musikalischer Ausdruck.

Neben den vielen neuen Ansätzen bringt Nils Frahm aber auch Altbekanntes – seine Klavierstücke, die eine besondere Intimität an sich haben.

"All Melody" bietet eine impressionistische Mischung von Kompositionen in verschiedenen Koloraturen. Jedoch kommt während des Hörens gelegentlich auch ein Wunsch auf: der Wunsch nach einer präziseren Kontur. Die repetitiven Strukturen können nach einer Weile wie ein Trancezustand wirken. Bei aller Aufmerksamkeit, die man gegenüber dieser Wirkung aufbringen kann, bildet sich auch ein Verlangen nach mehr von der wundervollen Melodik, die im Anfangsstück „The Whole Universe Wants To Be Touched“ das Album einleitet und in dem Maße nicht wiederkommt.

Nils Frahms Album ist dennoch das bislang ambitionierteste und experimentierfreudigste Projekt des Künstlers und bietet originelle Ansätze.

 

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Alexander Latton
13.02.2018 - 12:30
  Kultur

Nils Frahm: All Melody

Tracklist:
  1. The Whole Universe Wants To Be Touched *
  2. Sunson *
  3. A Place
  4. My Friend The Forest
  5. Human Range
  6. Forever Changeless
  7. All Melody *
  8. #2
  9. Momentum
  10. Fundamental Values
  11. Kaleidoscope *
  12. Harm Hymn

* Anspielempfehlungen

 

Erscheinungsdatum: 26.01.2018
Erased Tapes