Bundestagswahl

Warum wählt Sachsen, wie es wählt?

Nachdem die Bundestagswahl vorbei ist, haben wir uns noch ein weiteres Mal mit dem Politikwissenschaftler Dr. Hendrik Träger unterhalten. Dieses Mal, um über das Wahlergebnis speziell in Sachsen zu reflektieren.
Politikwissenschaftler Dr. Hendrik Träger bei mephisto 97.6.
Politikwissenschaftler Dr. Hendrik Träger bei mephisto 97.6.

mephisto 97.6: Herr Träger, die Wahlanalyse zeigt sehr deutlich, dass gerade in den neuen Bundesländern die AfD besondere Erfolge eingefahren hat. Wie erklären sie sich das?

Dr. Hendrik Träger: Die Wähler in Ostdeutschland sind sehr volatiert. Das heißt, sie sind sehr wechselbereit. Anders als wir das aus Westdeutschland kennen, wo es eine sehr starke Parteibindung gibt. In Ostdeutschland haben wir das nicht. Das heißt, die Wähler dort entscheiden von Mal zu Mal, ob sie wählen gehen und welche Partei sie wählen, weshalb es dann bei jeder Wahl zu sehr starken Veränderungen und Wählerwanderungen kommen kann.

mephisto 97.6: Gut. Betrachtet man die männlichen Ostdeutschen, ist die AfD laut dem ZDF die beliebteste Partei. Welche Ursachen könnte das haben?

Dr. Hendrik Träger: Man kann erst mal sagen, dass Männer ohnehin stärker als Frauen dazu tendieren Parteien am Rand, also sowohl am linken als auch am rechten Rand zu wählen. Männer wählen häufig extremer als Frauen. In Ostdeutschland haben wir dann die Situation, dass die Wähler insgesamt unzufriedener sind als die Wähler in Westdeutschland und das scheint bei Männern noch stärker zu sein als bei Frauen.

mephisto 97.6: Das scheint ja auch besonders bei jungen männlichen Wählern verankert zu sein. Gibt es da vielleicht Gründe, die man noch mal gesondert betrachten muss?

Dr. Hendrik Träger: Das lässt sich jetzt eigentlich so kurz nach der Wahl noch nicht genau sagen. Man müsste noch genauer reingucken wieso, weshalb, warum die Leute die Partei gewählt haben. Aber bei den älteren Wählern, bei den älteren Männern ist es doch so, dass sich vielleicht so eine Art Parteibindung in einer gewissen Weise herauskristallisiert hat, während jüngere Wähler sich natürlich erst noch einfinden müssen und dann von Wahl zu Wahl noch stärker entscheiden, wen sie wählen und wen nicht. Das ist bei Männern natürlich genau so, wie bei Frauen. Vielleicht sogar noch häufiger als bei Frauen.

mephisto 97.6: Der Tagesspiegel hat die Wahl beurteilt, beziehungsweise die Ergebnisse in Ostdeutschland: „Das ist eine Bankrotterklärung für 30 Jahre Wiedervereinigungspolitik." Wie beurteilen sie denn diese Aussage?

Dr. Hendrik Träger: Na ja, das Ergebnis der AfD in Ostdeutschland ist schon ein sehr starkes Signal. Sie ist zweitstärkste Kraft mit über 20 Prozent. Das kann man nicht kleinreden. Man muss aber auch trotzdem sagen, dass immerhin fast 80 Prozent der Wähler in Ostdeutschland nicht AfD gewählt haben. Also es ist nicht so, dass die AfD stärkste Kraft ist, oder die Mehrheit der Ostdeutschen hinter sich hätte.

Insofern muss man das auch durchaus im Verhältnis sehen. Also es ist keine Bankrotterklärung für 27 Jahre Wiedervereinigung. Aber das sehr starke Ergebnis der AfD in Ostdeutschland und auch hier in Sachsen insbesondere ist ein deutliches Indiz dafür, dass ein Teil der Wählerschaft mit dem Prozess beziehungsweise dem Ergebnis der Wiedervereinigung oder mit der Situation jetzt im Lande nicht zufrieden ist.

mephisto 97.6: Sie haben es schon angesprochen. Wir wollen einen Blick auf Sachsen werfen. Hier ist die AfD die stärkste Kraft geworden. Wo liegen hier die Ursachen?

Dr. Hendrik Träger: Die Ursache ist zum einen, dass wir in Sachsen ohnehin relativ schwache Parteien haben. Also die Dominanz der CDU in den letzten Jahren ist weniger auf die CDU selbst zurückzuführen, sondern eher darauf, dass SPD, Grüne, Linke und FDP in Sachsen relativ schwach sind. Und in diese Situation konnte dann noch die AfD mit eindringen. Wenn wir uns einfach mal die organisatorische Situation der Parteien in Sachsen angucken, haben wir ein sehr starkes Stadt-Land-Gefälle. Das heißt, in den Städten haben wir relativ starke Parteiverbände, in den ländlichen Regionen nicht.

In ländlichen Regionen, insbesondere in den drei Landkreisen beziehungsweise Wahlkreisen, in Ostsachsen wo die AfD auch Direktmandate gewonnen hat, ist es so, dass es dort keine richtigen Parteistrukturen gibt. Allenfalls von der Union. Aber die anderen Parteien sind dort nicht so richtig vorhanden. Es findet also überhaupt kein richtiger Parteienwettbewerb in diesen Regionen statt, weil man einfach nicht die Man-Power dazu hat. Und dann sind das auch so Regionen Bautzen, Görlitz, der Landkreis Sächsische Schweiz, Erzgebirge, die sich ein Bisschen abgehängt fühlen.

Man muss sich angucken, dass Sachsen sehr differenziert ist. Also nicht alle sind solche Leuchtturmregionen, wie wir hier in Leipzig haben, die prosperieren und auch sehr weltoffen sind, sondern wir haben auch andere Regionen in Sachsen, die wirtschaftlich etwas nach hinten fallen. Die sich auch beispielsweise bei der Versorgung mit Ärzten oder Schulen schlechter dargestellt fühlen. Das sind natürlich Punkte, die dazu führen, dass in diesen Landkreisen dann viele AfD wählen – aus Protest.

mephisto 97.6: Dann wollen wir uns auch noch einmal mit Leipzig beschäftigen. Besonders aufgefallen ist, dass in Leipzig, also im Wahlkreis Leipzig II die Linke die stärkste Kraft ist, sowohl bei der Erst- als auch bei der Zweitstimme. Wie erklären sie sich, dass gerade der Leipziger Süden der einzige Wahlkreis im Osten ist, der so links ist?

Dr. Hendrik Träger: Wenn man sich den Leipziger Südwahlkreis anguckt, sind das natürlich auch Stadtteile, wie Connewitz, Südvorstadt, Reudnitz, Schleußig, wo es im Durchschnitt ein sehr junges Bevölkerungsklientel gibt, was auch traditionell relativ stark links eingestellt ist. Davon konnte jetzt die Linke profitieren, während bei den anderen Bundestagswahlen im Prinzip die Union in dem Wahlkreis von der Schwäche der Parteien Mitte-Links profitiert konnte, beziehungsweise, dass sich die Parteien Mitte-Links, also Linke, SPD und Grüne gegenseitig Wählerstimmen weggenommen haben.

Die Union war dann gewisserweise die lachende Vierte im Bunde und hat das Direktmandat bekommen. Jetzt war es so, dass die Linke das Direktmandat gewinnen konnte, weil sie noch stärker von der Schwäche der beiden anderen Parteien im Mitte-Links Lager profitieren konnte. Und weil wahrscheinlich auch viele in dem Wahlkreis Süd ein Signal senden wollten. Wenn man sich anguckt, dass teilweise unter anderem in Reudnitz über 30 Prozent Linke gewählt haben, dann ist das ein sehr starkes Signal.

Das Interview können Sie hier auch noch einmal nachhören:

Ein Interview von Redakteurin Anneke Elsner.
 
 

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