Berlinale 2018

Wahnsinn durch die Handykamera

Nach seiner Krankenhausserie "The Knick" und der Komödie "Logan Lucky" kommt mit "Unsane" der neue Film von Steven Soderbergh in die Kinos. Auf der 68. Berlinale feierte der Psychothriller Weltpremiere.
Szene aus "Unsane"
Sawyer bittet die Polizei vergeblich um Hilfe.

Sawyer Valentini (Claire Foy) ist eine junge Frau, die immer noch täglich mit ihrer Angst zu kämpfen hat. In der Vergangenheit wurde sie von einem Stalker namens David Strine terrorisiert und nun sucht sie nach einem Neuanfang in einer anderen Stadt. Sie nimmt einen neuen Job an und anfangs scheint alles ganz gut zu laufen, doch ihr altes Leben lässt ihr keine Ruhe. Sawyer begibt sich in die Obhut einer Psychologin - mit drastischen Konsequenzen. Sie wird gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Das ärztliche Personal und Behörden schenken ihr keinen Glauben und dann erblickt Sawyer in der Klinik ihren alten Stalker.

Technische Spielerei

Im Vorfeld sorgte Unsane bereits mit seiner außergewöhnlichen Machart für Aufsehen. Nicht nur, dass Soderbergh seinen Psychothriller geschrieben, inszeniert, gefilmt und geschnitten hat. Nein, er hat ihn auch noch komplett mit einem iPhone gedreht. Nun muss man dazu sagen, dass diese Idee keinesfalls neu ist, denn bereits 2015 verwendete Jean Baker (The Florida Project) diese Technik für sein Drama Tangerine L.A. über eine transsexuelle Prostituierte, die in der Stadt der Engel ihr Glück sucht. Diese technische Spielerei erweist sich in Unsane als erfrischend effektives Stilmittel, auch wenn sie allein den Film keinesfalls tragen kann. Die eigenartige Optik lässt Unsane überraschend nahbar und roh wirken. Soderbergh verwendet viele Weitwinkelaufnahmen, um die Gänge und beklemmenden Räume in der Klinik einzufangen, was sich zugleich als perfekter Kniff erweist, um den surrealen Wahnsinn, den die Protagonistin durchlebt, einzufangen. Das Experiment ist geglückt!

Schwarzhumoriges Machtspiel

Unsane überzeugt in erster Linie mit einem grandiosen Dreiergespann im Cast. In der Hauptrolle glänzt The Crown - Star Claire Foy, die die abrupten Wechsel von Verletzlichkeit, Wahnsinn, Verzweiflung und Manipulation mit Bravour meistert.

Szene aus "Unsane"
Jay Pharoah als fürsorglicher Krankenpfleger

An ihrer Seite spielen Jay Pharoah als Krankenpfleger, dem sich die junge Frau anvertraut, und Joshua Lenoard als psychopathischer Stalker. Und dann gibt es da noch einen Cameo-Auftritt eines Hollywoodstars, der an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden soll. Spätestens bei dieser Szene dürfte jedem klar sein, dass Unsane sich (zum Glück!) selbst nicht zu ernst nimmt. Soderbergh ist ein routinierter, spannender Psychothriller gelungen. Die Ausgangssituation hat man so zwar schon oft gesehen, aber dieser Psychiatrie-Thriller überzeugt insbesondere durch seine starke weibliche Hauptfigur, die sich von ihren Peinigern einfach nicht unterkriegen lässt und selbst zu manipulativen Machtspielchen greift.

Zugegebenermaßen fällt es in der ersten Hälfte etwas schwer, einen Zugang zu ihr zu finden, denn es gibt viele Momente, in denen ihr Wahnsinn kaum von der Hand zu weisen ist und so ertappt man sich dabei, wie man sich die Frage stellt, ob Sawyer nicht doch am richtigen Ort gelandet ist. In der zweiten Hälfte schlägt Unsane jedoch mehrere Haken, die den Film keine Minute langweilig werden lassen. Wie brutal und zynisch sich die Situation zwischen Sawyer und ihrem Stalker zuspitzt, wird wohl anfangs niemand erahnen können. Mit der Logik darf man es dabei nicht ganz so ernst nehmen, denn einige Ereignisse werden dann doch etwas sehr zurechtkonstruiert, damit die jeweilige Wendung ihre Spannung entfalten kann. Doch darüber kann man hinwegschauen, wenn das Publikum im Berliner Friedrichstadtpalast im Finale mehrfach laut aufschreit vor Anspannung. Unsane ist ein äußerst unterhaltsamer Berlinale-Beitrag!

Fazit

Nach der durchwachsenen Heist-Komödie Logan Lucky ist Steven Soderbergh mit Unsane ein überzeugendes Genre-Debüt gelungen. Sein erster Psychothriller/Horrorfilm ergibt zwar nicht immer Sinn, bleibt jedoch durchweg spannend und wendungsreich. 

 

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Unsane - Ausgeliefert

Drehbuch, Regie, Kamera und Schnitt: Steven Soderbergh

Cast: Claire Foy, Juno Temple, Amy Irving, Jay Pharoah, Joshua Leonard und andere

Laufzeit: 98 Minuten

FSK 16

Kinostart: 29.03.2018

"Unsane" läuft im Wettbewerb der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin außer Konkurrenz.