Literatur

Von Skatern, Hippies und Nerds

Mit seiner Radiokolumne über Jugendkulturen war Sebastian Lehmann lange auf radioeins zu hören. Aus den Texten entstand ein Buch, "Ich war jung und hatte das Geld". Damit ist der Autor aktuell auf Lesetour. Wir haben ihn getroffen.
Sebastian Lehmann gibt seinen Texten eine gewisse Tragikomik.
Sebastian Lehmann gibt seinen Texten eine gewisse Tragikomik.

Produktiver Schreiber- und Leserling

Sebastian Lehmann gehört zu den prominentesten Vertretern der deutschen Poetry Slam Szene. Er moderiert den Kreuzberg Slam, hat unter anderem mit dem "Känguru-Chronisten" Marc-Uwe Kling die Lesebühne Lesedüne gegründet und ist auf SWR3 und radioeins zu hören. Seine Texte veröffentlicht er bei Verlagen wie Ullstein, Aufbau Taschenbuch, Voland & Quist, oder Goldmann – bei letzterem auch Ich war jung und hatte das Geld, seine Sammlung von Jugendkulturen aus den Neunzigern, die er angeblich alle einmal durchlaufen hat.

Er war in Leipzig und hatte das Geld

Die kurzen, zynischen Blicke auf alle erdenklichen Subkulturen lassen sich beliebig durcheinanderwürfeln und neu aneinanderreihen. Klar wird dabei immer: Irgendwie sind die Leute ja alle bekloppt, auf die eine oder andere Weise ... Für eine Lesung eignet sich die Struktur des Buchs natürlich perfekt. So tourt Lehmann auch jetzt noch damit durch Deutschland, nachdem er längst seinen ersten Roman Parallel Leben veröffentlicht hat. Diesen Donnerstag stellt er seine Sicht auf die Jugendkulturen auch im Leipziger Kupfersaal vor, welcher ja vom befreundeten Livelyrix e.V. betrieben wird.

Im Lesezelt beim hessischen Burg Herzberg Festival hatten wir vorab schon mal die Gelegenheit, ihm ein paar Fragen zum Lesebetrieb zu stellen.

Literaturredakteur Maximilian Enderling im Gespräch mit Sebastian Lehmann.
Literaturredakteur Maximilian Enderling im Gespräch mit Sebastian Lehmann.

Sebastian, du hast hier gerade in einem Zelt gelesen. Wie war das?

Hat sehr viel Spaß gemacht! Am Anfang war noch die Metalband im Hintergrund, das war ein bisschen schwieriger. Aber das Publikum war voll dabei. Und es wurden immer mehr, so wie ich das mitbekommen habe. Das fand ich schön, wie immer mehr Leute am Rand stehen geblieben sind.

Dein Kollege Marc-Uwe Kling hat mit dem Känguru so ein Leitmotiv gefunden, welches sehr populär ist. Du hast jetzt mit den Jugendkulturen ein starkes Motiv gefunden. Reicht das jetzt noch für ein zweites Buch, oder hast du das Thema jetzt für dich ausgeschöpft?

Das ist mir jetzt erst mal genug mit 55 Jugendkulturen! (lacht) Es gibt noch ein paar, aber bis jetzt ist kein neues Jugendkulturen-Buch geplant. Die Radiokolumne dahinter ist jetzt auch zu Ende und jetzt muss ich auch erst mal wieder was anderes schreiben, bevor dann das Zweite kommen könnte. Aber erst mal ist da nichts geplant.

Wegen der Radiokolumne kam ich drauf, weil das Känguru auch so angefangen hatte. Da gibt es schon einige Ähnlichkeiten. Habt ihr euch da als Autoren gegenseitig inspiriert?

Ja, auch die anderen Kollegen von der Lesedüne, also Maik Matschinkowsky und Julius Fischer. Wir geben uns gegenseitig die Texte, lesen uns gegenseitig die Texte vor. Das ist auch so ein bisschen Arbeitsgruppenflair manchmal. Wir machen auch Anmerkungen, lesen die Bücher vorher durch ... da schleichen sich natürlich auch Ähnlichkeiten ein, wenn man das schon so lange zusammen macht.

Mal unter uns: Wo du die Jugendkulturen heute so aufs Korn nimmst, gab es in deiner Jugend keine darunter, die du zumindest sympathisch fandest?

Ganz viele natürlich! (lacht) Nee klar, diese Jugend- und Popkulturen, da lebt man ja auch irgendwie drin. Wir sind hier auch auf einem Festival und sehen hier irgendwelche verschiedenen Leute. Aber damals in den Neunzigern war schon Britpop für mich relativ wichtig und Hamburger Schule. Ich hab immer mehr so die Musik durchgemacht.

Du hast ja auch die Hippies dabei. Hier beim Burg Herzberg bist du jetzt auf dem ultimativen deutschen Hippietreffen. Wie kommt's, dass du dann gerade den Hippie-Text nicht vorgelesen hast?

Ich habe überlegt, ob ich ihn vorlese ... aber irgendwie finde ich es lustiger, wenn man nicht genau das immer macht, was die Leute so erwarten.

Im Neo Magazin gibt es ja diese Kateorie „Trendvulkan Mitte“, wo Jan Böhmermann zynisch kommentiert, was so popkulturell in Berlin abgeht und welche Trends die Hauptstadt gerade vorgibt. Du als Berliner, was wird denn die nächste große Jugendkultur?

Was ich auch geschrieben habe, was aber nicht im Buch auftaucht, weil es nicht in den Neunzigern ist: Foodie! Ich glaube, es gibt immer mehr Foodies, also Leute, die auf solche Streetfood Markets gehen und so. In Berlin gibt's auch schon ein paar davon. Das ist dann sehr voll und es wird dieses fancy Essen gegessen. Das ist dann immer ganz klein und ganz teuer.

Bleiben wir mal in Berlin: Du moderierst immer noch regelmäßig den Kreuzberg-Slam. Wie trägt sowas dazu bei, sich selbst als Marke zu etablieren?

Als Marke, das weiß ich nicht ... Also den Slam moderiere ich ja, weil ich von der Slam Poetry komme und da will ich den Kontakt zur Szene halten. Ich mache das nicht, um eine Marke oder Persona zur erschaffen. Das passiert vielleicht, aber ich forciere es nicht.

Trotzdem: Ist es leichter als Autor erfolgreich zu sein, wenn man diese Livepräsenz hat?

Also ich kann es mir gar nicht anders vorstellen, weil ich damit angefangen habe. Weil es dann sofort immer die Reaktionen vom Publikum gab und ich auf der Bühne war. Deswegen komme ich da gar nicht mehr so richtig von los. Deswegen brauche ich diesen Test vor dem Publikum. 

Sind dir Auftritte auf Festivals wichtig, kann man da auch mal andere Leute als das klassische Slam-Klientel erreichen?

Das Publikum, nicht nur bei Slams, sondern auch bei Lesebühnen oder Soloauftritten, ist dann doch immer relativ homogen. Wobei, wenn man in so Kabarettläden auftritt, ist das Publikum vielleicht ein bisschen älter als in Berlin auf Slams. Aber ich hatte heute auf dem Burg Herzberg das Gefühl, es könnte auch ein Slam-Publikum sein, ehrlich gesagt! (lacht) Also ich denke, wer hier die Ankündigung liest, würde auch so auf einen Slam gehen.

Hast du als Autor den Eindruck, dass viele Musikfestivals in den letzten Jahren vermehrt auf Literatur am Rande setzen?

Ich habe schon den Eindruck, dass das ein bisschen mehr kommt, ja. Gerade so Slam, diese kurze Form ist ganz gut. Anderthalb Stunden Wasserglaslesung würden vielleicht nicht so gut passen. Aber eine Dreiviertelstunde lang Texte vorzulesen, oder einen richtigen Slam zu machen ... das kommt so ein bisschen, habe ich das Gefühl. Ich bin häufiger mal auf Festivals. Natürlich nicht so wie eine Band, die den ganzen Sommer jeden Tag Konzerte spielt. Es ist schon noch eher die Ausnahme.

Bist du denn heute schon in Festivalstimmung gekommen, auch für heute Abend?

Ja, ich bin schon ein bisschen in die Stimmung gekommen – ich bin nur froh, dass es nicht mehr ganz so matschig ist. Ich habe gehört, dass es hier die letzten Tage sehr matschig war und ich habe keine Gummistiefel, nur weiße Turnschuhe.

Beste Wahl für ein Festival ...

Der Techniker hatte auch weiße Turnschuhe an, habe ich gesehen. Nur nicht mehr ganz so weiß!

 

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Maximilian Enderling
07.12.2017 - 11:12
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