Im Gespräch: Rudolph Herzog

Von Geistern, die ich nicht rief

Rudolph Herzog nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Berliner Geschichte. In seinem Roman „Truggestalten“ verdeutlicht er wie nah Vergangenheit und Gegenwart beieinanderliegen und lässt die Grenze dazwischen verschwinden.
Rudolph Herzog
mephisto 97.6 Redakteurin Sophie Rauch im Gespräch mit Autor Rudolph Herzog

Geister der Vergangenheit

Wie auch in Dickens "Weihnachtsgeschichte" besuchen auch in Rudolph Herzogs Roman "Truggestalten" Geister einer vergangen Zeit die Menschen. Nur handelt es sich dabei nicht um den Geist der vergangenen Weihnacht, sondern vielmehr um viele Verschiedene mit unterschiedlichen Gesichtern – und Geschichten. In sieben kleinen Episoden wird die ereignisreiche Geschichte der Stadt Berlin aufgearbeitet und es werden Parallelen zur heutigen Zeit gezogen. Dabei verwischt Herzog die Grenzen zwischen Realität und Einbildung, so dass der Leser diese „Truggestalten“ wahrnimmt und von ihnen mitgenommen wird in ein Berlin, das so nicht mehr existiert.

Von Bomben und Mauern

In den einzelnen Episoden beschäftigt sich Herzog mit dem Zweiten Weltkrieg, seinen Folgen, der Nachkriegszeit und schließlich mit dem Kalten Krieg, der Berlin – und ganz Deutschland – teilte. Dabei geht er jedes Mal auf die Folgen der Ereignisse für die Leute der damaligen Zeit und auf die Auswirkung auf die heutige Zeit ein.

Von Knochen, die bei einem Umbau gefunden werden über Alp- und Fieberträume bis hin zu Schuldgefühlen ist alles vorhanden. Dabei entwickelt jede Geschichte ihre eigene Persönlichkeit – bleibt aber im Dialog zu den Anderen. So setzen sich die Protagonisten der jeweiligen Episoden mit denselben Problemen auseinander. Ein roter Faden gestrickt von Schuldgefühlen, Gewissensbissen, Neugier und den Grenzen des menschlichen Verhaltens zieht sich durch die Episoden. Es handelt sich zwar um unterschiedliche Generationen, aber sie alle haben in den Grundzügen dieselben Sorgen/ Probleme, die sie mit sich herum tragen und sind gezeichnet vom Leben. 

Rudolph Herzog
 

Eine Episode, die einem zum Schmunzeln bringt, ist die namens "Doppeldecker". Hierbei geht es um die Geschichte der Berliner Flughäfen und ihre Wirkung auf die Menschen. Bei dieser Geschichte steckt die Ironie im Detail: Beginnend bei einer Protagonistin, die unter Flugangst leidet, aber das erste Drittel der Geschichte nur im Flugzeug verbringt. Über einen Kobold, der sich durch halb Berlin tragen lässt und abschließend durch die Herzog‘sche Enthüllung, warum der im Bau befindliche Flughafen "Willy Brandt" immer noch nicht fertiggestellt ist. "Doppeldecker" ist demnach eine Geschichte, die mit einem lachenden Auge auf die Vergangenheit der Berliner Flughäfen schaut und darin eine sehr skurrile Antwort auf das Desaster des neuen Flughafens findet.  

Auf den Spuren der Vergangenheit

Alles in allem zieht sich die Geschichte Berlins durch die einzelnen Episoden und verbindet diese miteinander. Der Leser erhält einen anderen Blick auf die Stadt. Berlin als Szene-Stadt rückt in den Hintergrund und macht der Geschichte Platz. Dennoch schafft es Herzog diese zwei Merkmale zu verbinden und zeigt, was bleibt – die Vergangenheit, die Berlin wahrscheinlich zu dem gemacht hat, was es heute ist. Vor allem auch durch die bildliche Sprache Herzogs bekommt der Leser einen realistischen Eindruck von den beschriebenen Ereignissen und begibt sich – genau wie die Protagonisten – auf eine Reise in die Vergangenheit und nimmt die Spuren wahr, die diese hinterlassen hat.

Ein Gespräch über Truggestalten

Rudolph Herzog stellt auf der diesjährigen Buchmesse sein literarisches Debüt "Truggestalten" vor.

mephisto97.6 Redakteurin Sophie Rauch hat sich mit Autor Rudolph Herzog über die Geister von Berlin unterhalten:  

mephisto 97.6 Moderatorin Sophie Rauch im Gespräch mit Autor Rudolph Herzog
 

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"Truggestalten" von Rudolph Herzog ist im Verlag Galiani Berlin am 16. Februar 2017 erschienen. Es umfasst sieben kleine Geschichten auf 240 Seiten und kostet 20 Euro. Das Buch ist auch als eBook erhältlich.

Rudolph Herzog ist Autor und Regisseur. Er hat sich mit der britischen Serie "The Heist" international einen Namen gemacht. Außerdem ist er als Dokumentarfilmer beispielsweise für ARD, ZDF und BBC unterwegs. Des Weiteren schreibt Herzog Sachbücher – sein wohl Bekanntestes ist "Heil Hitler, das Schwein ist tot!", welches unter anderem ins Englische, Französische und Chinesische übersetzt wurde. Auch seine Sachbücher behandeln Themen wie das Dritte Reich, die Nachkriegszeit und den Kalten Krieg.  Mit dem Roman "Truggestalten" gibt er sein literarisches Debüt.