Theaterrezension

Von der Ursuppe zum Menschen getanzt

Das Leipziger Tanztheater stellt seit Donnerstag unter dem Motto „Spielwiese“ seine aktuellen Choreografien vor. Wir verraten, was diese so besonders macht.
Zuschauer*innenraum und Bühne waren bei der "Spielwiese" annähernd auf einer Höhe.
Das Publikum und die Bühne waren bei der "Spielwiese" annähernd auf einer Höhe.

Entgegen seinem sonnigen Titel ist dieser Tanzabend keine leichte Kost. Nein, das Leipziger Tanztheater zeigt eindrucksvoll, welche thematische Tiefe der zeitgenössische Tanz bietet.

Spielerisch leicht? Spielerisch schwer!

Doch fangen wir ganz von vorne an: Startpunkt der vielen gezeigten Kurzstücke ist die Suche nach dem Anfang des biologischen Lebens. Im Laufe der folgenden zwei Stunden erforschen die Tänzerinnen und Tänzer dieses intensiv, von simpleren Organismen über verschiedene Insekten oder einen Hering bis hin zu den komplexesten Gefühlsregungen des Homo Sapiens. Letztere werden mit einem solchen Weltschmerz und einer solchen ideellen Energie dargebracht, dass man sie niemals gleichermaßen in Worte hätte fassen können, wie sie hier in Körpersprache übersetzt werden. Die Themen sind oft dunkel, psychologisch anspruchsvoll und trotzdem nicht anstrengend vermittelt.

(K)ein Raum zum Verlieben

Das Werk 2 bietet den Tanzenden eine wahre Spielwiese für die experimentelle Nutzung des Bühnenraums. Auf der einen Seite der industriellen Halle liegt eine klassische Bühne mit herausragenden Laufstegen an beiden Seiten, auf der anderen Seite befindet sich eine mehrstufige Tribüne, welche für die Choreografien genutzt wird, das Publikum sitzt mittig dazwischen eingerahmt und lose im Raum verteilt auf Pappboxen. So ist das Publikum Teil des Geschehens, wenn die Jugendgruppe des LTT sich unter die Zuschauenden mischt und man kann ausnahmsweise einmal zu den Performenden auf der Tribüne aufblicken. Ein großes Problem ergibt sich allerdings aus der Konstellation: überhaupt etwas zu erblicken wird zur Besonderheit. Sitzt man im Zentrum des auf gleicher Höhe verteilten Publikums, so ist es kaum möglich die wundervolle Bodenarbeit der Tanzenden zu bestaunen. Stellt man sich abseits des restlichen Publikums an den Rand, so sieht man zwar sämtliche Choreografien en détail, muss dafür aber am laufenden Band ausweichen, wenn Mitglieder der Compagnie plötzlich den Raum durchqueren.

Tanz der Extraklasse

Sofern man an diesem Abend etwas mehr als nur die Köpfe der semi-professionellen Darstellenden sieht, erlebt man eines der eindrucksvollsten Programme, welche die Leipziger Tanzwelt seit langem zu bieten hatte. Semi-Professionalität ist die Selbstbeschreibung, wohl aber kaum der Anspruch des Leipziger Tanztheaters. Vor allem ist es ein maßloses Understatement, wenn man sich die Qualität sogar der jugendlichen Tänzerinnen anschaut, ganz zu schweigen von den brillanten Choreografien.

Das Erstaunlichste daran: bei etwa einem Dutzend einzelner Kurzchoreographien fällt keines weniger als, salopp gesagt, geil aus. Vom Prädikat „geil“ geht es aufwärts über „super geil“ hin zu „mega geil“ und so bleibt man nach der letzten Choreografie aufgewühlt und atemlos zurück. Zwischendurch sieht man bei einigen Zuschauenden die ein oder andere Träne, so tief vermögen es die Performances in die eigene Gefühlswelt vorzudringen. Ein zusammenhängendes Tanzstück würde vermutlich seine Längen entwickeln, die „Spielwiese“ hingegen ist erstaunlich kurzweilig, weil man sich auf jede ihrer Choreografien aufs Neue einlassen kann und muss. Was die betreuenden Tanzpädagoginnen und Tanzpädagogen hier mit ihren Gruppen auf die Beine gestellt haben, das ist ganz großes Kino. Abschließend bleibt nur noch zu sagen: Liebes LTT, schön, dass es euch gibt!

 

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Maximilian Enderling
18.05.2019 - 22:18
  Kultur

"Spielwiese"

Premiere: 16. Mai 2019

Spielort: Werk 2

Darstellende: Die Compagnien des LTT

Aufführungstermin: So / 19. Mai 2019 / 20:00 Uhr