Labelportrait: SEELEN.

Von der Liebe zur Dunkelheit

Düster, sphärisch und treibend: Mit ihrem frisch gegründeten Label SEELEN. wollen Stigmatique und JANEIN eine Plattform für facettenreichen elektronischen Clubsound bieten. Ein Gespräch über Leidenschaft, Herausforderungen und Faszination für Techno.
Jan und Marcus
Labelmacher Marcus aka Stigmatique (l.) und Jan aka JANEIN sind die beiden Köpfe hinter SEELEN.

"A new chapter is born" – mit dieser dramatischen Ankündigung erregt das neue Plattenlabel SEELEN. gegenwärtig die Aufmerksamkeit der Leipziger Technoliebhaber*innen. Dahinter stehen zwei Männer, die sich bereits in Leipzig und Berlin als DJs einen Namen gemacht haben: Stigmatique und JANEIN.

Die Labelmacher

Marcus aka Stigmatique kaufte sich vor vier Jahren seine ersten beiden Plattenspieler und entdeckte damit seine Liebe zu Vinyl und zum Auflegen. Der geborene Leipziger verfolgt einen düsteren, technoiden Sound, dessen Monotonie er gelegentlich mit Breakbeat neuen Schwung verleiht. In Leipzig hat er etliche Dancefloors von seinen Turntables aus betrachten können: Vom Institut fuer Zukunft über die Distillery bis hin zum Westwerk. Vor einem Jahr hat er sich einem neuen Gebiet zugewandt: Dem Produzieren. Seine neue Passion, mit der er – wie er selbst sagt – alt werden möchte..

1001 SEELEN.001 Stigmatique Set

Jan alias JANEIN hat auf diesem Gebiet schon länger Erfahrungen gesammelt: Er steht seit fünf Jahren an den Decks. Vor drei Jahren begann er, selbst elektronische Musik zu produzieren – veröffentlicht hat er davon bisher nur einen kleinen Teil. Jan stammt ebenfalls aus Leipzig und ist vielen als Resident des Hallenser Technoclubs Station Endlos bekannt. Er bringt die Tanzenden in Leipzig, Berlin und auf etlichen Festivals mit sattem, dunklen, treibenden Techno zum Schwitzen.

1001 SEELEN.001 JANEIN Set Endlos

Jan und Marcus, JANEIN und Stigmatique: Zwei Männer, die die Kunst des Auflegens exzellent beherrschen, keine Frage. Als Producer stehen sie noch am Anfang – trotzdem gründen die beiden ein Label. Was bringt sie dazu?

Auf ein Wort mit Seelen.

Ich bin mit den beiden Labelmachern in Marcus' Wohnung in der Südvorstadt verabredet. Die befindet sich in einem riesigen, herrschaftlich anmutenden Altbau. Am Ende des aquamarin- und ockerfarbenen gefliesten Flurs öffnet mir Marcus grinsend die Tür. Seine Wohnung duftet angenehm würzig nach Räucherstäbchen. Auf einem Sofa sitzt Jan. Er steht auf und gibt mir lächelnd die Hand.

Nach einem kurzen Plausch gehen wir ins Nebenzimmer. Ein schwerer, schwarzer Vorhang trennt den Raum in zwei Teile. Wir gehen an ihm vorbei und stehen im Studio. Es ist relativ dunkel hier. Wenige, sehr helle Lampen beleuchten sein Equipment: Mixer, Computer, Drum Machine und verschiedene Synthesizer. Die Wände sind mit schwarzem, genoppten Schaumstoff verkleidet – damit die Klänge, die hier entstehen, nicht durch die Reflexion der Wände verfälscht werden. Wir setzen uns hin. Die Aufnahme läuft, es kann losgehen.

Marcus Studio
Marcus' Studio in seiner Wohnung in der Südvorstadt.

Der Sprung ins kalte Wasser

Die Geschichte von SEELEN. beginnt im Frühling vergangenen Jahres. Jan war in Neuseeland unterwegs und spielte dort ein paar Gigs. Dort brachte ihn ein Freund auf die Idee, seinen Sinn für elektronische Musik über das Auflegen und Produzieren hinaus zu verwerten und ein eigenes Label zu gründen. Als Jan dann Marcus kennenlernte, stimmte es sowohl zwischenmenschlich, als auch musikalisch: In ihm fand er den Menschen, mit dem er gemeinsam das Projekt angehen wollte.

Im letzten Sommer begannen die beiden mit der konkreten Planung und Umsetzung. Im Oktober hatten die beiden alle Künstler für ihre erste Platte zusammen, die Various Artist Compilation SEELEN.001. Vom Mastering über das Pressen der Platten war es dann kein langer Weg mehr, bis die beiden schließlich ihre erste Platte in den Händen hielten: "Das ging alles ganz fix", lächelt Jan. "Uns wurden keine Steine in den Weg gelegt."

Wie ein viel zu heißer Festivaltag die beiden zusammenbrachte und die Geschichte von SEELEN. aus Marcus' Perspektive ihren Lauf nahm:

Teil I: Der Sprung ins kalte Wasser
1001 Seelen 1

Wie klingt SEELEN.?

SEELEN. ist ein Technolabel. "Techno" ist jedoch ein breitgefächerter Begriff: Viel hängt vom subjektiven Musikverständnis und -empfinden des Hörenden ab, die Grenzen zwischen den einzelnen Genres und Subgenres verschwimmen und sind selten klar abzugrenzen. Deshalb wollen sich Marcus und Jan keinem eindeutig definierten Genre zuordnen. "Wir versuchen, aus allen Genres unsere Ideen zu schöpfen", erklärt Marcus. Jan nickt bestätigend.

Beim Sound fahren sie eine klare Linie: "Ein atmosphärischer, dunkler, düsterer, tronischer Technosound", beschreibt Jan, "eben Techno mit fünf Subgenres."

Den passenden Namen für ihr Projekt zu finden, war eine leichte Aufgabe für die beiden:

Für uns hat jeder Track ein eigenes Klangbild, eine eigene Farbe – eben eine eigene Seele.

Jan aka JANEIN

Marcus und Jan arbeiten in Marcus' Studio an einem neuen Track.
Marcus und Jan arbeiten in Marcus' Studio an einem neuen Track.

Bei der Auswahl der Künstler*innen, die auf den SEELEN.-Platten zukünftig ihre Tracks veröffentlichen, sind die beiden trotz ihres Fokus auf bassverliebten Vorwärts-Techno offen: "Wenn jetzt das Ambientstück kommt, das uns vom Hocker haut, wären wir ja schön blöd, es nicht zu releasen", grinst Jan. Und auch sonst gilt: "Es muss uns einfach gefallen." Marcus ergänzt:

Man muss mit dem Herzen bei der Musik sein. Wir wollen niemanden, der einfach nur abliefert.

Marcus aka Stigmatique

In welchen Sound sich Marcus verliebt hat und wie die beiden junge Künstler*innen unterstützen wollen:

1001 Seelen 2

Ein Herzensprojekt

Bisher fehlte den beiden in Leipzig ein Label oder eine andere Plattform, die genau den Sound abbildet, den sie so lieben, erklärt Jan. "Der Sound hier ist sehr spezifisch und greift meist nur ein bestimmtes Genre ab", erklärt Jan. An dieser Stelle wollen die beiden die Lücke füllen und den Freund*innen elektronischer Tanzmusik eine Plattform für genreübergreifenden Techno bieten.

Unser Grundgerüst ist Techno mit ganz vielen Subgenres. Und das habe ich so noch nicht in Leipzig gesehen.

Jan aka JANEIN

Ob dieses Konzept aufgeht und die beiden sich irgendwann ihren Lebensunterhalt über das Label finanzieren können, steht für sie vorerst im Hintergrund: "Wir machen das aus Leidenschaft, und darum soll es auch erstmal gehen."

Wie anstrengend der Alltag als Labelmacher*in sein kann und was Jan an seiner neuen Position schätzt:

1001 Seelen 3

SEELEN.001: Ein "Spiegel für den heutigen Clubsound"

Anfang Februar erscheint die erste Platte des Labels: SEELEN.001. Wie angekündigt haben sich die beiden nicht von Genregrenzen abhalten lassen: Das Spektrum reicht von Industrial über Acid bis hin zu Elementen der Neunziger. Die Platte ist gefüllt mit düsterem, energiegeladenem Techno, der immer weiter nach vorn drängt und mit seinen treibenden Bässen die Füße der Zuhörenden unweigerlich zum Tanzen bringt.

1001 SEELEN.001 Playlist

Soundtechnisch herumexperimentiert haben die Künstler augenscheinlich nicht besonders und stattdessen vorwiegend auf klassischen Track-Aufbau und bewährte Elemente verschiedener Genres zurückgegriffen. Laut Marcus war ein experimenteller Klang auch nicht das Ziel: "Wir wollten eine Sparte bedienen, die es noch nicht gibt: Ein Label, das den Clubsound von heute widerspiegelt", erklärt er. "Es gibt schon mehrere experimentelle Labels in Leipzig. Da wollten wir uns nicht auch noch einreihen."

Alle Tracks auf der Platte verfolgen einen straight fortlaufende Kickdrum im Vierviertel-Takt – nur Marcus' Track Virus fällt aus dem Raster. Seine Begründung dazu: "Ich mag zwar treibenden Sound, aber es muss schon ein bisschen Schwung reinkommen. Bei einem Vier-Stunden-Set einfach nur Vierviertel vorwärts könnte auf die Zeit schon irgendwie trocken werden." Ein Breakbeat-Track war nicht von Anfang an geplant: Erst im Prozess des Produzierens hat sich diese Struktur abgezeichnet.

Wieso Marcus wegen seines Tracks "Blut und Wasser geschwitzt" hat:

Teil IV: Ein "Spiegel für den heutigen Clubsound"
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Die Compilation SEELEN.001 in Marcus' Plattensammlung.

Mehr als Nullen und Einsen

SEELEN.001 ist eine Various Artist Compilation auf zwei Platten und enthält Tracks von insgesamt acht Künstlern. Darunter sind unter Technoliebhaber*innen sehr bekannte Namen, wie die Berliner Producer und DJs Mørbeck und Marla Singer. Jan erklärt, weshalb sich die beiden für eine Doppel Vinyl Compilation entschieden haben, statt das erste Release nur mit Tracks von ihnen beiden zu füllen:

Wir wollen zeigen, wer wir sind und in welche Richtung das Ganze gehen soll. Wenn man mit einer einfachen EP von einem einzelnen Künstler startet, kann man das Gesamtbild des Labels nicht genau greifen.

Jan aka JANEIN

Ein Punkt dürfte den einen oder die andere stutzig machen: Wieso hat es bei acht Künstlern keine einzige Frau auf die Platte geschafft?

Es sei nicht so, das sie keine Frau in Betracht gezogen hätten, betont Jan. Die weiblichen DJs, die sie kontaktiert haben, seien alle auf mit eigenen Projekten beschäftigt. "Es war wie verhext. Alle Frauen, die wir angeschrieben hatten, konnten gerade nicht", bekräftigt ihn Marcus. In Zukunft würden natürlich auch Frauen auf den SEELEN.-Platten ihre Tracks releasen. Jan ergänzt:

Wenn uns eine Frau einen geilen Track schickt, dann nehmen wir natürlich auch den. Es ist uns egal, ob das Mann oder Frau ist, oder was auch immer die Person verkörpern möchte. Es geht einfach um die Musik.

Jan aka JANEIN

Wieso das Cover der Platte eher nach Heavy Metal statt nach Techno aussieht und warum sich die beiden dafür entschieden haben, ihr erstes Release nicht nur "aus Nullen und Einsen" bestehen zu lassen:

Teil V: Mehr als Nullen und Einsen
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Die Platte auf dem Plattenspieler

 

Zukunftsmusik

Wie bereits erwähnt, ist Jan seit einiger Zeit Resident im Hallenser Technoclub Station Endlos. Diese Verbindung soll weiterhin bestehen bleiben: "Der Laden und die ganzen Leute dahinter sind einfach ein großer Freundeskreis, eine große Familie geworden", lächelt er. Dann fügt er hinzu: „Die Station Endlos steht für Musikvielfalt in allen möglichen Richtungen – da geht es nicht nur straight um den Techno." Und genau das ist es, was er an SEELEN. schätzt: Hier kann er den Sound ausleben, den er liebt.

Vorerst sind nur Marcus und Jan am Label beteiligt – das soll auch erstmal so bleiben. Die beiden müssen sich erstmal an ihre neue Rolle gewöhnen: "Wir können das grad noch nicht greifen", lächelt Marcus. "Ab und zu habe ich noch ein mulmiges Gefühl. Aber das Label hat mir schon jetzt so viele schöne Aha- und Wow-Momente gegeben, dass ich weiß, dass ich das mein Leben lang machen möchte."

SEELEN. ist Marcus' und Jans Herzensprojekt, ihre Leidenschaft. Trotzdem – oder gerade deshalb – stecken sich die beiden vorerst keine zu hohen Ziele. Stattdessen lassen sie sich treiben und warten ab, was die Zukunft bringt:

Wir schauen einfach mal nach vorne, laufen einfach mal, und gucken, wo wir hinkommen.

Jan aka JANEIN

Am 26.1. feiern Marcus und Jan die Releaseparty von SEELEN.001 im Institut fuer Zukunft. Neben ihnen selbst stehen mit Narciss, Verschwender und Inhalt der Nacht auch andere Künstler an den Decks, die auf SEELEN. releasen, sowie Berghain-Resident Fiedel von Ostgut Ton und IfZ-Resident s.ra.

Was die beiden sich von ihrer Releaseparty im IfZ wünschen und wo Marcus und Jan SEELEN. in fünf Jahren sehen:

1001 Seelen 6
Labelmacher Marcus (l.) und Jan.
 

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Lea Schröder
21.01.2018 - 15:43
  Kultur

Die Various Artist Compilation SEELEN.001 erscheint am 01. Februar 2018 auf SEELEN. Records.

Die Releaseparty findet am 26. Januar im Institut fuer Zukunft statt.