Die Kolumne

Von der Hand in den Mund

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Felix Krause über Silvester, Vorsätze und darüber, dass eigentlich alles egal ist.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Von der Hand in den Mund - die Kolumne von Felix Krause
Von der Hand in den Mund - die Kolumne von Felix Krause

Als ich am dritten Januar langsam aus dem Silvester Koma erwache, bin ich voller Stolz. Stolz gemischt mit Vorfreude. Ich habe wieder mit Bravour ein Jahr hinter mich gebracht. Und jetzt: 2017. Ein neues Jahr. Jetzt kann es wieder so richtig losgehen. Lange 365 Tage mussten wir auf diesen Moment warten, haben das alte Jahr 2016 gebührend ausklingen lassen, um jetzt wieder mit frischem Elan und neuen Ideen unsere Herausforderung „Leben“ zu bestehen.

Ich will mir zuerst mal eine Kippe anzünden. Wo ist...? Sonst liegt mein Drehzeug doch immer auf meinem Nachttisch. Na gut. Ich stehe auf. Meine Wohnung sieht katastrophal aus. Ja, Silvester halt. Meine Wohnung aufräumen, das ist einer meiner Vorsätze fürs neue Jahr. Aber zuerst eine Zigarette.

So stehe ich nun am Toaster - ein Feuerzeug ist mir 2017 anscheinend nicht mehr vergönnt – und stelle mir die ganz wichtigen Fragen.

Wieso wird Silvester eigentlich gefeiert?

Klar, Jahreswechsel, aber wieso wird das von allen zum Anlass genommen, sich noch mehr rauszuklinken, als sie es ohnehin schon tun? Tja. Man will halt nochmal so richtig die Sau rauslassen. Weil man 2016 resümiert und feststellt, dass man nicht alles geschafft hat im vergangenen Jahr. Dann kann man es 2016 nochmal zeigen. Fick dich, 2016. Pfui. Aber das kriegt man ja alles locker 2017 hin. Mit dem Sport, mit dem gesünderen Essen, kein Alkohol und Nikotin mehr. Ich werfe meine Kippe in eine leere Bierflasche.

Außerdem ist Silvester ordentlich zu feiern, ja fast schon erste Bürgerpflicht. Unmengen an Geld für Feuerwerk ausgeben. Gutes Essen. Leute treffen. Und natürlich jede Menge gute Laune. Silvester ist DER Abend, an dem wirklich jeder denkt, er müsse irgendwas feiern. Das jährliche Opium fürs Volk, Floskeln und „Dinner for One“.

Mir und dem Rest der Generation „Scheiß egal“ ist das nur recht, um mit allgemeiner Anerkennung im Rausch zu verschwinden. Wir finden es lustig, stumpfe Kollektivrituale zu betreiben, zu denen wir jeglichen Bezug verloren haben. Ironisch natürlich. Schließlich könnte für uns jedes Wochenende Silvester sein. Aber ironischerweise wünschen auch wir uns „einen guten Rutsch“. Und ironischerweise sagen wir dazu Sachen wie „aber rutsch nicht aus“.

Felix Krause, Kolumne
Felix Krause steckt noch zwischen den Jahren fest. Egal.

Jaja, Ironie um jeden Preis. Erhabenheit gegenüber Menschen, denen Silvester an sich wirklich noch was bedeutet. Arme Schweine, die es sich nicht erlauben können, jede Woche erst mittwochs zu beginnen.

Ich ziehe mich an und gehe erst mal raus. Meine Wohnung ist gerade doch zu ekelhaft. 2017 ist lang. Irgendwann werde ich das schon schaffen mit dem Aufräumen. Und wenn nicht, dann halt nicht.

Was soll denn auch schiefgehen? Ist doch alles so dermaßen stabil, dass es völlig egal ist, was ich so mit mir anfange. Unsere Verantwortung ist keine Verantwortung. Einfach nur so unser Ding machen, dann machen wir auch nichts falsch. Geht schon immer weiter.

Ob das nun traurig oder ein Privileg ist, das interessiert uns nicht, solange wir noch Wörter wie „Privileg“ kennen. Hauptsache jeden Tag leben. Pf.

Im Treppenhaus sehe ich eine Tageszeitung, die ein Nachbar abonniert hat. Auf der Titelseite geht es um Sondierungsgespräche, Trump und Gewaltstatistiken. Eine vernünftige Tageszeitung – das ist auch einer meiner Vorsätze fürs neue Jahr. Aber nicht so eine wie die da. Da steht: 03. Januar 2018. 2018? Ich muss lachen und gehe meinen Weg von der Hand in den Mund.

 

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Felix Krause
05.01.2018 - 17:37