Kulturfestival

Von Clowns, Musik und Kreidekreisen

Straßenmusiker kennt jeder. Unter StraßenTHEATER kann man sich schon weniger vorstellen. Dafür finden seit 2007 die Leipziger Straßentheatertage statt, vergangenes Wochenende zum elften Mal.
Die Gruppe Flamingogeschwader 63 bei ihrem poetischen Auftritt.
Die Gruppe Flamingogeschwader 63 bei ihrem poetischen Auftritt.

Es war einmal ein warmer Sommertag in der Leipziger Innenstadt. Ein Dutzend schräge Gestalten treiben sich mit Bollerwagen voller Requisiten auf der Grimmaischen Straße herum und sprechen vorbeilaufende Passanten an. Entweder mit Worten oder stumm mithilfe ausladender Gesten. Manche tragen Kostüme, andere sehen ganz durchschnittlich aus. Eines verbindet sie jedoch alle: Sie brechen mit der Banalität einer Einkaufsstraße und schaffen durch ihre Performances kleine Inseln für Kunst. Denn all diese ungewöhnlichen Gestalten sind wegen den 11. Leipziger Straßentheatertagen hier. Ich nehme in der Fußgängerzone Platz und lasse mich von ihnen entführen.

Flamingogeschwader 63

Die erste Performance, welche ich mir heute ansehe, ist die Leipziger Gruppe Flamingogeschwader 63. Sie haben die Kunstfigur Ernst-Rocco Schiffer-Sehbrecht mitgebracht, einen Dichter vom fiktiven "Institut für postmoderne interpassive Lyrik und dramatische Poesie Plauen", darauf muss man erst mal kommen! Volle 3 Stunden wird hier absurde Lyrik vorgelesen, begleitet von schiefer Flötenmusik. Der Rezitator sitzt mit Sakko auf einem billigen grünen Campingstuhl und macht einen sehr wichtigen Gesichtsausdruck. Auf Dauer ist mir das Ganze allerdings zu anstrengend. Ich laufe ein Stückchen weiter die Einkaufsmeile herunter.

Umamidancetheatre

Hundert Meter weiter spielt gerade das Tanzduo Umamidancetheatre, bestehend aus dem kleinen Madrilenen Gustavo Hoyos alias "Papi Kaos" und dem athletischen Jerome Leperlier alias "Chocolate Sexy" aus Réunion. Die beiden verbinden in ihrer Show klassischen Breakdance mit Pantomime und Slapstickhumor. Szene für Szene werden Groß und Klein zum Lachen animiert. Die beiden Tänzer haben eine Stunde durchchoreografiert, inklusive zeitlich pointierten Soundeffekten zur Untermalung von Schlägen und Ähnlichem. Das Ganze hat irgendwie etwas von Tom und Jerry.

Die Performance bringt immer mehr Passanten zum Verweilen. Mehr als 80 stehen zwischenzeitlich im Kreis um die beiden herum und schauen begeistert zu. An Ernst-Rocco Schiffer-Sehbrecht waren die meisten eher mit irritiertem Blick vorbeigelaufen. Als das Umamidancetheatre fertig ist, gibt es lauten Applaus von allen Seiten. Ich unterhalte mich kurz mit Gustavo und Jerome über ihre Performance, dann ziehe ich weiter.

Compagnie Lapadou

Nach einer kleinen Eispause schaue ich dem Clownduo Lapadou bei ihrer Vorbereitung zu. Es wird sich traditionell geschminkt. Man setzt auf rote Nasen, hochfrisierte Haare und viel zu weite Hosen. Im Gespräch verraten mir die beiden, dass sie diplomierte Clownschauspieler sind. Wie man dazu kommt? "Weil Clowns die Herzen öffnen" lautet ihre Antwort!

Die Show geht damit los, dass mit Kreide ein Halbkreis gezogen wird. Bis dahin und nicht weiter. Dann werden Kreidekreise an der Linie entlang gezogen, einer nach dem anderen. Eine der beiden Clowns hält Passanten an und setzt sie in die Kreise. Ohne, dass es eines Wortes bedarf, ist klar: Da muss man jetzt bis zum Ende sitzen bleiben! Die Show selbst wartet dann vor allem mit vielen kleinen, eher klassischen Sketchen auf. Das gefällt vor allem den zuschauenden Kindern. Sie haben einiges zu lachen und auch ich habe meinen Spaß.

Chabela Poderosa

Der letzte Act, den ich mir heute ansehe, ist die Wienerin Chabela Poderosa. In ihrer Heimatstadt war sie Schülerin des legendären US-amerikanischen Clowns Jango Edwards und ähnlich derb wie bei ihm geht es auch in ihrer Show zu. Sie steckt in einem glitzernden Superheldenoutfit und kämpft mit ihrem (als mexikanischen Wrestler verkleideten) Rollkoffer. Dann wirft sie zum Gesang der Minions Bananen ins Publikum und springt zum Abschluss noch in ein winziges Planschbecken. Das Ganze ist noch abgedrehter als das Flamingogeschwader und es bleiben kaum Passanten bei der Performance hängen. Mich hat es leider auch nicht überzeugen können, aber ich bin gespannt, was mich morgen erwartet.

Monsieur & Pianistin Nora Born

Mein Highlight ist gefunden! Der Clown Monsieur nimmt einen mit in eine andere Zeit. Geschminkt nur mit dunklen Augenringen über einem kleinen Moustache, einem Hemd mit schwarzer Fliege und Hosenträgern und einer irgendwie zackigen Bewegungsweise, die grob an Charlie Chaplin erinnert, ist man mit ihm wieder am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Er guckt grimmig, bedroht das Publikum mit einem Revolver und ist trotzdem (oder gerade deswegen?) urkomisch! Am Miniaturflügel begleitet ihn Nora Born musikalisch und macht das Stummfilmfeeling perfekt. Es wird auf einem Seil getanzt, jongliert und natürlich ganz viel mit dem Publikum interagiert. Letzteres kann einem ein Film natürlich nicht geben.

Im Gespräch erzählt mir Monsieur in feinstem Berlinerisch von der Nostalgie eines Clowns nach russischer Tradition, von der Wichtigkeit der Livemusik für Straßentheater, von kommunalen Repressalien gegen Kunst im öffentlichen Raum und davon, dass Leipzig in der Clownszene ein eher kleines Licht ist. Auf meine Bitte, er möge sich zum Abschluss noch mal vorstellen, geht er einen Schritt nach vorne. Es braucht ein paar Sekunden, dann verstehe ich und muss herzlich lachen. Den Gag muss ich mir definitiv merken!

CamüVelü

Nachdem ich Larsen Sechert, Leiter vom Leipziger Knalltheater und Initiator der Straßentheatertage, auf ein paar Fragen zur Entstehung des Festivals getroffen habe, gehe ich weiter zur letzten Performance, welche ich mir heute ansehen werde. Wieder ein Duo, bestehend aus Pantomime und Hula-Hoop: CamüVelü. Im Mittelpunkt steht bei beiden Künstlern erst lange der Reifen, dann wird in gelber Fischerkluft die Jagd nach Moby Dick nachgespielt. Das Publikum darf dazu aus PET-Wasserflaschen eine spritzende Gischt beitragen.

Die beiden hinterlassen leuchtende Kinderaugen, ich selbst bin aber mittlerweile in Sachen Clownerie mehr als gesättigt. Bis zu der Neuverfilmung von Stephen Kings "Es" im September zumindest. Die Leipziger Straßentheatertage haben allerdings nicht versäumt, mich zu begeistern. Hoffentlich bereichern sie die Leipziger Innenstadt auch im kommenden Jahr wieder!

mephisto 97.6-Redakteur Maximilian Enderling hat sich auf die Leipziger Straßentheatertage begeben, um herauszufinden, was Straßentheater so zu bieten hat:

Ein Beitrag von Maximilian Enderling
1206 LoT Straßentheatertage
 

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Maximilian Enderling
14.06.2017 - 08:36
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