DOK Rezension

Vom Warten auf den Tod

Im Stil von Claudio Calligaris Drama "Amore Tossico", das sich um junge Drogensüchtige in römischen Vororten dreht, kehrt nun der junge Italiener Alessandro Redaelli zurück - mit seiner Version von den Straßen Mailands.
"Funeralopolis" wirft einen düsteren Blick auf italienische Vororte
"Der Nächste soll in meinen Hals!" - Eine Porträtaufnahme beginnt: Der junge Vash, ein tätowierter Kerl mit Pilzfrisur, wird quer von unten gefilmt, ganz nah, man könnte meinen es sei mit einer Handykamera selbst aufgenommen. Natürlich erweist sich das als unmöglich, schließlich verpasst sich Vash gerade einen Schuss. Nach dieser ruhigen Minuten, in der ihm langsam die Nadel in die Halsvene geschoben wird, unterlegt mit düsterer Musik, muss Vash sich erst mal übergeben. Das ist aber lange kein Grund damit aufzuhören.
 
Einige Stunden später treffen Vash und sein ständiger Begleiter Felce auf Freunde in einem Mailänder Vorort. "Jeder behält seine Spritze" wird als Regel aufgesetzt, doch schon kurz nachdem das Spritzbesteck verteilt ist, verlieren die Anwesenden den Überblick. In der kleinen Wohnung beginnt ein Ringen um Leben und Tod. Zigaretten, Crack, Heroin, dazwischen taucht immer wieder die schwarze Katze auf, die das Schauerspiel beobachtet.
Und dann ist da natürlich noch der Mann hinter der Kamera. Gehört er zu ihnen? Schließlich verstecken sie nichts und zeigen in keiner Weise Schamgefühl. 
 

Vom Fruchtsaft zum Spritzbesteck

Alessandro Redaelli drehte ursprünglich farbenfrohe Werbungen für Fruchtsäfte, bevor er wieder auf alte Bekanntschaften aus seinem Heimatort traf und einen Dokumentarfilm über sie begann - diesmal in Schwarzweiß. 
In seinem Film "Funeralopolis. A Suburban Portait" nähert sich der Regisseur so sehr an die Lebenswelt seiner Protagonisten an, dass man meinen könnte, er sei abwesend. Zu Beginn lebt der Film noch von der aufgekratzten Art der beiden Freunde, die versuchen, sich vor der Kamera zu Schau zu stellen, doch bald lässt dieses Spiel nach und Vertrautheit kehrt ein. Zusammen ziehen sie durch die Mailänder Straßen, vorbei an Friedhöfen und Nachtclubs. Immer die Zigarette im Mund und die Spritze in der Tasche.
 
Es sind wahre, aber auch unfassbar harte Bilder, die als Zuschauer unerträglich erscheinen.  Und doch versucht Alessandro Redaelli niemanden zu verurteilen, abzustempeln geschweige denn zu belehren. Es geht ihm vielmehr darum, Verständnis in den Alltag seiner Protagonisten zu bringen. 
Zwei Freunde mit eigenen Vorstellungen und Philosophien, mit schweren Vergangenheiten und mit einer ganz wichtigen Frage: Welcher Sinn versteckt sich im Leben? 
 

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Luna Ragheb
05.11.2017 - 15:07
  Kultur