Kolumne

Vom Regen in die Traufe

Lisanne Surborg über Mietwucher und Mieffontänen
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

"Vom Regen in die Traufe" - Die Kolumne von Lisanne Surborg
1403 Kolumne

Es war die Hiobsbotschaft der vergangenen Woche: Karstadt soll aus der Innenstadt rausgemobbt werden. Und zwar durch eine Mieterhöhung von satten 68 Prozent: ganz schön asozial. Denn Karstadt Leipzig dichtzumachen, würde laut MDR über 400 Leute ihre Jobs kosten.

Um Karstadt selbst tut es mir aber nicht besonders leid. Tatsächlich geht Karstadt mir eigentlich am Arsch vorbei. Ich gehe gern durch Karstadt durch, wenn es stark regnet oder sehr kalt ist. Andere nicht mal dann. Ich frage mich heute zum ersten Mal, was also an einem regnerischen, kalten Tag passieren könnte, wenn ich bei Karstadt tatsächlich mal an einem attraktiven Angebot vorbeilaufen würde.

Kolumnistin Lisanne Surborg
Schockiert, überfordert und ein bisschen angewidert: unsere Kolumnistin Lisanne Surborg

Man muss natürlich fair bleiben: Irgendwer kauft da, schließlich schreibt Karstadt Leipzig wieder schwarze Zahlen, obwohl die Kette seit fast 15 Jahren massiv kämpfen muss.

Schwarze Zahlen also. Da frage ich mich: Wenn sogar Karstadt es schafft, welches Potenzial bietet das Gebäude dann erst anderen Unternehmen?

Moderneren Unternehmen, die mit der Zeit gehen und Leipzigs Wandel entsprechen. Nur weil ein Geschäft schon ewig da ist, heißt das nicht, dass es für immer bleiben muss. Das Gebäude ist riesig und bietet Platz für etwas Neues. Was hättet ihr denn gern in der Innenstadt?

 

- "Ein Schwimmbad wäre cool!"

- "Eine Skihalle"

- "Ein Etablissement…für Erwachsene"

- "Ein Riesengewächshaus"

- "Paintball-Arena!"

- "Planetarium!"

 

Klingt fantastisch, ist aber wohl eher unwahrscheinlich. Ich glaube, es gibt nicht allzu viele Unternehmen, die sich dieses Gebäude leisten können, wenn die 68-prozentige Mieterhöhung draufkommt.

Ich habe mal nachgeguckt, wer denn diese Mieterhöhung überhaupt veranlasst hat: Die Luxemburger Tochter des Schweizer Unternehmens Even Capital. Höchst investigativ wollte ich mal auf der Homepage von Even Capital recherchieren, kam aber nicht weit: Mein Computer gibt Warnsignale von sich und vermeldet eine unsichere Seite mit möglicherweise zwielichtigem Inhalt. Gut. Ich finde trotzdem heraus, dass Even Capital auch hinter dem Petersbogen und dem ehemaligen (!) Burgplatzloch steckt. Jenes Loch wird aktuell mit einem Hotel aufgefüllt.

Ich hoffe, das blüht nicht auch dem Karstadt-Gebäude. Ein Schwimmbad wäre so viel cooler. Aber…aber! Da fällt mir ein, wer angekündigt hat, demnächst Einzug in die deutschen Innenstädte halten zu wollen.

Ein Riesenunternehmen mit riesigen Filialen. Vom Warenangebot her Karstadt eigentlich nicht unähnlich, aber viel beliebter bei jungen Leuten:

IKEA.

Die Mensa-Spezialität „Schneller Teller“ gegen Hot Dogs und Köttbullar, Dunkin Donuts gegen Kanelbulle. Möbelkaufen in der Mittagspause, Småland nach Feierabend. Ikea gegen alle. Wow.

Ja, also falls Even Capital tatsächlich 400 Leuten ihre Lebensgrundlage entreißt, empfände ich Ikea als einen würdigen und realistischen Nachmieter. Aber die stündlich emporschießende Karstadt-Fontäne und ihren seltsamen Geruch werde ich vermissen und für immer in meinem Herzen tragen.

 

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