Kolumne

Vom Radfahren und Kontrolliert werden

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal Max Brose über Italienische Flüche, Kleinbusse und Cuttermesser.
Sieht nicht so aus, wird aber manchmal wütend - Max Brose.

Die Kolumne zum Nachhören:

"Vom Radfahren und Kontrolliert werden" - eine Kolumne von Max Brose
Kolumne 1309

Straßenlaternenlicht, Fahrrad, Karli. In meinem Kopf hallen die Beats von der Halftime im Conne Island nach, während ich unbeschwert nach Hause radele. Als ich am HTWK-Campus vorbeifahre, hält ganz plötzlich neben mir ein Kleinbus, aus dem ein Mann bestimmend sagt:

Können sie mal rechts ranfahren?

Polizist (anonym dank fehlender Kennzeichnungspflicht)

Cazzo – mein neues Lieblingsschimpfwort aus dem Italienurlaub – bedeutet so viel wie Schwanz, naja auf jeden Fall Cazzo, der Transporter ist blau-weiß gestreift und mit Polizei beschrieben. Und ich habe kein Licht an meinem Fahrrad. Also eine Ordnungswidrigkeit. Nur werde ich von den Polizisten eher behandelt, als würde ich gerade aus dem schwarzen Block von den G20 Protesten kommen. Die drei Beamten bauen sich mit der Hand an der Waffe vor mir auf:

Wenn sie mich anlügen, kostet sie das bis zu 1000 Euro

Polizist 1 (anonym dank fehlender Kennzeichnungspflicht)

Nehmen sie sofort die Hand aus dem Rucksack

Polizist 2 (anonym dank fehlender Kennzeichnungspflicht

Dabei hatte ich lediglich mein Portemonnaie nach der Ausweiskontrolle wieder eingesteckt. Machen mich meine blond gefärbten Haare und meine blaue Adidas-Jacke jetzt zur Gefahrensituation? Aber zumindest war mein fehlendes Licht ja ein berechtigter Grund, mich anzuhalten und zu kontrollieren. Ganz anders sieht das auf der Eisenbahnstraße aus.

Erfolgsgeschichte Waffenverbotszone: Eine beschlagnahmte Pistole

Da geht kontrollieren ohne Verdacht, seitdem das Gebiet im November zur ersten Waffenverbotszone in Sachsen ausgeschrieben wurde. Verbotene Waffen sind hier aber nicht nur Schusswaffen, sondern auch Hammer, Schraubenzieher und Cuttermesser. Werden solche Gegenstände außerhalb von sicher verschlossenen Boxen gefunden, drohen Strafen von bis zu 10.000 Euro.

Sehr zum Ärgernis von ortsansässigen Imbissbetreiber*innen und Handwerker*innen. Einer von denen meinte mal zu mir, dass er keine Cuttermesser mehr mit auf die Eisenbahnstraße nimmt, nachdem die Polizei von einem Kollegen seine gesamten Werkzeuge eingezogen hätte. Die tauchen dann wohl auch in den rund 130 gefunden Gegenständen auf, die bisher in der Waffenverbotszone beschlagnahmt wurden – darunter sogar eine – in Zahlen eine Pistole!

Dieses erste Ergebnis der Waffenverbotszone feiert Sachsens Innenminister Roland Wöller als klaren Erfolg. Und solche selbstdefinierten Erfolge braucht das Innenministerium auch, um die Waffenverbotszone nach dem ersten Jahr aufrechterhalten zu können. Damit auch weiterhin hier kontrolliert werden darf, und zwar verdachtsunabhängig.

Racial Profiling und verbale Schlagstöcke

Wenn es keinen Verdacht mehr braucht, kann die Polizei dann ganz andere Kriterien für eine Kontrolle heranziehen. Zum Beispiel die Hautfarbe. Bitte nicht falsch verstehen, ich sehe den sächsischen Justizapparat nicht pauschal als rassistisch. Aber ein Gebiet mit einem hohen Migrationsanteil, polizeiliche Anweisungen, rumänische Personen in Hotels zu melden und ein ehemaliger Justizvollzugsbeamter, der an den Neonaziaufmarsch in Connewitz beteiligt war.

All das klingt doch nach einem ganz guten Nährboden für Racial Profiling. Und dass Rassismus in Sachsen mittlerweile nicht nur salon- sondern auch parlamentsfähig ist, zeigen spätestens 27,5% für die AfD. Die hat – ähnlich der CDU – eine ganz klare Maxime: Es braucht mehr Polizei, denn Sachsen und Leipzig würden immer unsicherer. Dass die Kriminalstatistik da eine ganz andere Entwicklung zeigt, ist egal. Irgendwie muss ja auch das neue Polizeigesetz ab 2020 mit deutlich mehr Befugnissen für Polizist*innen verkauft werden. Denn die Bürger*innen würden sich trotz stetig erhöhter Polizeipräsenz unsicher fühlen.

Unsicher trotz, oder besser wegen erhöhter Polizeipräsenz, habe ich mich auch gefühlt, als ich gestern Abend auf der Karli kontrolliert wurde. Nach den verbalen Schlagstöcken bleibt ein kleiner Schock, 20 Euro Bußgeld und Fahrradschieben bis vor die Wohnungstür.

Cazzo.

 

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