CD der Woche

Vom Lieben und Loslassen

Das neue Werk der Brooklyn-Hipster Dirty Projectors ist ein Breakup-Album in der Tradition von Dylans "Blood On The Tracks" oder Fleetwood Macs "Rumours". Songwriter Dave Longstreth verarbeitet darauf die Trennung von Ex-Bandmitglied Amber Coffman.
Dave Longstreth, Dirty projectors
Dave Longstreth, einziges festes Mitglied und Kopf der Dirty Projectors

Ein neues Album der Dirty Projectors sollte eigentlich ein Selbstläufer sein. Die Gruppe aus New York hat sich mit ihrer einzigartigen Mischung aus Indierock, Folk und RnB längst eine treue Fangemeinde erspielt und wird von zahlreichen Musikkritikern als eine der innovativsten und kreativsten Bands der Gegenwart gefeiert. Mit ihrem letzten Album „Swing Lo Magellan“ aus dem Jahr 2012 schafften sie ihr bislang kommerziell erfolgreichstes Album. Dadurch tasteten sie sich so nah an den Mainstream heran, wie es für musikalische Querköpfe möglich scheint – ohne die eigene Vision zu verraten. Nach fünf langen Jahren Wartezeit hat die Band ihre Fans so lange auf die Folter gespannt, dass bei einer neuen Platte der Erfolg vorprogrammiert scheint. Doch in diesen fünf Jahren hat sich auch für die Dirty Projectors einiges verändert.

Eine Zäsur – privat und musikalisch

Bandleader Dave Longstreth trennte sich von der Gitarristin und Zweitstimme der Band – Amber Coffman. Damit war das Bandgefüge aus dem Gleichgewicht und Longstreths Lust auf ein neues Dirty Projectors-Album erst mal dahin. Stattdessen wollte er seinen Trennungsschmerz in einem Soloalbum verarbeiten. Im Grunde genommen kam es letztendlich auch genauso. Die neue Platte firmiert zwar weiterhin unter dem Bandnamen und heißt auch selbst „Dirty Projectors“ (eine Entscheidung zu der Longstreth angeblich von Produzent Rick Rubin überredet wurde), entstand aber komplett ohne Beteiligung der bisherigen Bandmitglieder. Das „Breakup“-Album „Dirty Projectors“ ist für Longstreth somit in jeder Hinsicht eine persönliche Angelegenheit.

Ein neuer Sound

Auf den kreativen Prozess der Dirty Projectors dürfte sich der Alleingang Longstreths kaum ausgewirkt haben. Auch auf den bisherigen Alben der Gruppe war er der alleinige Songwriter. Der Sound von „Dirty Projectors“ hat sich jedoch schon etwas verändert. Die neuen Songs wirken elektronischer. Auch der zweistimmige Gesang, der zuvor von Amber Coffman vervollständigt wurde und der so charakteristisch für die Band war, tritt nur noch vereinzelt auf und wird von Gastsängerinnen übernommen. Der reduzierte Ansatz passt jedoch gut zu den intimen Texten der Songs. Longstreth verarbeitet die Trennung auf sehr ehrlich Art und Weise und scheut dabei nicht davor zurück, verletzlich zu wirken. Auf dem Opener gibt er sich verbittert und gebrochen:

I don't know why you abandoned me. You were my soul and my partner. What we imagined and what we became. We'll keep'em separate and you keep your name.

Keep Your Name

Bemerkenswert ist, dass die Texte nie ins Bösartige abdriften oder zu Schuldzuweisungen verkommen. Der Respekt gegenüber der Verflossenen bleibt, trotz des Schmerzes, den die Trennung verursacht hat.

Now we're going our separate ways. But we're still connected. You'll go forward and I'll stay the same.

Up In Hudson

Ein herausforderndes Hören

Vorherige Alben der Gruppe wie „Bitte Orca“ und „Swing Lo Magellan“ waren trotz der extravaganten Stilmischung immer noch Pop-Alben, bei denen man schnell mitsingbare Melodien erkannte. „Dirty Projectors“ wirkt dagegen musikalisch anstrengender und sperriger. Einige der Songs wirken beim ersten Hören zunächst wie ein Wirrwarr verschiedener Instrumente und computergenerierter Geräusche. Die Stärke liegt oft eher im Fragment. So wünscht man sich häufig, dass einzelne Elemente wie die klarinettenartigen Synthesizer auf „Work Together“ oder die Akustikgitarre länger anhalten würden. Nach mehrmaligem Hören kristallisieren sich dennoch einige einprägsame Stücke heraus, wie das besagte „Death Spiral“ oder „Cool Your Heart“. Letzteres ist eine recht sonnige Popnummer, die von Beyoncés Schwester Solange Knowles mitgeschrieben wurde. Unterstützt wurde der Entstehungsprozess auch von RnB-Sängerin Dawn Richards. Der Song ist jedoch auch eine wehmutige Erinnerung daran, dass die Dirty Projectors früher gerade dank des zweistimmigen Gesangs ihre besten Momente hatten – und dass das neue Album dementsprechend etwas unvollständig wirkt.

Dirty Projectors

Fazit

Dave Longstreth ist ein hoch talentierter und experimenteller Songwriter, der schon mit Größen wie Rihanna, Kanye West und Beyonce zusammengearbeitet hat. Dementsprechend bleibt auch ein "Soloalbum" wie „Dirty Projectors“, gerade dank der intimen Texte eine spannende Angelegenheit. Dennoch dürfte das Album viele Fans der Band etwas enttäuschen, da es die Eingängigkeit und den Abwechslungsreichtum der früheren Alben vermissen lässt. Vielleicht stand für Longstreth hier also tatsächlich die Verarbeitung seiner Trennung im Vordergrund. Es wird interessant sein, zu sehen, ob seine ehemalige bessere Hälfte Amber Coffman sich auf ihrem Soloalbum ebenso dem Thema der Trennung widmen wird. Ihre Platte soll später im Jahr erscheinen und wird produziert von – hoppla – Dave Longstreth. Da soll noch mal einer sagen, dass Verflossene nicht mehr zusammenarbeiten können.

 

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Martin Pfingstl
27.02.2017 - 18:22
  Kultur

Dirty Projectors: Dirty Projectors

Tracklist:

1. Keep Your Name

2. Death Spiral *

3. Up In Hudson

4. Work Together *

5. Little Bubble

6. Winner Take Nothing

7. Ascent Through Clouds

8. Cool Your Heart *

9. I See You

Erscheinungsdatum: 24.02.2017
Domino records