Landflucht

Vom Land in die Stadt

Noch immer ziehen mehr Menschen von der Provinz in die Stadt. Ländliche Gegenden bluten dadurch immer mehr aus – und werden vor allem für junge Menschen zunehmend unattraktiv. Wachsende Städte wie Leipzig profitieren dadurch.
Mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt.
Auf dem Land wird es leer.

Mehr als jeder vierte Einwohner von Hoyerswerda ist älter als 70 Jahre. Hoyerswerda ist in Sachen Überalterung ein Extrem – jedoch kein Einzelfall. Die ländlichen Regionen in ganz Deutschland werden demografisch deutlich älter. Dies ist ein Nebeneffekt von Landflucht. In Sachsen war das Problem besonders nach der Wende akut. Auch noch heute ziehen mehr Menschen aus den ländlichen Regionen weg als zu. In den Jahren 2010 bis 2014 waren es in Sachsen etwa 10.000 bis 20.000 Menschen pro Landkreis, die ihre Heimat verlassen haben. Landflucht funktioniert wie ein Teufelskreis. In ohnehin schon strukturschwachen Gegenden geht die Jugend, weil ihnen oftmals keine Perspektive und kein attraktives Leben geboten werden. Dadurch schrumpft beispielsweise die Nachfrage nach an Infrastruktur immer weiter. Und die Gegend wird noch unattraktiver.

Problem zu spät erkannt

Die aktuelle Situation sei dabei Resultat der Bundes- und Landespolitik seit der Wende, meint Andreas Borchert. Er ist Bildungsreferent beim Verein Sächsische Landjugend, welcher Jugend- und Bildungsarbeit in den ländlichen Regionen in Sachsen betreibt. Zu wenig sei in Jugendarbeit und in den sozialen und kulturellen Bereich investiert worden.

Viele Dinge [...] wie fehlende Lehrkräfte oder fehlende Ärzte in den ländlichen Regionen bekommen erst seit ein paar Jahren die Aufmerksamkeit mit Förderprogrammen, um dort diese Infrastruktur wieder aufzubauen.

Andreas Borchert, Sächsische Landjugend e.V.

Durch diesen Trend profitieren die Großstädte. Das sieht man auch an der aktuellen Entwicklung von Leipzig. Aktuell wohnen hier etwa 580.000 Einwohner. Allein in den letzten zehn Jahren sind 85.000 Menschen zugezogen. Die meisten Leute, die kommen, tun dies in ihren Ausbildungsjahren. In Städten wie Leipzig gibt es Hochschulen und genügend Betriebe – und genügend Arbeit. Wegen der Attraktivität für junge Menschen wird Leipzig auch für mehr und mehr Unternehmen interessant.

Kluft zwischen Stadt und Land geht auseinander

Dieses Ungleichgewicht hat auch seine politischen Auswirkungen. Auf der einen Seite jung, belebt und gefördert – auf der anderen Seite arm, vernachlässigt, abgehängt. Dies sieht man nicht nur in Deutschland. In Großbritannien stimmten junge Menschen und Großstädte deutlich für einen Verbleib in der EU. In Österreich gab es einen ähnlichen Effekt. Bei der Wahl zum Bundespräsidenten gab vor allem die frustrierte Landbevölkerung für den Rechtspopulisten Norbert Hofer ihre Stimme ab. In Deutschland ist der Erfolg der AfD auch in großen Teilen auf dem Land begründet. Das Problem Landflucht wird voraussichtlich bestehen bleiben. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge wird die Bevölkerung des Freistaates bis 2030 um weitere sechs Prozent zurückgehen. Und das, obwohl Leipzig weiter wachsen wird. Im Jahr 2030 rechnet man mit 720.000 Einwohnern.

mephisto 97.6 Redakteur Felix Krause hat sich mit dem Thema Landflucht beschäftigt:

Ein Beitrag von mephisto 97.6 Redakteur Felix Krause
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Felix Krause
20.03.2017 - 17:49