Unterwegs

Volk ohne Staat

Ein Volk von 12 Millionen Menschen in Europa lebt ohne eigenen Staat. Und das seit 600 Jahren. Klaus-Michael Bogdals neues Buch "Europa erfindet die Zigeuner" erzählt ihre Geschichte.
Vortrag von Dr. Klaus-Michael
Herr Dr. Klaus-Michael Bogdal im Landesbüro der Friedrich Ebert Stiftung Sachsen

Ihre Geschichte in Europa reicht bis ins Mittelalter zurück. Um 1400 tauchten die ersten "Zigeuner" im heutigen Deutschland auf. Der Großteil von ihnen wanderte über die Türkei ein. Da sie deshalb für Muslime gehalten und verfolgt wurden, gaben sie sich zunehmen als geflohene Christen aus Ägypten aus. Deswegen lautet das englische Wort für "Zigeuner" Gypsy, abgeleitet von dem Wort „Egyptian“. Tatsächlich stammen sie aber aus Indien. Es wird diskutiert, dass sie dort möglicherweise der untersten Gesellschaftskaste angehörten und deshalb vertrieben wurden. 

Sprache

Da die "Zigeuner" keine Schriftkultur haben, haben sie im Laufe der Jahrhunderte das Bewusstsein für ihre indische Herkunft verloren. Erst im 19. Jahrhundert ist es Sprachwissenschaftlern gelungen, über die Zigeunersprache einen Bezug zu Indien herzustellen und somit das Rätsel um ihre Herkunft zu lösen. Die Zigeunersprache, auch Romanes genannte, ist aber noch lange nicht einheitlich. Auf ihrem Weg nach Westen hat das Romanes viele Lehnwörter aus anderen Sprachen aufgenommen. Auch daran lässt sich ablesen, mit welchen Sprachgemeinschaften und welchen Völkern die "Zigeuner" Kontakt hatten, also auf welchem Weg sie nach Europa kamen. Sie wanderten jedoch nicht geschlossen nach Europa, sondern kamen in mehreren Einwanderungswellen und ließen sich in verschiedenen Regionen nieder, was zusätzlich zu einem Auseinanderdriften der einzelnen Dialekte führte, doch in der Grundstruktur gehören sie alle zur selben Sprache.

Vorurteile und Ausgrenzung

Auch wenn sie sich teilweise darum bemühten als Christen wahrgenommen zu werden, haftete ihrer Kultur immer etwas Heidnische oder sogar Magisches an. Wahrsagen, Handlesen und Schadenszauber gehören zu den ihnen zugeschriebenen Praktiken. Da sie keinen eigenen Staat bildeten und darüber hinaus in keinem zentralen Dachverband organisiert waren, wurden und werden sie in vielen Ländern als Minderheit unterdrückt. Dabei leben in Europa schätzungsweise 10 bis 12 Millionen Sinti und Roma, allerdings so weit verstreut, dass sie keine politische Macht ausüben können.

Die Zigeuner sind das einzige Volk, das nie einen Krieg geführt hat

Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal

Dass sie in ihren jeweiligen Heimatländern als Minderheiten leben, wurde ihnen oft zum Verhängnis. In Rumänien und Bulgarien beispielsweise wurden sie bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Sklaven gehalten. Doch auch in „zivilisierteren“ Ländern waren sie oft Rechtsunsicherheit und Übergriffen ausgesetzt.

Erzwungene Wege

Daran, dass viele "Zigeuner" keiner geregelten Tätigkeit nachgingen, sind auch die sozialen Mechanismen und teilweise auch die Politik in Europa schuld. Immer noch werden "Zigeuner" in weiten Teilen Europas diskriminiert, es wird ihnen der Zugang zu Bildung verweigert oder eine Arbeit verwehrt.  Diese Ausgrenzung hat in Europa Tradition. Dass sie überhaupt umherziehen, ist auch darin begründet, dass die fest etablierten Gesellschaften sie nicht in ihren Ländern haben wollten und immer wieder vertrieben. Somit war das "nomadische" Verhalten oft eher ein Zwang von außen und nicht immer nur ein Drang von innen.

Imagewandel

Im Europa der Industriellen Revolution wandelt sich die Wahrnehmung der "Zigeuner". Die bis dahin als asoziale verfemte nomadische Lebensweise wurde zum Sinnbild der Romantik idealisiert. In einer Gesellschaft, in der Landflucht und tief greifender struktureller Wandel zu einer immer größeren Verstädterung und Entfremdung von der Natur führten, bekam das Zigeunerleben allmählich etwas Ursprüngliches und Naturverbundenes. Zwar immer noch als Exoten weitgehend ausgegrenzt konnten sie sich unter anderem im Schausteller-, Musiker- oder Wahrsagergeschäft eine Nische schaffen. Mehr und mehr wurde ihre Kultur mit Freiheit und Abenteuer assoziiert. Lagerfeuerromantik und Zigeunermusik bekam ein immer höheres Prestige. Das wachsende Interesse der Gesellschaft war allerdings nicht nur mit Vorteilen verbunden. Durch politische Bestrebungen sollten sie sesshaft werden. Dadurch wurde ihre Kultur weiterbedrängt und teilweise rücksichtslos zerstört. Einige Nationalsozialisten wollten sie, ähnlich den Indianern Nordamerikas, sogar in Reservaten unterbringen.

„Arische“ Abstammung

Der von den Nationalsozialisten missverstandene und missbrauchte Begriff „Arier“ führte zu einer Kontroverse über die Zigeuner im Dritten Reich. Da als Arier nicht nur die „nordische Rasse“ mit blauen Augen und blonden Haaren galt, sondern die ganze indogermanische Völkergemeinschaft zählte, waren die "Zigeuner" als Nachfahren von Indern automatisch auch Arier. Da man ihnen jedoch die Abstammung von der niedrigsten der indischen Gesellschaftsschichten und dazu asoziales Verhalten unterstellte, entschied man sich doch für ihre Auslöschung. Bis zum Kriegsende wurden schätzungsweise 220.000 bis 500.000 von ihnen verschleppt und ermordet. Anders als bei den Juden wurden der Völkermord an den Sinti und Roma lange nicht als solcher anerkannt. Der Bundesgerichtshof bestätigte sogar noch im Jahre 1956, dass es sich bei den Deportationen nicht um eine „Verfolgung einer rassischen Minderheit“ gehandelt habe. In der Urteilsbegründung wurden sie mit primitiven Urmenschen gleichgesetzt.

Problematik heute

Problematisch ist vor allem die subjektive Wahrnehmung der Volksgruppe. Während einige Sinti und Roma, die ihre traditionelle Lebensweise aufgegeben haben, als solche nicht mehr zu erkennen sind, fallen dissoziale Sinti- und Romagruppen durch kriminelles Verhalten auf und schaden stellvertretend dem Image der ganzen Gemeinschaft. Insgesamt leben heute in Deutschland 120.000 Sinti und Roma.

 

Ein Beitrag von Redakteur Alexander Finger
 

Kommentare

Ich weiß nicht, ob ein 2011 erschienenes Buch noch als "neu" bezeichnet werden kann. Doch das nur nebenbei.

Einige Bemerkungen zur Sache seien jedoch gemacht - ob sie jeweils Bogdal oder Finger "anzukreiden" sind, soll hierbei außer acht gelassen werden.

Ob sich die Menschen, die ab dem 15.Jh. in deutschen Landen als Zigeuner aufgetaucht sind, als verfolgte Christen aus Ägypten ausgegeben hatten, da man sie für Muslime gehalten haben soll, scheint mir eine Deutung zu sein, deren es klarer Belege mangelt.

Ebensowenig ist der Grund der Auswanderung aus der Gegend des heutigen Indien bzw. Pakistan geklärt und welcher Kaste die Vorfahren der Zigeuner angehört hatten. Eine mögliche Zugehörigkeit zu unteren Kasten dürfte jedoch kaum ein Grund gewesen sein, da bis heute weite Teile der indischen Bevölkerung unteren Kasten angehören.
Hinter dieser Erklärung mag man das Bestreben von bestimmten Kreisen, denen sich offenbar auch Bogdal angeschlossen hat sehen, die Zigeuner als die ewigen Opfer darzustellen.

Ob die Zigeuner das "einzige Volk" gewesen sind, das nie Krieg geführt hat, das zu beurteilen, dürfte nicht nur Bogdal der weltweite Überblick fehlen. Aber dies reiht sich ebenso in das "Neo-Klischee" von Zigeunern ein wie die falsche, aber immer wieder neu aufgetischte Mär, daß "Roma" "Menschen" bedeuten würde - die "edlen Wilden" der Antiziganismusforscher.
Im Türkischen gibt es die Redewendung "Zigeunerstreit". In der Tat gehören Streitigkeiten und "handfeste" Auseinandersetzungen unter Zigeunern (meist der gleichen Gruppe) schon fast zu einem ihrer Charakteristica - da hatten sie kaum Zeit für Kriege ;-)

Zigeuner waren und sind kaum als Nomaden zu bezeichnen, da keine Viehzüchter, es sei denn, man will jede Art von Mobilität als "Nomadismus" bezeichnen, wobei man sich allerdings vom eigentlichen Wortsinn entfernt. Mobilität oder Nomadismus als eine ihrer Formen, so scheint es einem, wird offenbar von Bogdal und anderen auch heute noch als etwas Negatives ("Zwang") bezeichnet, das man von Zigeunern wegzudiskutieren bestrebt ist.

In Europa leben nicht nur Sinti und Roma, sondern z.B. auch Gitanos/ Calé, die sich weder als Sinti noch als Roma ansehen bzw. bezeichnen - abgesehen von ein paar Aktivisten, die jedoch "Bodenhaftung" verloren haben.

Da es d i e Zigeuner (auch nicht d i e Roma oder d i e Sinti) nicht gibt, sind Aussagen wie "konnten sie sich im Schausteller-, Musiker- oder Wahrsagergeschäft eine Nische schaffen" falsch, da sie die ganze Bandbreite der Berufe verschiedener Zigeunergruppen ausblenden.

Die "einbetonierte" Zahl von 500.000 in der NS-Zeit "verschleppten und ermordeten" Zigeunern ist bisher noch von keinem seriösen Historiker genannt worden. Genau genommen (doch wer nimmt das in diesem Zusammenhang schon) sind auch nicht alle NS-Opfer unter den Zigeunern "ermordet" worden.

Da es in Deutschland keine ethnischen Statistiken gibt, manche Zigeuner(gruppen) ihre Identität nicht offenbaren, kann auch keine annähernd genaue Zahl (wie es die 120.000 suggeriert) angegeben werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin ein Sinto und ich fühle mich durch Herrn Bogdals Schreibtischforscherei diskriminiert. Dieser Herr Bogdal verdient mit seiner Unwissenheit über Sinti sehr viel Geld. Was er über Kultur, Sprache, Wanderung schreibt entspricht nicht der Wahrheit. Sinti und Roma unterscheiden sich in Sprache, Kultur, Sitten und Normen. Der Unterschied ist so erheblich wie bei Deutschen und Türken. Sinti stammen vom Sindh. Urkunden beweisen das wir uns schon im 17. und 18. Jahrhundert Sinti nannten. Sinti, egal wo auf der Welt sie Leben, sprechen sie die selbe Muttersprache. Das ist keine Vermutung, sondern eigene Erfahrung, ich habe mit Sinti aus anderen Ländern gesprochen. Sinti sind auch keine Teil oder Untergruppe der Roma, wir waren schon in Indien verschiedene Stämme. Aufgrund unserer Kultur können wir davon ausgehen, das der Unterschied zu den Roma, eine anderen Kastenzugehörigkeit ist, das belegen unsere Sitten und Normen. Mehr möchte ich zu diesen Zeitpunkt nicht preis geben. Bitte glaubt nicht alles was Herr Bogdal schreibt, denn er gehört zu den Unwissenden.

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In diesem Artikel wird bewusst die Bezeichnung „Zigeuner“ verwendet. Dabei handelt sich um eine kulturwissenschaftliche Benennung einer historischen Volksgruppe. Die heute lebenden Angehörigen dieser Volksgruppen werden unter der Bezeichnung „Sinti und Roma“ zusammengefasst.

 

Das Buch "Europa erfindet die Zigeuner" ist erschienen im Suhrkamp Verlag und erhältlich für 24,90 €.