Die Kolumne

Vinanzierung mit V

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Felix Krause über … Absichten zur Expansion gastronomischer Privatunternehmen.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Vinanzierung mit V, die Kolumne von Felix Krause
Vinanzierung mit V, die Kolumne von Felix Krause

Woran erkennt man ein veganes Restaurant? - Es teilt es dir oft genug mit. So macht es zumindest die Vleischerei. Die mit „V“, beim Felsenkeller. Die wirbt damit, das erste rein-vegane Fast-Food-Restaurant im Leipziger Westen zu sein. Da gibt es Sachen zu essen wie den Vöner (also den veganen Döner), Burger, Würste, Gyros und so weiter und so fort, und zwar alles vegan. Bei denen scheint es ganz gut zu laufen, denn die Vleischerei will jetzt eine zweite Filiale eröffnen. Aber wo macht man das am besten? Also ein hippes Restaurant aufmachen, wo natürlich noch geduzt wird, wo man schön im teilsanierten Altbau an provisorisch aussehenden, aber genauso gewollten Tischen sitzt?

Hm... Wie wärs mit der Eisenbahnstraße?

Ja genau, in der Eisenbahnstraße. In der Hausnummer 128 wird die Vleischerei Ost ab Herbst aufmachen.

Och toll! So wird das Angebot an Kulinarischem dort noch reichhaltiger.

Ja, stimmt.

Und nächste Woche: ...

Moment, warte mal. Das ist ja schön und gut. Ich finde auch veganes Essen extrem sinnvoll. Aber trotzdem hinterlässt die geplante Erweiterung der Vleischerei irgendwie … Bauschmerzen bei mir.

Wieso?

Weil meiner Meinung nach ein Laden wie die Vleischerei eine ganz bestimmte Zielgruppe anspricht, nämlich junge, hippe Menschen, etwas besser situiert, die gerne für eine vegane Currywurst mit Brot 4 Euro 50 ausgeben wollen. Und können. Also diejenigen, die nach und nach die bisherige Anwohnerschaft verdrängt haben und jetzt in einem Laden essen, der ansässige Läden verdrängt und ja, jetzt spreche ich es aus: Gentrifizierung!

Äh, wie bitte?

Die Vleischerei in Plagwitz gibt es seit 10 Jahren. Seit 2008, als der Westen noch jung und wild war, als die Pionierinnen und Pioniere dort hinzogen, um kreatives Zeug zu machen. Jetzt ist das Gebiet um die Eisenbahnstraße ein solcher Ort des Begehrens geworden. Die Vleischerei, die hier jetzt entstehen soll ist also irgendwo sowohl Abbild, als auch Indikator für die nächste Stufe von Gentrifizierung im Leipziger Osten.

Kolumne, Felix Krause
Felix Krause isst eigentlich ganz gerne vegan.

Tja. So läuft das nun mal.

Ja, da hast du recht. Aber ich finde die Scheinheiligkeit des ganzen Prozesses irgendwie bedenklich. Ich meine: Wieso eröffnet man einen Laden? Weil man es geil findet. Generation Selbstverwirklichung halt. Wenn der irgendein Alleinstellungsmerkmal hat, wie zum Beispiel nur veganes Essen, prima! Beim zweiten Laden wird es da schon etwas schwieriger. Die eigene ideologische Motivation bekommt dann schon fast was missionarisches. Ist ja auch nicht unüblich, besonders bei Kampfbegriffen wie „veganem Essen“. À Propos, die Vleischerei hat selbst eine leicht fragwürdige Gleichung aufgestellt, Zitat: „mehr vleischerei = mehr leckers veganes essen [...] = mehr beszeres feeling = weniger tierleid = weniger idioten“. Daraus ergibt sich die Gleichung „mehr Vleischerei = weniger Idioten“. Es wird also durchaus mit der ethischen Überlegenheit des eigenen Lebensentwurfs argumentiert.

Aber geht es unterm Strich nicht sowieso immer ums Geld?

Das ist mein zweites Beispiel für die Motivation für einen zweiten Laden: klar, es geht hier ums Geld. Nach eigenen Angaben hat sich die Vleischerei „gut etabliert“ und sie hat „einen großen Kundenstamm und die Nachfrage wächst stetig“. Der folgerichtige nächste Schritt ist demnach zu expandieren an einen weiteren Ort mit zahlungsfähiger Klientel.

Willkommen im Kapitalismus.

Ja, aber der Haken der gesamten Farce ist: Für den zweiten Laden wurde eine Crowdfunding Kampagne gestartet! Ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das sehr gut funktioniert und sich weiter vergrößern will, setzt auf die Unterstützung der "Crowd"! Und das erfolgreich. Das Ziel von 22.006 Euro und 25 Cent war gestern Mittag [21.06.2018, 13:00 Uhr] schon erreicht.

22.006 Euro und 25 Cent?

Unterstützt haben 477 Personen, die coole Goodies abstauben wollten und es gut finden, ein funktionierendes Unternehmen finanziell zu pushen, wo sie dann später eine kleine Pommes für 2 Euro 90 kaufen können. Aber profitieren tun ja schlussendlich alle. Denn statt eigenem wie-auch-immer Interesse ist die Motivation laut Vleischerei: „Auf der Eisenbahnstraße sollst du ab Herbst die Möglichkeit haben, leckeres veganes Essen zu genießen“ (was man da übrigens auch jetzt schon kann). Aber getriggert mit Begriffen wie, die Vleischerei werde ein „Ort nachhaltiger Vernetzung“ und mit moralischer Rückendeckung à la wir = eine bessere Welt, kann man heutzutage ja wirklich für jeden Scheiß auf Unterstützung hoffen.

 

Kommentare

Tja, schade, dass der Autor sich nicht mal die Mühe gemacht hat, die Fakten zu recherchieren, warum es vielen Menschen wichtig ist, ein veganes Restaurant zu eröffnen oder zu besuchen.
Hier ein paar Hintergrund-Infos, die Sie vielleicht Ihre Meinung ja noch mal überdenken lassen? :)

https://www.zdf.de/dokumentation/37-grad/37-geheimsache-tiertransporte-1...

https://www.facebook.com/BR24/videos/10156197019340336/

https://youtu.be/WqT5g9y4dmE

@Elke Liebe Elke, der Autor befürwortet selbst in keinster Weise Massentierhaltung, darum sollte es in der Kolumne allerdings auch nicht gehen. Liebe Grüße vom Online-Desk 

 

 

@Jan Borree Hallo Jan, dann verstehe ich z.B. den letzten Satz nicht: Wieso wird eine tolle Initiative, die Massentierhaltung völlig überflüssig macht, als "der letzte Scheiß" bezeichnet? Mir kommt es eher so vor, als suchen Sie das "Haar in der Suppe", anstatt sich darüber zu freuen, dass Menschen versuchen, etwas besser (für alle!) zu machen.
VG, Elke

@Elke Hallo Elke, der Autor findet Initiativen nicht "den letzten Scheiß", die sich gegen Massentierhaltung einsetzen. Ganz im Gegenteil. Er findet es "scheiße", wenn moralische Fragen andere (wie wirtschaftliches Interesse) völlig überlagern. Und im Fall der Vleischerei ist das seiner Meinung nach mustergültig passiert. Liebe Grüße vom Online-Desk

Warum haten hier AutorInnen gegen kleine Gastros mit Anspruch wenigstens ein bisschen was besser zu machen, die versuchen ihren MA’s über Mindestlohn zu zahlen und einer der wenigen politisch koolen Projekte in LE darstellen - obwohl man offenbar keinen Schimmer vom Gastronomiebereich hat. Klar, laeuft, da muessen ja jeden Monat Tausende Euros liegen bleiben!!1
Der Kommentar ist einfach nur peinlich.

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