Festivaltagebuch: Reeperbahn Festival

Vier Tage auf der Reeperbahn

Seit 2006 hat es sich das Reeperbahn Festival zur Aufgabe gemacht, Newcomern und bereits etablierten Musikerin und Musikerinnen eine Bühne zu geben. Unsere Musikredakteure waren bei der 12. Ausgabe in Hamburg dabei.
Blackout Problems
Blackout Problems in luftiger Höhe auf den Reeperbahn Festival 2018.

Die Reeperbahn – für die meisten ist diese sagenumwobene Straße im Hamburger Osten eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten der Hansestadt. Neben den bekannten Casinos, Bordellen und verruchten Kneipen hat dieser für die meisten eher wenig einladende Fleck Erde aber noch mehr zu bieten. Schließlich befinden sich hier auch einige der besten Musikvenues Deutschlands. 

Mittwoch

Am Mittwochabend steigen wir aus der Bahn und müssen feststellen, dass noch nicht so viel los ist, wie erwartet. Wir hatten Prostituierte, Zuhälter und Betrunkene erwartet, die sich zwischen den Festivalbesuchern tummeln. Egal, vielleicht ist es einfach noch zu früh dafür.
Nachdem wir unsere Bestellbestätigung gegen ein echtes Festivalbändchen ausgetauscht haben, begeben wir uns zur ersten Location des Abends: Der Mojo Club. Der kleine Club befindet sich unter der Erde und ist nur betretbar, wenn der Asphalt aufgeklappt wird und eine Treppe nach unten erscheint. Ziemlich beeindruckend. Unten angekommen hören wir uns Ex- Me And My Drummer Sängerin Charlotte Brandi an, die seit diesem Jahr alleine Musik macht und uns in die richtige Stimmung für einen schönen Abend bringt. Nach ihr spielt Indie-Popperin Ilgen-Nur aus Hamburg ein Slacker-Set, wie es im Buch steht. Danach heißt es, wieder an die Erdoberfläche aufzusteigen und die Essensbuden auf dem Spielbudenplatz auszuchecken. 

Gut gestärkt begeben wir uns dann in eine der größeren Venues auf der Reeperbahn: Das Docks. Der Konzertraum ist schon richtig voll mit Menschen, die geduldig auf Jungle warten. Da wir die Funk-Band nicht zum ersten Mal sehen, wissen wir, was zu erwarten ist. Trotzdem bringen die Boys und Girls so eine krasse Energie auf die Bühne, dass auch wir wieder überrascht werden. Der erste Festival Tag war also ein voller Erfolg!

 

 

Donnerstag

Diesmal geht es für uns etwas zeitiger los, denn schon den ganzen Tag über spielen Bands und Solo-Künstler und Künstlerinnen kleine Sessions, um sich der in Vielzahl anwesenden Musikpresse vorzustellen. Wir gesellen uns zur Dutch Impact Party im bekannten Indie-Club Molotow und schauen uns die niederländisch Folkband Rosemary & Garlic an. Ziemlich süß auf alle Fälle! 

Goat Girl Interview

Danach ist es Zeit für das erste Interview des Festivals: Goat Girl. Im Büro ihres Plattenlabels quatschen wir über ihr Debütalbum - Bands aus Südlondon -  und, warum Politik in Musik kein Muss ist. 

Danach schauen wir uns eine weitere niederländische Band an. DeWolff sind extrem begehrt und wir kommen ein wenig zu spät. Schade! Das Set von The Night Game schaffen wir dann aber in voller Länge, sind uns aber nicht ganz sicher, ob wir den Amerikaner (was er leider extrem raushängen lässt) peinlich oder einfach nur genial finden. 80s Revival mit Rap und Elektroeinflüssen – irgendwann ist auch gut. Nach Matt Grasham (der neue Ed Sheeran?) und Amber Run (waren auch mal besser) sehen wir endlich Goat Girl auf der Bühne des Knusts.

Damit ist der Tag aber noch nicht zu Ende: Gegen Mitternacht tritt nämlich die neuseeländische Musikerin Princess Chelsea auf, die gerade ihr viertes Album auf den Markt gebracht hat. Mit ihrem süß-schwarzen Synthie-Pop ist sie das Highlight des Tages.

Das Interview mit Goat Girl zum Nachhören gibt's hier: 

Musikredakteurin Marie Jainta im Gespräch mit Naima, Rosy und Lottie von Goat Girl.
 

Freitag

Am Freitag heißt es leider Land unter! Es regnet, aber es sind dann doch nur Böen, die das Festival für ein paar Stunden zum Stillstand bringen. Wir suchen beim Hamburger Musiksender 91,7xFM zu Flucht und dürfen den intimen Auftritt des Luxemburgers Bartleby Delicate mitbekommen. An den sollte man sich auf alle Fälle erinnern. 

Blackout Probems Interview

Das Außengelände des Festivals ist dann zwar immer noch gesperrt, trotzdem treffen wir uns mit Mario von Blackout Problems zum Interview während es um uns herum aus Kübel gießt.

Das Interview zum Nachhören gibt's bald hier:

 

Zu unserer großen Freude treten die oben genannten DeWolff an diesem Tag nochmal auf und spielen ein Akustik-Set auf der Reeperbahn. Im Sommersalon direkt daneben spielen danach Blind Butcher aus der Schweiz und lassen unsere inneren Cowboys und -girls rauskommen. Die beiden machen zwar keinen Country, aber ihre crazy Disco-Trash-Sounds hat  einen ordentlichen Rhythmus drauf.

Danach geht es in eine ganz besondere Location: die St. Michaelis Kirche a.k.a. Michel. Die Hauptkirche Hamburgs ist nicht nur Platz für Gottesdienste und Co, sondern auch Platz für großartige Bands an diesem Wochenende. Als erstes spielt Okkervill River, eine Band, die vor ein paar Jahren kurz vor der Auflösung stand, sich dann aber doch dagegen entschieden hat. Zum Glück! Die Amerikaner klingen mit ihrem Folk-Pop nämlich richtig schön und können auch nicht glauben, wo sie gerade spielen dürfen. 

So geht es auch Get Well Soon, dem Musikprojekt von Konstantin Gropper. Der spielt mit seinem Orchester und seinem Vater an der Orgel sein neues Album „The Horror“ inklusive seiner drei Albtraum-Songs („Nightmare No 1 (Collapse)“, „Nightmare No 2 (Dinner at Carinhall)“ und „Nightmare No 3 (Strangled)". Dass es gewaltig klingt, sollte klar sein. Was das Ganze aber noch schöner macht, sind die Gast-Auftritte von Ghalia Benali, Sam Vance-Law und Kat Frankie. Mit der Letzten spielt er dann sogar den speziell für die Talkshow „Schulz und Böhmermann“ geschriebenen Song „When You’re Near To Me“. Wow!

 

Samstag

Am letzten Festivaltag gehen die Temperaturen auf einmal runter auf 10 Grad und es regnet wieder in Strömen. Wir überlegen uns kurz, einen der vielen Vorträge anzuhören, aber das Wetter wird doch besser und wir schauen uns das französische Indie-Pop Duo Part-Time Friends an. 

Klaus Voormann

Weil in den nächsten paar Stunden leider nicht so viel los ist, entscheiden wir uns, die Ausstellung von Klaus Voormann zu besuchen. Der Grafiker ist als „fünfter Beatle“ in die Musikgeschichte eingegangen, weil er das bekannte „Revolver“ Cover der Beatles entwarf und angeblich noch bis heute mit Paul McCartney befreundet ist. Wir können sogar einen Blick auf den Grafiker erhaschen, was fast so gut ist, wie die Pilzköpfe selbst zu sehen.

Mit heißer Schokolade im Bauch sehen wir dann die schottische Rock-Band Fatherson, begeben uns dann aber wieder ins Zentrum der Reeperbahn, wo sich jetzt auch das typische Reeperbahn Publikum herumtreibt. Und wer darf da nicht fehlen? Drag-Queen Olivia Jones, der hier fast jeder Club gehört. Wir lassen uns davon nicht ablenken, sondern bahnen uns den Weg zu Großen Freiheit 36, wo wir den Rest des Abends verbringen werden.

Am Anfang spielt WhoMadeWho, die als Partyband bekannt ist und tatsächlich in Kostümen auf der Bühne stehen. Wir sind uns nicht sicher, was sie genau darstellen wollen, aber die Musik macht auf alle Fälle Spaß. Zum krönenden Abschluss treten dann Metronomy auf. Die haben nämlich wirklich mehr Songs als „The Look“, die wahnsinnig gut sind und auf der Bühne genau so gut funktionieren. Neben vielen älteren Liedern spielen die Briten auch viel von ihrem letzten Album „Summer 08“.

Mehr als glücklich haben wir damit das Reeperbahn Festival erfolgreich überstanden. Auch, wenn es meistens erst Abends richtig los ging, ließen die rund 600 Bands keine Wünsche offen. Es gibt wahrscheinlich keine bessere Möglichkeit, die Clubs Hamburgs von innen kennenzulernen.

 

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Das Reeperbahn Festival 2019 findet vom 18.09.2019 - 21.09.2019 statt. 
Tickets und Infos gibt's hier.

 

 

 

Das sind die Highlights unserer Redakteure:

 

Jonas

1. Get Well Soon (feat. Kat Frankie, Sam Vance-Law & Ghalia Benali)
2. Jungle
3. Ilgen-Nur

 

Marie

1. Princess Chelsea
2. Metronomy
3. Get Well Soon (feat. Kat Frankie, Sam Vance-Law & Ghalia Benali)