Soziales Engagement

"Viele Freunde habe ich gefunden"

Wie eine Stadt sich entwickelt, das entscheidet auch das Engagement ihrer Bürger. Seit 25 Jahren treiben Ehrenamtliche beim soziokulturellen Zentrum "Die VILLA" eigene Projekte voran – eins davon ist die Integrative Foto-AG.
Die Integrative Foto-AG des soziokulturellen Zentrums "Die VILLA"

Roland ist seit Anfang an dabei: Schon als die Integrative Foto-AG im Jahr 1992 gegründet wurde, gehörte er zu der Fotografiergruppe von Menschen mit und ohne geistige Beeinträchtigung. Wöchentlich treffen sich um die zehn Teilnehmer im soziokulturellen Zentrum "Die VILLA" in der Lessingstraße.

Dann legt die Gruppe ein Thema fest und zieht gemeinsam los, meist mit analogen Schwarz-Weiß-Kameras, denn die Fotos werden noch selbst in der Dunkelkammer entwickelt. 

"Kalender haben wir selbst gebastelt, und viel mehr noch. Postkarten haben wir letztens noch selbst gemacht." 

Roland, Mitglied der Integrativen Foto-AG

Auf den Zusammenhalt kommt es an 

Mathias ist seit sechs Jahren bei der Foto-AG, er sagt: "Ich fotografiere und entwickle gerne. Früher mal hat mein Opa das auch gemacht." Viele Foto- und Bastel-Aktionen hat die Gruppe schon durchgeführt, zum Beispiel wurde mit der Lochkamera experimentiert. Bei den wöchentlichen Treffen lernen die Mitglieder der Gruppe nicht nur, welche Handgriffe bei der Fotografie wichtig sind. 

Mathias sagt: "Ich habe viele Freunde gefunden." Vor allem komme es auf den Zusammenhalt in der Gruppe an, damit bei der Fotoentwicklung alles gut funktioiniert. Mathias hat heute eine Freundin von sich mitgebracht. Kathrin möchte sich erstmal ansehen, was die Gruppe so macht. Vielleicht kommt sie dann wieder.

Die Foto-AG hat 23 Jahre auf dem Buckel 

So wächst die Fotogruppe, manchmal schrumpft sie natürlich auch – aber mit ihren 23 Jahren auf dem Buckel ist die Integrative Foto-AG auf jeden Fall ein zentraler Bestandteil der "VILLA" in der Lessingstraße. Deswegen gestaltet die Fotogruppe auch eine Ausstellung zum 25. Geburtstag der "VILLA" , wie die AG-Leiterin Birgit Czeschka erklärt:

In der Ausstellung "Nach dem Auslösen" sehen wir Fotos, die in den letzten Jahren oder auch schon vor 20, 25 Jahren entstanden sind: Eine Collage quasi, aus unterschiedlichen Projektthemen, Schwarz-Weiß, oder auch hin bis zu digitalen privaten Fotos. 

Birgit Czeschka, Leiterin Integrative Foto-AG am soziokulturellen Zentrum "Die VILLA" 

Es begann mit einer Protestaktion 

Die Bilder zeigen unter anderem, wie sich Orte wie der Markt oder Am Brühl im Laufe der Jahre verändert haben. Auch die "VILLA" selbst blickt mittlerweile auf eine veränderungsreiche Geschichte zurück. Alles begann mit einer Protestaktion – wie Oliver Reiner, Geschäftsführer der "VILLA", erklärt: 

Die "VILLA" ist ja entstanden in den Wirren der Wendejahre. Engagierte Leipziger hatten sich gesagt: Das macht eigentlich keinen Sinn, wie die DDR mit Jugend umgeht. Und die DDR-Jugendorganisation – die Freie Deutsche Jugend – hatte in Leipzig einen repräsentativen Standort, wie man heutzutage sagen würde: Eine Jugendstilvilla, in der sie ihre Stadtleitung hatte. 

Oliver Reiner, Geschäftsführer des soziokulturellen Zentrums "Die VILLA"​

Bürger nehmen ihr Zusammenleben selbst in die Hand 

Mit der Besetzung dieses Gebäudes im Herbst 1989 kam die "VILLA" auch zu ihrem Namen. Die Aktion bedeutete auch eine Abkehr von der staatlich gelenkten Kinder-, Jugend- und Seniorenarbeit, wie sie in der DDR noch Praxis war: Von nun an nahmen Bürger selbst in die Hand, das gesellschaftliche Zusammenleben durch ihre eigenen Projekte mitzugestalten. 

Zum 25. Geburtstag eröffnet die "VILLA" nun nicht nur die Fotoausstellung, sondern startet auch eine Crowdfunding-Aktion. Ab dem 1. April haben Leipziger die Möglichkeit, aus verschiedenen Projekten eines auszuwählen, das sie finanziell unterstützen möchten. 

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler zu Besuch bei der Integrativen Foto-AG in der "VILLA".
 
 

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