Studie

Vertrauen in Demokratie ist schwach

Sehr zufrieden scheinen die Deutschen mit der Demokratie nicht zu sein. Das belegt eine Studie der Friedrich-Ebert Stiftung und offenbart, dass es auch ohne Grenzen immer noch Ost-West Unterschiede gibt.
Wahlzettel
In Ost und West wählt man mit fast gleichhoher Überzeugung. Mit dem Ergebnis ist man aber nicht gleich zufrieden.

67 Prozent der Bürger aus den alten Bundesländern sind mit der Demokratie im Land zufrieden. In den neuen Bundesländern sind es nur 54 Prozent. Im Westen des Landes gefällt 51 Prozent der Menschen das Konzept der EU, im Osten 43 Prozent. Außerdem denken sich 69 Prozent aller Westdeutschen, dass sie sich besser selbst politisch engagieren könnten, anstatt zu fragen, was der Staat für sie tun kann. Im Gegensatz dazu denken nur 60 Prozent der Ostdeutschen so. Beim Lesen dieser Zahlen entsteht schnell der Eindruck, dass der Osten grundsätzlich unzufriedener und weniger engagiert zu sein scheint als der Westen. Tatsächlich aber ist die markanteste Erkenntnis der Studie, dass der deutsche Bürger in erster Linie allgemein unzufrieden ist, egal ob im Osten oder Westen des Landes. Rainer Faus, einer der Autoren der Studie machte deutlich, dass die Unterschiede, aber auch die allgemeine Unzufriedenheit dramatisch seien:

[...] weil natürlich so ein politisches System auch an der Legitimation der Bürger hängt. Wenn die Hälfte der Bürger unzufrieden ist, [...] dann ist das ein deutliches Alarmzeichen.

Rainer Faus, Autor der Studie

Gründe regional oder sozial?

Bei einigen anderen Themen der Studie sind sich die Bürger unabhängig von der Region ziemlich einig. 71 Prozent der West- und Ostdeutschen gaben an allgemein politisch interessiert zu sein. Bei der beabsichtigten Wahlbeteiligung gibt es prozentual bei einem Ergebnis von 68 Prozent (West) zu 67 Prozent (Ost) auch kaum einen Unterschied. Die Stiftung selbst gab an, dass zumindest das Interesse der Bürger an Demokratie in keinster Weise regional abhängig sei. Ein niedriges Bildungs- sowie Einkommensniveau wäre in sämtlichen Regionen des Staates der Grund für Politikverdrossenheit:

Die Entscheidung, nicht an Wahlen teilzunehmen, ist damit nicht regional bedingt, sondern von sozio-ökonomischen Faktoren und den damit einhergehenden Einstellungen abhängig.

Friedrich-Ebert Stiftung

Größere Unterschiede wiederum gab es bei der Frage, ob man als Bürger mit Flüchtlingen in der Nachbarschaft klarkomme. 71 Prozent der Westdeutschen bejahten dies, bei den Ostdeutschen 58 Prozent. Auch hier könnte man erneut davon ausgehen, dass sozioökonomische Gründe eher den Unterschied ausmachen anstatt regionale. Dem sei aber laut Faus nicht so:

Es ist definitiv sichtbar, dass Leute, die in West- und Ostdeutschland in einer ähnlichen sozialen Lage sind, zum Teil trotzdem anders reagieren. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass es hier eine Rolle der Sozialisation gibt. Was sich auch daran zeigt, dass im Osten geborene Menschen, die im Westen leben auch unzufriedener mit der Demokratie sind.

Rainer Faus

Durchführung der Studie

Die Erhebung der Studie lief dreischrittig ab. Im ersten Schritt wurden qualitative Interviews mit 50 Leuten durchgeführt. Diese Befragungen fanden bei den Leuten Zuhause statt. Dabei versuchte die Stiftung in allgemeinen Gesprächen herauszufinden, welche politischen Themen für die Bürger am relevantesten sind. Im Ergebnis kristallisierte sich so eine Gruppe von Überthemen raus, welche genauer diskutiert wurde. Im dritten Schritt ging man dazu über, auf Grundlage dieser Überthemen, quantitative Interviews am Telefon zu führen. 5000 Leute wurden dabei befragt.

Unzufrieden gleich desillusioniert?

Neben den Antworten auf die Fragen an sich, wurden die Befragten im Nachhinein in Gruppen eingeteilt - je nach Zufriedenheit mit der Politik. Zufriedene Bürger wurden demnach unter anderem als "Leistungsorientierte Liberale" oder "Gehetzte Mitte" betitelt, unzufriedene als "Politikferne Einzelkämpfer" und "Desillusionierte Abgehängte". Im Grunde befinden sich in jeder dieser Gruppen ähnlich viele Menschen. Abgesehen von der Gruppe der desillusionierten Abgehängten, in der sich mehr Ostdeutsche Bürger befinden, gibt es hier wenig signifikante Ost-West Unterschiede.

Insgesamt zeigt sich deutlich, dass sich Gründe für Ost-West Unterschiede nicht pauschalisieren lassen. Gerade deshalb müsse man laut Alexander Yendell von der Uni Leipzig auch in Zukunft auf das Ost-West Verhältnis blicken und eine Unterscheidung anstellen:

Die ist aus Forschersicht noch relevant, auch wenn viele möchten, dass diese Kategorie aus den Köpfen verschwindet. Das ist vielleicht auch ehrenhaft, aber aus Sicht von Sozialforschung macht die Unterscheidung durchaus noch Sinn.

Alexander Yendell, Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Uni Leipzig

mephisto 97.6 Redakteur Christopher Hirsch hat sich im Studiogespräch mit der Studie und ihren Ergebnissen auseinandergesetzt:

Ein Beitrag von mephisto 97.6 Redakteur Christopher Hirsch.
 

 

 

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Die kompletten Ergebnisse der Studie gibt es hier zum nachlesen.