Die Kolumne

Verschwiegenheit und Autokorsos

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Til Schäbitz über Gesichtstattoos und die große Frage, ob man für Deutschland sein kann.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Verschwiegenheit und Autokorsos - Die Kolumne von Til Schäbitz
Verschwiegenheit und Autokorsos - Die Kolumne von Til Schäbitz

Ja, die WM geht los. Die 21. Fußball-Weltmeisterschaft. Die Welt zu Gast in Russland und gestandene Erwachsene mit Glücksunterhosen in deutschen Wohnzimmern.

Zoos freuen sich über günstige PR durch ihre Orakel-Tiere. Schminke in Nationalfarben freut sich über einen erneuten Beweis der Existenzberechtigung, Wladimir Putin freut sich und wenn ich mal ganz ehrlich bin, dann freue ich mich eigentlich auch.

Warum auch nicht?

Die Fußball-WM ist das weltweit größte Medien- und Sportereignis. Und da sie so groß ist, scheint alles, aber auch wirklich alles, was in Zusammenhang mit der WM steht, plötzlich total berichtenswert zu sein.

Ich erinnere mich da zum Beispiel an eine Meldung der Sportschau aus dem Trainingslager in Österreich:

Da wurde berichtet, und zwar genau einen Tag nachdem Jogi Löw seinen Verzicht auf Leroy Sane verkündet hatte, dass es seitdem auch den Apfelstrudel ohne Sane gäbe. Ja, sie haben Sahne wirklich wie Sane ausgesprochen und durch dieses wahnsinnig perfide Wortspiel eine neue Nachricht geformt. Wow. Doch nicht mal diese Nachricht ist witziger oder unangenehmer als Sane’s riesiges Rückentattoo, das ihn selbst beim Torjubel zeigt.

Stichwort Tattoo. Im Supermarkt, ach, eigentlich überall, gibt’s gerade wieder kleine Deutschlandflaggen als Abziehbildchen. Und es gibt auch jetzt schon Leute, die sich diese Dinger ins Gesicht klatschen, um ihren bedingungslosen Turnierpatriotismus auszudrücken. Bei der Heim-WM 2006 gehörten solche Fanartikel gewissermaßen zur Popkultur. Doch zwölf Jahre später sieht das ganz anders aus.

Seit dem Aufstieg der AfD werden Deutschlandfahnen zumeist nur noch in Zusammenhang mit fremdenfeindlichen Demos geschwenkt. Kann man also an einem Autokorso ohne politisches Statement teilnehmen? Kann man sich kritisch mit Patriotismus auseinandersetzen und bei der WM trotzdem für Deutschland sein?

Unser Kolumnist Til Schäbitz.
Unser Kolumnist Til Schäbitz.

Ich würde sagen: Ja. Und das liegt am Kader. Denn auf dem Platz steht eine vielfältige Mannschaft, die das an Deutschland widerspiegelt, was ich mag: es ist egal wo die Spieler herkommen und wie sie aussehen.

Dennoch habe ich ein großes Problem mit der deutschen Mannschaft, und zwar das ständige Totschweigen von brisanten Themen. 

Özil und Gündogan sind da nur ein Beispiel. Die Mannschaft nimmt an der WM in einem Land teil, dessen Regierung Opposition und Medienfreiheit mit Füßen tritt. Kritische Äußerungen dazu? Gibt’s nicht.

Die Nationalmannschaft hat eine riesige Außenwirkung. Sie repräsentiert die deutschen Farben weit mehr, als es Montags-Demos in Dresden tun.

Diese Repräsentanten-Funktion sollten die Spieler nutzen. Sie müssen sich kritisch mit wichtigen Themen auseinandersetzen, statt alles auszublenden, das nicht mit Fußball zu tun hat.

Wenn das wirklich geschehen sollte, dann hätte meine Glücksunterhose ihr Ziel erreicht.

 

Kommentieren