euro-scene 2015

Verschlungen und Verschwunden

Der Choreograph Philippe Saire hat sich nicht nur dem Tanz verschrieben, sondern hat auch ein großes Interesse an der Malerei. In "Black Out" verbindet er beides und schafft ungewohnte Perspektiven.
Black Out
Wie eine schwarze Infektion

Die Dunkelheit fällt

Ist das nicht die größte Angst? Die Angst vor der Dunkelheit und die Angst davor, das Licht nicht mehr zu sehen? Deswegen betteln Kinder darum, die Lampen anzulassen, deswegen werden Mediziner immer erfinderischer und darum hoffen viele Menschen auf den Ruhm: um nicht von der Dunkelheit verschlungen zu werden.

Genau das lässt Saire aber seinen drei Tänzern in "Black Out" widerfahren. Der Anfang mag zwar nach Strandurlaub aussehen, wie die großartigen Tänzer Maëlle Desclaux, Mickaël Henrotay Delaunay und Benjamin Kahn auf ihren Badetüchern liegen. Doch darunter schwelt schon etwas Schreckliches: Sie liegen verdreht da und rutschen abrupt weg. Sie wirken gequält, wie sie sich hin und her werfen, ihre Gesichter verstecken und dann ist da noch das ständige Quietschen, dass einer der drei die ganze Zeit verursacht. Doch vielleicht entsteht der gequälte Eindruck auch durch die besondere Perspektive der Zuschauer: Die Tänzer bewegen sich in einer relativ kleinen Box, in die der Zuschauer von oben hereinschauen kann. So nimmt er also eine erhöhte, fast göttliche Position ein und die Tänzer schaffen es nicht Kontakt zu ihm aufzunehmen.

In der Nacht wird alles schwarz

Diese Sicht ermöglicht Saire die Kombination von Tanz und Malerei, die mit einem äußerst mysteriösen Moment beginnt. Wie ein göttliches Gericht fällt plötzlich schwarzer Sand von der Decke und malt den weißen Boden schwarz. Je öfter das passiert, desto mehr bekommt der Zuschauer das Gefühl von einer sich ausbreitenden Infektion und tatsächlich hat das Schwarzwerden Auswirkung auf die Tänzer, die auf einmal ganz unterschiedliche Kämpfe beginnen: Zwei Männer raufen sich und hinterlassen dabei Spuren auf dem Boden, manchmal machen alle drei Tänzer Bewegungen, die ganz bewusst Spuren hinterlassen - mit weißem Boden malen sie in den schwarzen Sand. Doch es hilft nichts, die Dunkelheit saugt sie auf: Wenn sie schwarze Kleidung anziehen, werden sie fast unsichtbar. Nur die Tänzerin kämpft dagegen an, bis auch sie überwältigt und von der Schwärze verschlungen wird. Immer noch hinterlassen sie in immer kontrollierteren Bewegungsabläufen ihre Spuren, mehr und mehr harmoniert das jedoch mit der Schwärze um sie herum. Bis sie sich schließlich ihrem Schicksal ergeben, alles weiß bedecken und letztendlich selbst verschwinden. Das Aufleuchten kleiner roter Punkte zum Ende ist dann vieldeutig, ob es noch ein letztes Aufbegehren, ein friedliches Aufgehen in etwas Anderem oder schlussendliches Verglühen ist, kann jeder für sich selbst entscheiden.

Philippe Saire gelingt hier ein großartiges Experiment und ein großartiger Grenzgang. Und das ist deswegen so beeindruckend, weil er sowohl mit dem Publikum spielt, als auch mit der künstlerischen Form. Die Choreographie funktioniert so geschickt, dass die Tänzer gleichzeitig Pinsel und Figuren sind, die uns menschliche Ursorgen vorführen.

 

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Thilo Körting
08.11.2015 - 14:13
  Kultur

Philippe Saire beschäftigt sich nach einer Trilogie über Unterhaltunglust und -sucht mit ganz grundsätzlichen Erfahrungen. Das nächste Mal ist "Black Out" in Leipzig im Rahmen der euro-scene Leipzig am Sonntag, den 8. November 2015 um 15 Uhr und um 18 Uhr in der Diskothek des Schauspielhauses zu sehen.