Filmrezension: A Beautiful Day

Vernarbt ist seine Seele

„Der Taxi Driver des 21. Jahrhunderts“: Mit diesem Spruch wirbt der Big-Apple-Thriller auf seinem Plakat. Wenngleich Parallelen nicht von der Hand zu weisen sind, zeigt „A Beautiful Day“ eine endgültig im „Schmutz“ versinkende Welt.
Joe erledigt seinen Auftrag: Nina aus dem Bordell rausholen.
„Close your eyes“. Joe (Joaquin Phoenix) möchte Nina (Ekaternia Samsonov) nicht seine Prügelattacken sehen lassen.

Dass der bärtige, verwahrloste Hauptcharakter (Joaquin Phoenix) − ironischerweise trägt er einen so gewöhnlichen Namen wie Joe − aus A Beautiful Day (im Original You Were Never Really Here) ein ziemlich schräger Vogel ist, kann man als arge Untertreibung bezeichnen. Immerhin wird er in der Eröffnungsszene als jemand vorgestellt, der sich freiwillig eine Plastiktüte über den Kopf stülpt und dabei so schwer ein- und ausatmet, als ob der Erstickungstod eine annehmbare Alternative zu der „Hölle da draußen“ darstellt. Um die alptraumhaften Bilder seiner Vergangenheit auszublenden, begibt sich der Kriegsveteran und Ex-FBI-Agent in die dunkelsten Abgründe der New Yorker Unterwelt. Angeheuert von gut betuchten Mitgliedern der High Society befreit er deren entführte Kinder aus den geheimen Bordellen von Kinderhändlerringen − und metzelt auf seinem Weg zur Zielperson nur mit einem Hammer, seinem bevorzugten „Berufswerkzeug“, bewaffnet Security und Kinderschänder gleichermaßen nieder. Joes nächste Rettungsmission der minderjährigen Tochter Nina (Ekaternia Samsonov) eines gerade kandidierenden Stadtsenatoren (Alex Manette) läuft jedoch gehörig aus dem Ruder... 

Donnergott Thor kann einpacken

Das Wort abgefuckt scheint für den zentralen Protagonisten dieses unkonventionellen Neo-Noirs erfunden worden zu sein. Joe schwingt seinen Hammer routiniert durch die Luft, lässt ihn auf seine „Opfer“ niedersausen und trägt die zweckentfremdete Waffe auch mal lässig über der Schulter. Damit lässt er nicht nur Thor und dessen weitaus größeres Exemplar ziemlich alt aussehen. Neben diesem wenig gesprächigen Kraftpaket wirken selbst Psychos aus verwandten Genre-Klassikern wie Taxi Driver, Leon - der Profi oder Drive wie nette Typen von nebenan.

Szene aus "A Beautiful Day"
Joe geht auf Rachefeldzug

Mystischer Auftakt

Joe wurde im Leben übel mitgespielt und diese traumatischen Erlebnisse haben ihn zu dem kampferprobten „Ein-Mann-Kommando“ gemacht, als das er zu Filmbeginn eingeführt wird. Joes Gesicht sieht man dabei zunächst nicht. Entweder wird es von besagter Plastiktüte verhüllt oder die Kamera gestattet nur einen Blick auf einzelne Körperpartien und seine schemenhafte Silhouette. Mit Hoodie und tief ins Gesicht gezogener Kapuze, die einen wilden Bartwuchs, den narbenübersäten Körper und seine ins Leere starrenden Augen verbergen, schleicht er inkognito durch einen einsam gelegenen Hinterhof. Selbst ein plötzlich auftauchender, unbekannter Angreifer kann ihn nicht aus der Fassung bringen − eine gezielte Kopfnuss Joes später und der Gegner wälzt sich gekrümmt und blutspuckend auf dem Boden. 

Moderner Antiheld verzweifelt an der Welt

Die eingangs etablierte „mysteriöse Aura“, die diese menschgewordene Naturgewalt umgibt, hält der Film bis zum Schluss aufrecht. Joe bleibt ein unorthodox handelndes Mysterium − auf dieses psychologische Puzzlebild, dem einige Teile abhanden gekommen sind, muss sich das Publikum gezwungenermaßen selbst einen Reim machen. Dabei geben blitzartige Flashbacks mit übergelagertem Stimmengewirr und eine teils halluzinative POV-Kameraführung fragmentierte Einblicke in das kaputte Figureninnenleben. Die schottische Regisseurin Lynne Ramsay (ausgezeichnet hierfür mit dem Preis für das beste Drehbuch beim Cannes Filmfestival) bedient sich vielfältiger Filmtechniken, um das komplexe Psychogramm eines an PTSD-leidenen (übersetzt posttraumatische Belastungsstörung) Manns zu entwerfen und dessen Schmerz betäubenden Bewusstseinszustand nachfühlbar zu machen.

Szene aus "A Beautiful Day"
Joe ist müde...und haarig

Beinahe wie ein fremdgesteuerter Zombie schreitet Joe bei seinen blutgetränkten „Aufräumaktionen“ die Kubrick-esquen Korridore entlang; er schleppt sich nur noch erschöpft mit abwesendem Blick (daher rührt auch der Original-Filmtitel) durch die Kulissen der extrem dünnen Filmhandlung. Die Quintessenz von all dem offenbart einen gequälten Menschen am Rande des Wahnsinns: Seine Vitalität drückt sich nur noch in Gewaltexzessen aus und der ruppige Umgang mit dem eigenen Körper kehrt die Suizidgedanken nach außen. Wer oder was treibt Joe an? Sind seine merkwürdigen Angewohnheiten − er stellt bspw. die Duschszene aus „Psycho“ nach und singt vor dem Spiegel in der Sauna ein Kinderlied − tatsächlich Ausdruck einer handfesten Neurose? Und warum sieht er wie ein Obdachloser aus, wo doch sein Job so viel Geld einbringt? Viele Fragen lässt der Film glücklicherweise bis zum Schluss offen.  

Bizarr-absurder Arthouse-Thriller

Einer der Gründe, warum sich A Beautiful Day wohltuend von der Masse von Hitman-Filmen abhebt und erfrischend „anders“ anfühlt, ist auf den radikalen Bruch mit den ausgetrampelten Genrekonventionspfaden zurückzuführen − sowohl im Bezug auf das Klischee des „rechtschaffenen Filmhelden auf Rachefeldzug“ als auch die Art, wie Gewalt inszeniert werden sollte. Joe wird hier weder heroisiert noch als zwanghaft sympathisch dargestellt. Seine Dienste lässt er sich fürstlich entlohnen; letztendlich profitiert er deshalb auch von dem Kidnapping.

Die gelebte „Mir egal“-Attitüde scheint er dagegen nur im Haus seiner gebrechlichen Mutter abzulegen. Kontinuierlich werden so im Film die Publikumserwartungen unterlaufen. Das gilt insbesondere für die Szenen in den privaten „Freudenhäusern“. Anstatt den Genrefans ihr angeteasertes eye candy in Form von spektakulär inszenierten, actionreichen Kämpfen vorzusetzen, entscheidet sich Ramsay dafür, nur die blutigen Resultate von Joes Hammerattacken in starren Einstellungen aneinanderzureihen oder die Konfrontation aus nüchterner Distanz zu filmen (z.B. aus der Perspektive von Überwachungskameras). Die sinnentleerte Brutalität wird betont und gleichzeitig die Gier des bzw. der Zuschauers*in nach stupidem Gemetzel entlarvt. 

Technisch brillant, aber emotional unterkühlt

Der streng durchkomponierte Film verheißt einen reißerischen Thriller à la „96 Hours“, entpuppt sich in Wahrheit jedoch als eine in hochstilisierten Bildern erzählte, expressive Schilderung einer posttraumatischen Erfahrung. Hervorzuheben sind v.a. die ungewöhnlich einfallsreiche Kameraarbeit und der chirurgisch präzise Schnitt. Da folgt auf eine poetische Szene morbider Schönheit (Stichwort: Seebestattung) wenig später eine grausige Bilderabfolge blutüberströmter Leichen. Im Zusammenspiel mit der hypnotischen Bilderflut kreiert der dynamische Elektrobeat-Score von Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood unterschiedliche Stimmungen und macht Joes Gefühlswelt hörbar − mal antreibend, mal surreal und dann wieder dissonant. 

Joaquin Phoenix in "A Beautiful Day"Die gewisse Distanz, die der Film zu seinem geplagten Hauptcharakter wahrt, überträgt sich automatisch auch auf das Publikum. Eine emotionale Bindung zu Joe will sich nicht einstellen. Die Radikalität und physischen Härte fasziniert eher − ein charismatischer Joaquin Phoenix („Her“), der eine bedrohliche Präsenz und Intensität ausstrahlt und für diese Rolle in Cannes den Preis für den besten Hauptdarsteller gewonnen hat, schadet solch einem Film natürlich auch nie.

Fazit:

„A Beautiful Day“ ist ein fiebriger Alptraum auf Zelluloid − ein audiovisuelles Erlebnis, das nur auf der großen Kinoleinwand seine ganze Kraft entfalten kann. Der experimentelle, radikal reduzierte Thriller schert sich genau so wenig wie seine archaisch-knallharte Hauptfigur darum, ob er Sympathien weckt, und wandert damit auf einem schmalen Grat zwischen schockierender Brutalität, verstörender Faszination und emotionaler Gleichgültigkeit. 

 

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A Beautiful Day

Kinostart: 26.04.2018

FSK: 12

Laufzeit: 85 Minuten

Regie: Lynne Ramsay

Cast: Joaquin Phoenix, Ekaterina Samsonov, Alessandro Nivola, Alex Manette, John Doman und andere 

Der Film lief vorab im Rahmen des Fantasy Film Fest WHITE NIGHTS 2018 Ende Januar