Interview mit Andrea Berntzen

"Utøya 22. Juli" - Die Menschen zählen

Sieben Jahre nach den rechtsextremen Terroranschlägen in Norwegen und etlichen Berichten über den Täter Anders Breivik widmet sich ein Film nun den Opfern. Die Menschen zählen, sagt Hauptdarstellerin Andrea Berntzen im Interview zu "Utøya 22. Juli":
Kaja (Andrea Berntzen) ist die Protagonistin in "Utøya, 22. Juli".

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Cindy Raunick im Gespräch mit Hauptdarstellerin Andrea Berntzen
utoya

Norwegen am 22. Juli 2011. Der rechtsextreme Terrorist Anders Breivik sprengt eine Autobombe in Oslos Regierungsviertel, acht Menschen sterben. Danach erschießt er weitere 69 Menschen auf der nahegelegenen Insel Utøya. Die befindet sich im Privatbesitz der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Norwegens. Sie ist (mittlerweile wieder) Austragungsstätte eines alljährlichen Sommercamps der Organisation, so auch im Juli 2011.

Beide Anschläge waren akribisch geplant, die Opfer explizit ausgesucht, weil deren Weltanschauungen der Ideologie Breviks zuwiderliefen. 

Angebliche Notwehrlage: Islamisierung Europas

Zum Auftakt des darauffolgenden öffentlichkeitswirksamen Prozesses sollen alle Opfer namentlich genannt werden. Das alleine wird eine Stunde dauern. Breivik wird im Gerichtssaal immer wieder grinsen, auf seine Zurechnungsfähigkeit aber Unschuld bestehen. Er wird sagen, dass er es wieder tun würde und sich auf eine angebliche Notwehrlage berufen, die er zuvor schon in seinem 1500 Seiten starken Manifest ausführlich beschrieb: die Islamisierung Europas, unterstützt durch den Multikulturalismus und Kulturmarxismus.

Ein Jahr nach den Anschlägen, im August 2012, wird der Rechtsstaat sein Urteil zu den Massenmorden gesprochen haben. Höchststrafe - 21 Jahre Haft mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Ein Film als Mahnmal gegen Extremismus

Der norwegische Regisseur Erik Poppe hat sich sieben Jahre später filmisch an die Aufarbeitung der Geschehnisse herangewagt. Mit "Utøya 22. Juli" rekonstruiert er den Terror auf der kleinen Insel. Fast schon dokumentarisch und in einem einzigen Take ohne erkennbare Schnitte verfolgt die Kamera 72 Minuten lang das Attentat - so lange, wie es tatsächlich dauerte, bis die Polizei Breivik stellen konnte. Immer wieder ertönen ohrenbetäubende Schüsse, immer wieder wechselt die Szenerie, die portätierten Menschen. Die einzigen Konstanten sind die allgegenwärtige Angst und Kaja, beeindruckend gespielt von der Hauptdarstellerin Andrea Berntzen. Kaja flieht wie die anderen rund 560 anwesenden Menschen vor dem Angreifer, sucht in dem Chaos ihre Schwester. Das Publikum ist durch die Art der Kameraführung furchteinflößend nah an den Geschehnissen. Es ist ungemein beklemmend und an manchen Stellen schier unerträglich. Denn das Publikum schaut sich diesen Film nicht wie gewöhnlich nur passiv an, es wird durch die Bildsprache in "Utøya 22. Juli" mit auf die Insel genommen. Die wackeligen Nahaufnahmen der Umgebung, der Gesichter und die Dialoge sind es, die die Atmosphäre aus Panik und Hilflosigkeit derart nachempfinden lassen. Die Kamera spart dort, wo auf die äußeren Wunden und den Attentäter gehalten werden würde. Hier ist das nicht nötig und auch nicht gewollt. Nicht mal sein Name wird genannt. Diese Mischung aus schmerzhafter Realitätsnähe und dem andererseits sehr sensiblen Umgang mit den Erfahrungen auf der Insel macht "Utøya 22. Juli" weniger zu einem Film als zu einem eindringlichen Mahnmal gegen Extremismus. Er ist ein empathisches Denkmal für die Menschen, die an diesem Tag ihr Leben verloren haben.

Wenn man sich heutzutage in Europa umschaut und realisiert, dass der Neofaschismus jeden Tag anwächst, dann müssen wir uns daran erinnern, was auf dieser Insel passierte, wie rechtsradikaler Extremismus aussehen kann.

Regisseur Erik Poppe auf der Berlinale

Das Interview mit der Hauptdarstellerin Andrea Berntzen

Mephisto 97.6 war im Februar bereits bei der Premiere von "Utøya 22. Juli" auf der diesjährigen Berlinale. Nun durften wir Hauptdarstellerin Andrea Berntzen (geb. 1998) in Berlin treffen, um ihr einige Fragen zu dem Film, ihren persönlichen Erinnerungen an den Tag und ihrer Zukunft zu stellen:

Andrea Berntzen, würden Sie uns bitte erzählen, wie Herr Poppe auf Sie aufmerksam wurde? "Utøya 22.Juli" ist Ihr Filmdebüt.

Ja, ich spielte im Schultheater/-revue. Das ist sehr üblich in Norwegen und besonders in Oslo. Ich war eine Art Kontaktperson für alle SchauspielerInnen, weil ich die älteste war. Die Castingagentur rief mich an und bat mich, alle SchauspielerInnen dort hinzubringen, damit sie für das Archiv ein Probevorspiel aufnehmen konnten. Die Castingagentur hat nicht gesagt, wofür gecastet wird und ich wusste auch bis zur dritten Runde nicht, dass es einen Film über Utøya geben soll. So kam ich ins Archiv und Erik entdeckte mich. Insgesamt gab es acht Casting-Runden bis ich die Rolle bekam.

Der Film behandelt ein emotional tiefgreifendes Thema. Diese rechtsextremen Attentate werden als die schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet. Darüberhinaus waren die Opfer und Überlebenden in Ihrem Alter. Welche Erinnerungen haben Sie persönlich an den Tag und haben Sie mit der Entscheidung gerungen, an dem Film mitzuwirken?

Ich war 12, 13 Jahre alt zu der Zeit. An dem Tag galt meine größte Aufmerksamkeit dem Bombenanschlag, denn ich wuchs in Oslo auf und meine Mutter war gerade dort im Sommerurlaub. Das machte mir Angst.

Ich erinnere mich, dass die Schießerei auf Utøya nebenbei erwähnt wurde, aber es war nicht so präsent wie die Bombe. Erst als wir am nächsten Tag aufwachten realisierten wir, wie viele Menschen auf Utøya erschossen wurden und dass ein Mann hinter beiden Anschlägen stand.

Andrea Berntzen

Das warf uns zurück. Ich war zwar alt genug um zu verstehen, was passierte. Aber ich verstand noch nicht wirklich, dass die Zeitungen nicht nur eine Ziffer meinten, wenn sie von den Menschen berichteten, die dort starben. Dahinter standen Individuen wie ich, in meinem Alter, denen ihr Leben genommen wurde. Deshalb war ich zuerst sehr erschrocken darüber, dass ein Film über Utøya gemacht wird. Egal, ob ich darin mitwirke oder nicht, ich wollte nicht, dass Wunden aufgerissen werden oder irgendjemand verletzt wird. Doch dann las ich das Drehbuch und die Anmerkungen des Regisseurs, in denen er erklärte, warum er den Film machen möchte  und dass der Fokus auf den Opfern und nicht auf dem Attentäter liegen wird. Der Film sollte in einem Take und ohne Musik gedreht werden und da verstand ich allmählich, dass es vielleicht nicht darum geht, dass wir einen Film über Utøya machen, sondern wie. Und ich war ziemlich zuversichtlich, dass der Weg, den Erik dafür wählte, der richtige sein würde.

Sie haben es schon zum Teil erwähnt. Es gibt keine Schnitte, keine Musik, keine Spezialeffekte oder Bearbeitungen am Filmmaterial. Das ist wahrscheinlich selbst für sehr erfahrene SchauspielerInnen eine Herausforderung. Wie haben Sie sich darauf vorbereitet und wie war die Umsetzung für Sie?

Wissen Sie, ich habe nie gelernt zu schauspielern und daher kannte ich die Methoden oder Techniken nicht. Ich näherte mich dem Film an, indem ich versuchte, mich in die Lage hineinzuversetzen, inmitten eines Terroranschlags zu sein. Ich habe einen kleinen Bruder, also stellte ich mir ihn anstatt Kajas Schwester vor. Ich versuchte, so viele persönliche Erfahrungen zu nutzen wie möglich – ich vermute, dass das wohl Method Acting ist (lacht). Ich stellte mir also vor, dass mein kleiner Bruder mit mir dort draußen ist und dass das Telefonat mit meiner Mutter tatsächlich meine letztes Telefonat sein würde. Was würde ich meiner Mutter sagen, falls das meine letzten Worte wären? Das machte mich natürlich sehr verletzlich und konnte unangenehm werden, aber es hätte sich auf eine Art falsch und gekünstelt angefühlt, es anders zu machen und mich dabei an irgendwelche Methoden anzulehnen. Ich denke, aus meinen persönlichen Erfahrungen zu schöpfen, gibt diesem Film die Authentizität und die Realitätsnähe, die er braucht.

Und wie war dann die konkrete Umsetzung für Sie, also die 72 Minuten während des Drehs?

Ich stand anderthalb Stunden vor der Kamera, denn der Take ging länger als das, was man im Film sieht. Mir wurde vorher von Erik gesagt, dass ich zum Beispiel während die Kamera auf mein Gesicht hält manchmal darüber nachdenken werden würde, wie ich dabei aussehe. Sobald ich bemerkte, dass das gerade passiert, atmete ich tief ein und versuchte, wieder hinein zu kommen. Und er sagte mir auch immer, dass selbst wenn ich denke, man könne das sehen, die Kamera das aber nicht unbedingt bemerken muss und ich einfach weitermachen solle. Ich selbst sehe zwar diese Momente im Film, in denen ich mir meiner selbst bewusst wurde (lacht), aber wenn ich mit anderen darüber spreche, sagen sie, ich sei zu selbstkritisch.

Um so respektvoll wie möglich mit den Ereignissen auf Utøya umzugehen, flossen nur einige Erfahrungen der Opfer und Überlebenden in die Geschichte ein und die auch nur als Fragmente. Ihre Rolle Kaja zeigt solch einen individuellen Aspekt in der Szene, in der Sie "True Colors" singen. Würden Sie uns einen Einblick in den Hintergrund dieser Szene geben?

Ja, die Drehbuchautoren interviewten rund 40 Überlebende und wie Sie schon sagten, nutzten sie Fragmente daraus. Uns wurde oft erzählt, dass dort eine Art Ping-Pong ablief, wenn sich zwei Menschen versteckten. Wenn eine Person einen Zusammenbruch hatte, versuchte die andere Person, sie zu beruhigen. Sobald das gelang, wechselten die Rollen und die Person, die eben noch Trost spendete brach zusammen und wurde getröstet.

Singen als Beruhigungsmittel wurde soweit wir wissen drei Mal auf der Insel angewendet, darunter ein Mal auch "True Colors".

Andrea Berntzen

In dieser Szene bemerkt Kaja, dass der Junge, mit dem sie sich zusammen versteckt, am Rande eines Nervenzusammenbruchs ist. Sie versucht, ihn mit dem Lied zu beruhigen.

"Utøya" läuft seit März in den norwegischen Kinos. Wie sind die Reaktionen?

Überwältigend positiv. Ich habe viele Nachrichten erhalten auf Facebook. Am wirkungsvollsten sind für mich dabei solche der Familien und Überlebenden. Die Menschen sagen, dass der Film sehr nah an den Geschehnissen ist und sie wertschätzen, dass wir den Film gemacht haben und die Geschichte aus ihrem Blickwinkel erzählen. Das ist so beruhigend zu hören, denn es war ja meine größte Befürchtung, dass sie sich nicht respektiert fühlen oder der Film nicht in einer realistischen Art erzählt wird.

Wie Sie eben meinten und was auch Erik Poppe sagte ist, dass der Film zeigen soll, was auf dieser Insel passierte und das vollkommen aus der Perspektive der jungen Menschen dort.  Der Fokus auf die Opfer anstelle des Attentäters steht im Kontrast zur Medienberichterstattung.  In diesem Fall und auch in vielen anderen. So war es zum Beispiel auch beim Gerichtsprozess der NSU-Terroristin hier in Deutschland. Können Sie sich vorstellen, dass der Film einen Denkwandel anstoßen könnte?

Sicher hoffe ich das, denn es fühlt sich so an, dass sich bis zu diesem Zeitpunkt viele der Fragen und Medienberichterstattungen oftmals eher auf praktische Themen bezogen. Also Fragen bezüglich des Prozesses, des Denkmals, wo es stehen, wie es aussehen, wer es entwerfen soll.

Und all diese Dinge zählen gar nicht wirklich. Die Menschen zählen. All die Menschen, die dort waren und ihre Familien.

Andrea Berntzen

Und deshalb hoffe ich wirklich, dass wir jetzt den Fokus auf sie zurückgeholt haben und eine neue Diskussion beginnen können. Eine Diskussion darüber, wie wir uns um die kümmern können, die uns am meisten brauchen. Denn er wusste genau, was er tat. Aber diese Menschen waren darauf nicht vorbereitet. Sie haben sich einfach nur für ein Sommercamp getroffen und um Spaß zu haben.

Im Herbst wird Paul Greengrass einen anderen Film mit diesem Thema veröffentlichen. Anders als Poppes Film wird dieser den Hauptfokus wohl aber wieder auf den Attentäter, den Prozess und die Nachwirkungen legen. Befürchten Sie, dass das Ihre Bemühungen wieder zurückwerfen könnte?

Ich habe noch kein Material gesehen, aber ich verstand es so, dass der Film auch die Opfer fokussiert, aber nach dem Terroranschlag. Das ist eine Perspektive, die "Utøya 22. Juli" nicht berücksichtigt, weil es hier nur um den Vorfall an dem Tag geht. Da in Norwegen auch eine Drama-Serie über die Geschehnisse (an-)läuft ist meine Hoffnung, dass wenn wir all diese Projekte mit ihren verschiedenen Perspektiven haben, wir dann auch ein klares und großes Bild bekommen werden. Und dass wir es dann hoffentlich besser verstehen und einen Beitrag für die leisten können, die unsere Unterstützung brauchen.

Nachdem Sie uns Ihr wirklich außergewöhnliches Schauspieltalent gezeigt haben, gehen Sie dennoch den bodenständigen Weg und studieren an der Filmhochschule.

Nein, es ist ein einjähriges Studium an einer Theaterschule, das ich im Mai beendet habe. Aber ich bewerbe mich gerade an der Nationalen Theaterschule in Norwegen. Hoffentlich komme ich dort rein, denn das ist wirklich schwer (lacht). Ich würde wirklich gerne an eine Theaterschule gehen, um die Methoden und Techniken zu lernen, denn ich möchte beides machen – Szenentheater und Kameraschauspiel.

Und was sind Ihre Pläne für Ihre berufliche Zukunft? Sind neue Filme geplant oder gehen Sie studieren und lassen es auf sich zukommen?

Die Filmgemeinschaft in Norwegen ist sehr klein, es gibt also nicht sehr viele Filme, an denen man teilnehmen könnte. Ich würde gerne in einem anderen Film mitwirken, wenn ich die Möglichkeit bekäme. Aber ich bereite mich darauf vor, ein eigenes "Berufszentrum" aufzubauen. Ein paar Freunde und ich gründen eine Theatergruppe. Vielleicht, in weiter Zukunft, werden wir dazu in der Lage sein, ein eigenes Theater zu gründen. Wir wollen unsere eigenen Sachen schreiben und produzieren. Man kann also darauf gespannt sein (schmunzelt).

Viel Erfolg!

Danke!

So, das war’s. Ich wünsche Ihnen alles Gute und hoffe, Sie haben einen schönen Aufenthalt hier in Berlin!

Danke! Aber wir kehren heute Abend schon wieder zurück (lacht).

 

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Cindy Raunick
02.10.2018 - 14:35

Offizieller Filmstart in Deutschland: 20.September 2018

Regie: Erik Poppe
Drehbuch: Anna Bache-Wiig; Siv Rajendram Eliassen
Kamera: Martin Otterbeck
Schnitt: Elnar Egeland
Verleih: Weltkino Filmverleih
Produktion: Paradox Film 7

ausgezeichnet mit dem Prädikat "besonders wertvoll" (Deutsche Film- und Medienbewertung FBW) 

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