Migration

Unvoreingenommenes Gesprächsangebot

Warum haben Menschen Angst, wenn es um Migration und Asyl geht? Und worum genau drehen sich diese Ängste? Der Bürgerverein Gohlis will das herausfinden und mit Skeptikern in Dialog treten. Ein Besuch in der Bürgersprechstunde.
Der Sozialpädagoge Michael Seeber (li.) und der Gohliser Bürgervereinsvorsitzende Peter Niemann
Der Sozialpädagoge Michael Seeber (li.) und der Gohliser Bürgervereinsvorsitzende Peter Niemann

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler besuchte die Bürgersprechstunde des Bürgervereins Gohlis zu den Themen Asyl, Migration und Moscheebau: 

mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler besuchte die Bürgersprechstunde zu Asyl und Migration des Bürgervereins Gohlis.
 

"Manche fühlen sich überrumpelt"

Als im November 2013 blutige Schweineköpfe aufgespießt wurden, war klar, dass in Gohlis Redebedarf besteht. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde eine Moschee bauen möchte: In der Georg-Schumann-Straße im Leipziger Norden sollen in Zukunft etwa 60 Mitglieder unterkommen.

Bei den Protesten gegen die Moschee engagierte sich auch die NPD stark. Der Erregungshöhepunkt war erreicht, als Unbekannte auf dem geplanten Moschee-Gelände die Schweineköpfe aufspießten. Zur emotionalen Debatte über den Moscheebau kommt seit einigen Monaten auch die Diskussion um die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. 

Gohlis soll im Jahr 2017 eine Erstaufnahme-Einrichtung bekommen. Dort sollen bis zu 700 Flüchtlinge unterkommen. Der Vorsitzende des Bürgervereins Gohlis, Peter Niemann, sieht in der aktuellen Diskussion Parallelen zu 2013: 

Schon damals kam das Argument, dass man sich überrumpelt fühlt und der Meinung ist, dass man vor vollendete Tatsachen gestellt wird, was den Moscheebau anbelangt.

Peter Niemann, Vorsitzender des Bürgervereins Gohlis

"Die Leute freuen sich über kritische Rückmeldungen"

Der Historiker sagt, dass sich auch in der aktuellen Debatte viele Bürger beklagten, weil es nicht genügend Aufklärung gebe. Dem will Peter Niemann Abhilfe schaffen. Seit Ende August gibt es deshalb wöchentlich zwei Sprechstunden zu den Themen Moscheebau, Migration und Asyl.

Dies steht auch im Zusammenhang mit den Initiativen, in denen der Bürgerverein involviert ist: "Dialoge für Gohlis" und "Weltoffenes Gohlis", die sich für ein friedliches Zusammenleben mit Migranten einsetzen.

In beiden Initiativen engagiert sich schon seit jeher der Bürgerverein. Natürlich zählen wir das als Bürgerverein auch zu unserem Aufgabenspektrum, für die Leute vor Ort da zu sein und eine Dialogplattform zu schaffen, wo die Leute hinkommen können, um über ihre Ängste zu reden.

Peter Niemann, Vorsitzender des Bürgervereins Gohlis

Wenn Menschen die Bürgersprechstunde aufsuchen, treffen sie den Sozialpädagogen Michael Seeber und seine Kollegin Anna Hoppadietz. Bisher seien etwa fünf Menschen pro Woche in die Sprechstunde gekommen - nur Einzelpersonen und vor allem Männer ab 40 Jahren, sagt Michael Seeber: 

Es sind tatsächlich bisher vor allem Menschen mit Ängsten, Bedenken, aber auch ganz speziellen Ideen, die sie haben, um mit dem Flüchtlingsproblem umzugehen. Die wollen ihre Meinung kundtun, freuen sich aber auch über kritische Rückmeldungen.

Michael Seeber, Sozialpädagoge

Gespräche verlaufen meist konstruktiv

Die Wortwahl der meisten Besucher sei nicht "politisch korrekt", sagt Michael Seeber. Die Gespräche verliefen allerdings meist konstruktiv. Dem Sozialpädagogen ist vor allem eines aufgefallen: Viele Bürger gingen nicht von persönlichen Erfahrungen aus, wenn sie über Themen wie Migration sprechen. 

Es ist noch keiner gekommen und hat gesagt: "Ich wurde von drei Kopftuch tragenden Frauen belästigt." Bisher war es eigentlich "der Islam": Ist es nicht gefährlich, wenn so viele Muslime nach Deutschland kommen? Dem Islam fehle dieses und jenes. Da merkt man ja schon, dass die Leute bisher nicht differenzieren und "den Islam" als etwas Fremdes wahrnehmen.

Michael Seeber, Sozialpädagoge

Das liegt auch an der Medienberichterstattung, ist Michael Seeber überzeugt. Ausdrücke wie "Flüchtlingswelle" oder "Flüchtlingskatastrophe" würden dazu beitragen, dass die Menschen Angst haben vor einer fremden Macht, die nach Deutschland kommt.

In den Sprechstunden versucht der Sozialpädagoge jedoch nicht, die Menschen umzustimmen. Die Bürgersprechstunde soll ein unvoreingenommenes Gesprächsangebot sein. Trotzdem glaubt Seeber, dass er im Dialog etwas bewegen kann: 

Ich werde es nie schaffen, wenn hier jemand kommt und auch wenn das Gespräch eineinhalb Stunden geht, sämtliche Vorurteile abzubauen. Sowas ist ein lebenslanger Prozess. Aber ich glaube, allein schon dadurch, dass die Menschen die Möglichkeit haben, ihre Bedenken auszusprechen und anzubringen, findet eine Besserung statt, zumindest bei diesen einzelnen Personen. Und vielleicht auch in den Kreisen und in dem Umfeld, wo sie sich dann bewegen.

Michael Seeber, Sozialpädagoge

Aktuell interessieren sich die Bürger in der Sprechstunde vor allem dafür, was die Flüchtlingssituation für Leipzig bedeutet. Dieser Schwerpunkt könnte sich jedoch bald wieder ändern: Im Oktober werden die Architekturentwürfe für die geplante Moschee veröffentlicht.

 

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Die Sprechstunde zu den Themen Migration, Asyl, Flucht und Moscheebau findet mittwochs von 15 bis 19 Uhr und donnerstags von 9 und 13 Uhr im Bürgerverein Gohlis (Lindenthaler Str. 34) statt.