Literaturrezension

Unterwegs nach Hause

Wenn es darum geht, sich von den eigenen Eltern loszusagen, kommen pubertierende Jugendliche auf die schrägsten Ideen. Mit "Blanca" stellt die Autorin Mercedes Lauenstein ein besonders eigenwilliges Mädchen vor, das auf einen Roadtrip einlädt.
Autorin Mercedes Lauenstein
Autorin Mercedes Lauenstein

Der tägliche Weg zur Schule, das von der Mutter geschmierte Pausenbrot, die regelmäßige Trainingseinheit im Sportverein. Geregelte Mahlzeiten, frische Wäsche im Kleiderschrank, Haustiere. Was für andere Kinder in ihrem Alter zum Alltag gehört, ist für Blanca eher eine Sehnsucht. Mit ihren fünfzehn Jahren kann sie die Orte schon nicht mehr zählen, an denen sie übernachtet hat. Doch länger als ein paar Wochen hält es ihre Mutter einfach nirgends aus.

Niemand, der für eine gewisse Zeit Teil unseres Lebens war, wurde ein echter Freund. Sie waren eher wie Jünger, die sich ein Heilsversprechen von uns erwarteten. Sie taten mir leid. (...) Es war verwirrend: Ich beneidete andere Kinder um ihre Normalität und ertappte mich gleichzeitig immer wieder bei dem Gedanken, wie schrecklich es sein musste, nicht wir zu sein.

"Blanca", S. 17/18

In ihrem Roman „Blanca“ stellt Mercedes Lauenstein ein jugendliches Mädchen vor, das in doppelter Hinsicht ausreis/ßt: Der unbeständigen und launenhaften Lebensweise ihrer Mutter überdrüssig, brennt sie eines Tages allein durch. Mit nicht viel mehr als der Kleidung am Körper und etwas Bargeld bricht sie auf. Ihr Reiseziel hat sie klar vor Augen: Sie will nach Italien. Denn als sie vor einigen Jahren mit ihrer Mutter dort war, hat sie sich zum ersten Mal zu Hause gefühlt.

Fernweh, das eigentlich Heimweh ist

Die Geschichte lässt Mercedes Lauenstein ihre Hauptprotagonistin selbst erzählen. Wie eine Mischung aus Reisebericht und Tagebuch nimmt sie die Lesenden mit und gewährt tiefe Einblicke in Gedankenwelt und Phantasie des jungen Mädchens.

Ich stellte mir vor, die Frau sei meine Mutter und der Sänger mein Vater. (...) Mein Vater war der Sänger aller sehnsuchtsvollen Lieder, die wir hörten. (...) Wenn er sang, spürte ich ihre Einsamkeit und seine Liebe (...) und die Tragik des Lebens.

"Blanca", S. 17 

Die Sehnsucht, die aus Blancas Gedanken spricht, führt die Autorin als Motiv durch den gesamten Roman. Es ist der innige Wunsch nach Annahme und Geborgenheit, der Blanca antreibt, stetig weiter zu gehen. Bei den mitunter durchaus abenteuerlichen Begegnungen, die sie auf ihrer Reise macht, verspürt sie früher oder später immer wieder dieses Verlangen. Eine zentrale Rolle spielt dabei das ambivalente Verhältnis zur Mutter.

Egal, wie sehr man sich auch (dagegen) wehrte: Wenn sie einen so ansah wie jetzt, wollte man nur noch Ja sagen zu allem. Ja, ich komm mit dir mit, überallhin. Man fühlte sich unter ihrem Blick am Leben. Sie zog mich an sich und gab mir einen warmen Kuss auf die Stirn. Ich lehnte vorsichtig den Kopf an ihre Schulter. Eigentlich war ich noch sauer auf sie.

"Blanca", S. 10/11 

Mutterseelen-allein?

Einerseits empfindet Blanca eine gewisse Abneigung für den unbeständigen Lebensstil ihrer Mutter. Ihre Launenhaftigkeit, ihr Wankelmut –nicht zuletzt ihre regelmäßigen Wutausbrüche waren schließlich der Grund für das Mädchen gewesen, all dem zu fliehen und allein ihr Glück zu suchen. Andererseits denkt sie unterwegs gelegentlich an ihre Mutter und beginnt, sie zu vermissen.

Ich hätte einfach bei meiner Mutter bleiben können. Hätte ich nicht! Meine Mutter. Wo ist sie, was macht sie? Ich sehe sie vor mir, ihr Gesicht verändert sich ständig. (...) [I]ch vermisse sie, ich vermisse sie schon lange, ich versuche nur, nie dran zu denken.

"Blanca", S. 245

Eindrucksvolle Naturkulisse

Prägend für den Plot des Romans scheint vor allem das Land zu sein, in dem sich Mercedes Lauenstein gut auskennt. Beruflich in München tätig, hält sie sich auch häufig in Italien auf. Das mediterrane Flair bringt sie überzeugend in ihre Erzählung ein. So verleiht sie ihrer Protagonistin eine bilderreiche Sprache, die nicht nur die Landschaft äußerst anschaulich macht. Darüber hinaus vermag sie, Licht- und Witterungsverhältnisse sowie Gerüche und Geräusche erstehen zu lassen, ja beinahe spürbar zu machen.
Teils kindlich verspielt, teils überraschend erwachsen, wirken Blancas ungefilterte Gedanken geradezu entlarvend. Mit dem eigenwilligen Charakter ihrer Hauptfigur schafft Mercedes Lauenstein einen erstaunlichen Zugang zu (den) großen Fragen des Lebens. Was auf den ersten Blick vielleicht profan anmutet, offenbart sich als durchaus existenziell.
Doch wie schwerwiegend die Themen auch sein mögen –„Blanca“ macht es einem geradezu leicht, sich ihnen hinzugeben. Am Ende will diese Einladung zu einer besonders Reise womöglich gar dazu auffordern, das Bekannte zu verlassen, um das wahre Zuhause zu finden.

Eine Literaturrezension von Frauke Siebels

Es sprachen:
Rebecca Kelber und die Autorin.

Rezension zum Roman "Blanca"

 

 

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Der Roman „Blanca“ von Mercedes Lauenstein ist im Mai 2018 im Aufbau-Verlag erschienen. Er umfasst 256 Seiten und kostet 20,- Euro.

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/blanca.html