Schreiben

Unterschätzte Potenziale der Handschrift

Schreiben ist nicht gleich Schreiben. Zwar lassen sich Texte wahlweise über eine Tastatur auf ein Display oder mit einem Stift zu Papier bringen. Jedoch kommen dabei durchaus unterschiedliche kognitive Fähigkeiten zum Tragen.
schreibende Hand
Beim Handschreiben wirken 30 Muskeln und zwölf Hirnareale mit.

Ein kleiner Klebezettel am Kühlschrank mit einer Einkaufsliste, eine Mitteilung an Arbeitskollegen oder Ehepartner, weil man sich verpasst hat – kurze Notizen wie diese schreiben sich schnell mal per Hand. Mit Tinte, auf Papier. Tatsächlich wird alles Schriftliche allerdings heutzutage immer häufiger auf Tastaturen getippt. Im Supermarkt wird dann das Handy gezückt, Mitmenschen eine elektronische Nachricht geschickt. Daten lassen sich auf diesem Wege vermeintlich schneller und in größeren Mengen transportieren als analog. Dabei ist das Schreiben mit der Hand von größerer Bedeutung als erwartet.

Marianela Diaz Meyer ist Leiterin des Schreibmotorik-Instituts in Heroldsberg bei Nürnberg. Seit mehr als 13 Jahren beschäftigt sie sich mit der Erforschung des Schreibens. Die Arbeit in ihrem Team gestaltet sie interdisziplinär. "Wir arbeiten aus schreibmotorischer, ergonomischer, pädagogischer, psychologischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive", erklärt sie. Als Beispielstudie gibt sie eine Umfrage an, die sie im Jahre 2015 zusammen mit dem Deutschen Lehrerverband durchführte. Die Ergebnisse hätten ihr und ihrem Team erst mal das Ausmaß der Probleme mit dem Handschreiben bewusst gemacht.

Aus Sicht der Lehrkräfte haben ein Drittel der Mädchen und sogar die Hälfte der Jungen in Deutschland erhebliche Probleme, mit der Hand zu schreiben.

 

Dr.- Ing. Marianela Diaz Meyer, Schreibmotorikerin

Das liegt unter anderem daran, dass bereits in Kindergärten und Grundschulen zunehmend digitale Medien Einzug halten und die analogen regelrecht verdrängen. Die Vorteile der Digitalisierung täuschen jedoch über wichtige Aspekte hinweg, die das herkömmliche Schreiben mit der Hand keineswegs ersetzen können, warnt Diaz Meyer.

Handschreiben bildet

Das Besondere am Handschreiben sei, so die Schreibmotorikerin, dass in dem Hand-Arm-System mehr als 30 Muskeln und 17 Gelenke zusammenarbeiten und ganze 12 Hirnareale in Aktion treten. "Und das Gehirn legt beim Schreiben mit der Hand eine sogenannte motorische Gedächtnisspur an, die abgerufen werden kann, um Buchstaben zu erkennen", erklärt die Schreibmotorikerin.

Welch erheblichen Wert die Handschrift für die kognitiven Fähigkeiten, für das menschliche Gehirn hat, erlebt auch die Kunst- und Medienpädagogin Stephanie Ingrid Müller an dem Baden-Württembergischen Institut Mediastep.

Wir müssen erst mal der Gehirnleistung und der Gehirnentwicklung eines Menschen Sorge tragen, und das sind vor allem die originalen Prozesse.

Stephanie Ingrid Müller, Kunst- und Medienpädagogin

Tippen sei bei Weitem nicht so feinmotorisch differenziert wie Schreiben mit der Hand. Somit bestehe die Gefahr, dass Kinder teilweise feinmotorische Prozesse mit gleichzeitigen Denkprozessen zukünftig immer weniger leisten könnten. Dabei hat das Entwickeln einer Handschrift eine zentrale Bedeutung für das Lernen. Deshalb könne man gar nicht früh genug anfangen, die Motorik zu fördern, meint Stephanie Ingrid Müller.

Bei mir ist Zeichnen und Malen eine verbindliche Aufgabe der Kindeserziehung.

Stephanie Ingrid Müller, Kunst- und Medienpädagogin

Im Spiel mit Druckdosierungen, Schwungarten und Spuren, die auf dem Papier entstehen, bilden sich im Gehirn auch erste sprachliche Grundstrukturen. Schreiben lernen ermöglicht somit letztendlich Kommunikation.

Du bist, wie du schreibst

In handgeschriebenen Mitteilungen stecken häufig mehr Informationen als die inhaltliche Botschaft, die sie auf den ersten Blick transportieren. Diesem Phänomen widmet sich die Wissenschaft der Graphologie. Einst als Lehrbeauftragte für Schriftpsychologie an der Universität Leipzig arbeitet die Graphologin Gabriele Schmidt heute in der Schweiz. Grundsätzlich gehe man davon aus, dass Handschreiben eine psychomotorische Bewegung sei, die unwillkürlich Psychisches mitteile. Je weniger die schreibende Person gedanklich beim Schreiben, je mehr sie also beim Inhalt ist, desto freier und genauer werden die Botschaften, die ihrer Psyche entspringen.

Das heißt, die Bewegungen verlaufen automatisiert und so schleichen sich quasi die eigene Befindlichkeit, die eigenen Vorlieben und Zustände eben in diesen Bewegungsablauf ein.

Garbiele Schmidt, Graphologin

Das Betrachten des entstandenen Schriftbildes lässt dann Rückschlüsse zu, erklärt Schmidt. Aufschlussreich seien vor allem die Intensität und die Steuerung einer Bewegung. Sie verraten etwas über den inneren Antrieb, die Intention der schreibenden Person. Äußere Bewegung sei Ausdruck der inneren Bewegung. Je nach Tagesform variiert auch das Bild der Buchstaben. Unabhängig davon entwickeln Schreibende durchaus eine persönliche Handschrift. Bestenfalls lässt sich daran dann die Persönlichkeit buchstäblich ablesen.

Kann aber eben auch sein, dass dann das Leitbild, das, was ich eigentlich von mir zeigen will, sehr im Vordergrund steht. Dann muss man fragen: ,Ja, was ist eigentlich noch dahinter?’

Gabriele Schmidt, Graphologin

Entscheidend für die Entwicklung und den Umgang mit der eignen Handschrift sei schlicht Übung, meint Gabriele Schmidt. Das Ziel wäre, dass all diese verschiedenen Faktoren im Formbild zu einer Einheit zusammenschmelzen, die dann sehr authentisch aussieht.

Es ist nie zu spät

Und das lässt sich trainieren, weiß auch Medienpädagogin Stephanie Ingrid Müller. Wer etwa den Einkaufszettel nicht in ein Gerät tippt, sondern auf ein Papier schreibt, aber auch wer Gemüse selbst schnippelt anstatt Fertiggerichte zu kaufen, wer also viel die Hände einsetzt und bewegt, übt.

Anlässlich des Tages der Handschrift am 23. Januar hat unsere Redakteurin diese Kulturtechnik wiederentdeckt. Den Beitrag zum Nachhören finden Sie hier:

Ein Beitrag von Frauke Siebels zum Tag der Handschrift
Tag der Handschrift
 

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Schreibmotorik Institut e.V., Heroldsberg
Leiterin: Marianela Diaz Meyer
Internetseite: http://www.schreibmotorik-institut.com/index.php/de/

Mediastep, Institut für Kunst- und Medienpädagogik
Leiterin: Stephanie Ingrid Müller
Internetseite: http://www.mediastep-institut.de/

Informationen rund um die Graphologie gibt es unter http://www.graphologie.de/
Kontakt: z.B. Gabriele Schmidt