Filmkritik

Unsere große kleine Farm: Obstbaumidylle

Einfach mal raus. Ferien auf dem Bauernhof für immer. Idylle mit Schwein, Schaf und Suppenhuhn. Obstbäume soweit das Auge reicht, wo vor ein paar Monaten noch Einöde war. Molly und John Chester erfüllen sich einen Traum.
Die Obstbäume der Chester-Farm.

Schuld ist eigentlich ihr Hund. So begründen Molly und John Chester in ihrem Dokumentarfilm Unsere große kleine Farm ihre Entscheidung, die kleine Wohnung in Los Angeles hinter sich zu lassen und den Traum von der eigenen Farm anzugehen. Das Gebell war für die Nachbarn zum Problem geworden. Ein paar Handbücher über ökologische Landwirtschaft, Investoren und ein Fleck Land im kalifornischen Hinterland. Zack, fertig ist die Farm. Anfangs müssen sich die beiden noch Scherze von ihren Freunden gefallen lassen, doch nach und nach kommt Leben auf den Hof. Ein Schwein, Enten, Hühner, Kühe, dazu noch eine Menge Obstbäume. Aus dem Verkauf des Ernteertrags finanziert sich das Paar und seine Mitarbeitenden. Aber natürlich bleibt auch das naturbelassenste Leben nicht ganz ohne Strapazen.

Klar muss Apollinaris sein, soll sich der Bauer freun.

Sieben Jahre lang begleitet der Film Molly und John Chester - oder eher: Begleiten sie sich selbst. John Chester ist als Regisseur aufgeführt, einige der Aufnahmen sind, klassisch für diese Erlebnisdokumentationen, mit Handkamera entstanden. Sonst gibt sich Unsere große kleine Farm aber tatsächlich Mühe auch filmisch interessant zu sein. Die Aufnahmen der Felder und Tiere erinnern an einschlägige Naturdokus und stehen diesen auch in nichts nach. So hebt sich der Film angenehm von der Ästhetik anderer Erlebnisdokumentationen ab. Und auch inhaltlich geht es den Chesters weniger um ihren persönlichen Weg, als viel mehr um den ihrer Farm. Die Lehren, die der Film vermitteln will haben einen ökologischen Anspruch. Gezeigt wird ein Weg, der Koexistenz von Mensch und Natur, wie Ökosysteme beeinflusst werden und wie diese Beeinflussung auch genutzt werden kann. Der Anspruch von Unsere große kleine Farm geht so angenehm über einen rein persönlichen Erfahrungsbericht hinaus.

Im Juli muss vor Hitze braten, was im September soll geraten.  

Angenehm ist wohl auch das Wort, mit dem der Film sich gut beschreiben lässt. Nichts daran tut wirklich weh oder fordert den Zuschauer. Unsere große kleine Farm ist ein bisschen das Dokumentations-Äquivalent zu den Rosamunde Pilcher Filmen. Was Seichtes fürs Herz und nach fünf Minuten ist klar, dass die ganze Geschichte gut ausgeht. Die Probleme, die das Paar auf ihrer Farm hat nehmen gerade zur Mitte des Films zwar viel Zeit in Anspruch, wirken aber wie ein Fremdkörper, wie ein Eingeständnis an Grundregeln der Dramaturgie. Da hat ein Schwein mal Fieber und frisst nicht mehr, dann kommt der Tierarzt und ein paar Tage später ist alles wieder gut. Dann werden Hühner von Kojoten gerissen, aber auch das Problem wird schnell mit Wachhunden behoben. Jedes Problem ist lösbar, alles ist gut und am Ende kommt schwungvolle Gitarrenmusik.

 

Ist’s in der ersten Augustwoche heiß, bleibt der Winter lange weiß. 

Die Idylle wirkt in Unsere große kleine Farm wirklich perfekt. Unterstrichen von den teilweise beeindruckenden Landschaftsaufnahmen der Farm bietet der Film eine gelungene Geschichte über das Zusammenleben von Mensch und Natur. Bloß gelangt die nie wirklich unter die Oberfläche dieses Themenkomplexes. Zu seicht, zu einfach kommt die Dokumentation daher, phasenweise wie aus dem Imagefilm eines großen Unternehmens, das jetzt nachhaltigen Zeitgeist beweisen will. Dennoch ist die Idylle ansteckend. Unsere große kleine Farm ist beruhigendes Sonntagnachmittagskino für das gute warm-ums-Herz-Gefühl. Einzig die letzten Bilder brechen die Idylle, wenn Touristengruppen gezeigt werden, die von den Chesters über ihre Farm geführt werden. So will hier auch der größte Einklang mit der Natur nicht ohne Einklang mit kapitalisierter Globalisierung auskommen.

 

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Unsere große kleine Farm

Regie: John Chester

Kinostart: 11. Juli 2019

FSK: 0

Laufzeit: 92 Minuten