Frisch Gepresst

Unser Charlie trifft Phantom der Oper

Mit ihrem zweiten Album "Go To School" wagen sich die Classic-Rock-Nerds The Lemon Twigs an das fast vergessene Konzept Rock-Oper heran. Ihre Geschichte hat dabei einen ungewöhnlichen Protagonisten.
The Lemon Twigs
The Lemon twigs

Die D’Addarios sind durch und durch eine Show-Business-Familie. Als Kinder eines Studiomusikers wurde den Brüdern Brian und Michael die Musik bereits in die Wiege gelegt. Sie selbst schafften schon im zarten Kindesalter den Durchbruch als Hollywood-Schauspieler. Nachdem sie dem Jungdarstelleralter entwachsen waren, entschieden sie sich jedoch, die Familientradition direkt fortzuführen und gründeten gemeinsam die Band The Lemon Twigs. Mit ihrem Debüt-Album „Do Hollywood“ gelang ihnen 2016 ein charmantes Debüt, mit dem sie ihren Classic-Rock-Vorbildern huldigten. Mit dem Nachfolger „Go To School“ bringen die D’Addarios ihre beiden Leidenschaften, Musik und Schauspiel, nun direkt zusammen. Das Konzeptalbum orientiert sich musikalisch und mit seiner stringenten Erzählung an klassischen Broadway-Musicals. Im Vergleich zu solchen ist die Prämisse deutlich abgefahrener: Schimpansen-Junge Shane wird von dem menschlichen Ehepaar Bill und Carol adoptiert und wie ein menschliches Kind aufgezogen. Nachdem der haarige Halbstarke im Fernsehen Kinder an einer Schule sieht, wünscht auch er sich, in einer solchen Umgebung mit anderen Kindern aufzuwachsen. Shane setzt sich gegen den Willen seiner besorgten Zieheltern durch und wird eingeschult, begegnet jedoch bald der Ausgrenzung und Häme seiner menschlichen Mitschüler.

Überraschende Tiefe

Was sich oberflächlich nach einem überlangen, kindischen Witz anhört, stellt sich in den Händen der Amerikaner jedoch bald als erstaunlich vielschichtige Außenseiter-Story heraus. Die D‘Addarios nehmen ihre Figuren ernst, trotz dramatischer Überhöhung und musikalischer Extravaganz, so dass die Geschichte des missverstandenen Affen auf Sinnsuche tatsächlich zu Herzen geht. Dabei behandeln sie ganz nebenbei Fragen von Identität und dem Wesen von Zivilisation und setzen sogar noch eine Anti-Mobbing-Botschaft obendrauf. Den einen oder anderen Scherz können sich die beiden trotzdem nicht verkneifen, weshalb die Begegnung zweier verschiedener Primaten-Spezies in „Queen Of My School“ in überraschend vulgären Worten beschrieben wird.

Musikalisches Zitate-Raten

Während die Brüder sich beim Gesang der Hauptrolle abwechseln, werden Shanes Eltern „gespielt“ von 70er-Rocker Todd Rundgren und der echten Mutter der Lemon Twigs, Susan Hall. Musikalisch gestaltet sich „Go To School“, einem Musical angemessen, sehr abwechslungsreich. Wie schon auf dem Vorgänger „Do Hollywood“ hört man den Lemon Twigs ihre Liebe zu schon lange vor ihrer Geburt aus der Mode gekommenen Musikstilen an. Dabei scheint es auf „Go To School“ manchmal, als wären die Brüder immer noch im gleichen Maße Schauspieler wie Musiker, und die verschiedenen Stile lediglich Rollen, die sie kurzzeitig annehmen. So werden sich erfahrene Classic‑Rock‑Hörer dabei ertappen, von Song zu Song die jeweiligen Vorbilder zu raten: So meint man zu Beginn von „Never in My Arms, Always in My Heart“, Grand Funk Railroad zu erkennen, bei „The Student Becomes The Teacher“ stehen die frühen Bee Gees Pate, bei „Rock Dreams“ blitzt der Glam Rock von The Sweet auf, „Lonely“ ist die kitschigste Elton‑John‑Ballade, die Elton John nie gesungen hat… Wer mit Pappas Plattensammlung aufgewachsen ist, dürfte an „Go To School“ auf jeden Fall seine helle Freude haben.

Drama wie am Broadway

Dass das Album trotzdem nicht zu einem angestaubten Flickenteppich verkommt, liegt an dem kreativen Songwriting und den Arrangements der D’Addarios. Stellenweise wechseln sie innerhalb eines Songs komplett Stil, Rhythmus und Stimmung und bleiben auf diese Art und Weise unberechenbar. Mit dem mehrstimmigen Gesang und der abwechslungsreichen, stets analogen Instrumentierung schwanken sie gekonnt zwischen Intimität und Bombast. So gipfelt der Höhepunkt von Shanes Geschichte auf „The Fire“ in einem hymnischen Finale, wie man es davor nur aus den Werken von Songwriting-Legende Jim Steinman kannte. Daneben bietet „Go To School“ auch experimentelle Interludes, wie die Bossa-Nova-Klänge von „The Bully“, oder „Born Wrong/Heart Song“, bei welchem man sich zwischenzeitlich fühlt wie beim „Phantom der Oper“. Bloß eben mit einem Schimpansen in der Titelrolle. Am besten ist „Queen Of My School“ dennoch, wenn die Lemon Twigs einfach sie selbst bleiben: Auf der Single „Small Victories“ fangen sie nochmals den chaotischen Charme ihres Debüts ein.

Fazit:

Den Lemon Twigs gelingt mit „Go To School“ eine fantastische Rock-Oper, mit der sowohl Classic‑Rock‑Nostalgiker als auch Musical‑Fans großen Spaß haben werden. Der Sound ist zwar kaum originell, dafür gelingt der Band eine Vielzahl mitreißender Kompositionen, welche die abgefahrene Geschichte in ein passendes musikalisches Gewand kleidet. Sollte in den nächsten Monaten nichts Unvorhersehbares mehr passieren, wird "Go To School" auf jeden Fall das beste Album über einen unglücklichen Schimpansen sein, das 2018 erscheint.

 

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The Lemon Twigs: Go To School

Tracklist:

 1.           Never In My Arms, Always In My Heart

 2.           Student Becomes The Teacher

 3.           Rock Dreams *

 4.           The Lesson

 5.           Small Victories *

 6.           Wonderin' Ways

 7.           The Bully

 8.           Lonely

 9.           Queen of My School *

10.          Never Know *

11.          Born Wrong

12.          The Fire *

13.          Home of a Heart (The Woods)

14.          This Is My Tree

15.          If You Give Enough

16.          Go To School [Bonus/Hidden Track]

 

* Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 24.08.2018
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