Antisemitismus in Deutschland

Ungeheuere Belastung für jüdisches Leben

Vor Synagogen steht Polizei, Kippaträger werden angegriffen, die Zahl antisimitischer Staftaten nimmt zu. Dabei sollte es doch problemlos möglich sein, jüdische Religiösität sichtbar zu leben. Wir sind weit davon entfernt, mahnt Charlotte Knobloch.
Charlotte Knobloch spricht im MdbK über jüdisches Leben in Deutschland

Charlotte Knobloch darf als eine der bekanntesten Personen jüdischen Lebens in Deutschland gelten. Sie war von 2006 bis 2010 Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und ist bis heute Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Als Holocaust-Überlebende setzt sich die heute 86-Jährige nicht nur für jüdisches Leben in Deutschland, sondern auch unermüdlich gegen Antisemitismus ein. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hatte sie nun nach Leipzig ins Museum der bildenden Künste eingeladen.

Heute bin ich weit davon entfernt an eine jüdische Normalität noch zu glauben. Antisemitismus ist da, ist keine deutsche Erfindung, gibt’s auch in anderen Ländern. Aber so wie er sich jetzt zeigt, ist es ein wirkliche, für die jüdischen Menschen eine ungeheure Belastung, und ich würde es als Katastrophe bezeichnen.

Charlotte Knobloch

Unter dem Titel „Sichtbar zugehörig? - Von der Normalität jüdischen Lebens in Deutschland“ stellte Charlotte Knobloch zunächst die Frage, ob es so eine Normalität jemals gegeben hat. Dabei spannte sie einen historischen Bogen bis ins 19. Jahrhundert. Mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs bekamen die Juden erstmals volle Bürgerrechte. Jüdisches Leben blühte in dieser Phase regelrecht auf, jüdische Personen waren anerkannte Mitglieder der Gesellschaft. Viele repräsentative Gemeindesynagogen stammten aus dieser Zeit, auch die 1855 eröffnete und 1938 zerstörte Synagoge in der Leipziger Gottschedstraße war ein Beispiel dieser selbstbewussten Sichtbarkeit.

Eine Normalität schien fast erreicht

Als in den 1990er Jahren viele Gemeinden wuchsen und etwa in München, Dresden und Chemnitz neue Synagogen gebaut wurden, schien eine neue Normalität fast erreicht. Allerdings hat nun in den letzten Jahren der Antisemitismus in Deutschland wieder zugenommen, in Sachsen gab es mit 138 antisemitischen Straftaten in 2018 einen neuen Höchststand. Charlotte Knobloch zeigte sich von dieser Entwicklung sichtlich erschüttert: Es ließe sich nicht negieren, dass es Antisemitismus auch innerhalb der AfD gebe. Erst im Januar hatte Charlotte Knobloch die rechtspopulistische Partei im Bayerischen Landtag als verfassungsfeindlich kritisiert und seither zahlreiche antisemitische Anfeindungen per Post und E-Mail erfahren. Obwohl sie hier einen "Aufschrei der Menschen gegen den Antisemitismus" vermisse, zeigte sich Knobloch doch grundsätzlich zuversichtlich, dass diese Tendenzen wieder umzukehren seien.

Ich sage immer ganz deutlich, dass die heutige Jugend in der Verantwortung ist, weil wir geben den Stapel Erinnerung an sie weiter. Und ich hab das Gefühl, dass sie das auch akzeptieren und das dann auch weiterführen, weil sie eben in diesen Themen viel gebildeter sind als früher.

Charlotte Knobloch

Fehlt es an Bildung?

Im Vortrag betonte Charlotte Knobloch dann, dass die Bildung an den Holocaust heute deutlich umfassender sei als in beiden Teilen Deutschlands in der Nachkriegsphase. Während lange Holocaust-Überlebende das Erinnern prägten, sehe sie deshalb auch in Zukunft Chancen eines verantwortungsvollen Umgangs mit der Geschichte.

Im Kontrast dazu standen zahlreiche Redebeiträge in der anschließenden Diskussion: Mehrheitlich ältere Herren diagnostizierten die heutige als schwach wahrgenommene Bildung als Ursache für den wiedererstarkten Antisemitismus. Abgesehen von einigen Mitgliedern der jüdischen Gemeindejugend Leipzigs war kaum jüngeres Publikum zugegen, um eine solche Einschätzung weiter einzuordnen.

Das hohe Durchschnittsalter der etwa sechzig Zuhörenden mag dem Veranstaltungsformat geschuldet gewesen sein. Die Dissonanz zum Anspruch, einen erstarkenden Antisemitismus durch die Begegnung junger Menschen mit Holocaust-Überlebenden entgegenzutreten, lässt sich aber kaum leugnen. Dabei hatte Charlotte Knobloch ihrem hörenswerten Vortrag bereits vorangestellt, dass sich über das bleibende Ziel einer Normalität jüdischen Lebens in Deutschland nur mit Blick auf die Geschichte nachdenken ließe.

Der Beitrag zum Nachhören:

Moderatorin Angie Fischer im Gespräch mit Anton Walsch über den Vortrag Charlotte Knoblochs
0504 SG zur Normalität jüdischen Lebens

 

 

 

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Anton Walsch
08.04.2019 - 15:03

Charlotte Knobloch wurde 1932 in München geboren. Den Holocaust überlebte sie als angeblich uneheliches Kind einer katholischen Bekannten auf einem Bauernhof in Franken. Entgegen ursprünglicher Auswanderungspläne blieb sie nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrer Familie in Deutschland und setzte sich seither in zahlreichen nationalen wie internationalen Institutionen für die Vernetzung jüdischer Gemeinden wie auch für das Gedenken an den Holocaust ein.