Interview: Børns

Und wenn du den Ellbogen abgeleckt hast?

Garrett Borns ist ein vielseitig talentierter Mann. Neben sinnlich-verträumtem Indie-Pop hat er ein Händchen für Literaturtipps und unerwartete Metaphern. Børns über Kollegin Lana Del Rey, ausgestopfte Tiere und abgeleckte Ellbogen.
Børns
Børns im Festsaal Kreuzberg, Berlin.

Mittwoch, der 23. Mai 2018: In Berlin-Kreuzberg sind gefühlte 40 Grad Celsius, die Straßen sind vollgestopft mit überdurchschnittlich attraktiven Menschen in kurzer Kleidung. Alle hier wirken cool, freigeistig und artsy. Kein Wunder, dass Garrett Borns ein Auge auf die Hauptstadt geworfen hat. Vielleicht zieht er mal hierher, meint er später im Interview. Vorerst bleibt er seinem Wohnsitz in LA allerdings treu und stattet er Berlin nur einen kurzen Besuch ab. Ohnehin treibt ihn sein zweites Album „Blue Madonna“ momentan von einer Stadt in die nächste; was Vor- und Nachteile mit sich bringt.

Während ich mir neben einigen engagierten Fans, die bereits Stunden vor Einlass geduldig vor dem Festsaal Kreuzberg warten die Sonne auf den Bauch scheinen lasse, steckt Børns mit seiner Crew im Stau fest. Nach seiner Ankunft geht's eng getacktet weiter: Interview, Mittagessen, Interview, Pause, Interview, Soundcheck, Show, Meet & Greet, danach irgendwann Feierabend.

Wirklich anmerken lässt sich Børns den ganzen Stress aber nicht. Er begrüßt mich zuvorkommend zum Interview und entpuppt sich nach kürzester Zeit als überaus umgänglicher Interviewpartner. Während im Hintergrund die Vögel zwitschern und sich Männer im Biergarten Arbeitsanweisungen zurufen, entwickelt sich unser Gespräch in ungeahnte Richtungen.

Das Interview zum Nachhören gibt's hier:

Musikredakteurin Ariane Seidl im Gespräch mit Børns.

Voiceover Garrett Borns: Til Schäbitz
Moderation: Sophie Rauch

Musikredakteurin Ariane Seidl im Gespräch mit Børns.

Gleich der erste Song auf „Blue Madonna“ ist ein Duett mit Lana Del Rey. Wie kam es dazu?

Ich musste schon beim Titel an Lana denken. Aber ich habe nie gedacht, dass sie wirklich mitmachen würde. Ich habe damals viele Fotos mit ihrer Schwester Chuck gemacht und wir hingen oft rum. Lana war manchmal dabei und hat ein paar der Songs gehört, an denen ich gearbeitet habe. Bei „God Save Our Young Blood“ meinte sie: Ich will da mitsingen! Und ich so: „Oookaaay, kann mich jemand kneifen?“. Dann waren wir gemeinsam im Studio und es war klasse. Ihre Stimme ist so rein und perfekt. Keine Effekte lassen sie so klingen, das ist einfach ihre Stimmfarbe.

Mit Lana Del Rey hast du also schon zusammengearbeitet, was an sich ziemlich krass ist. Aber wenn du einen Tag mit irgendeiner Person – tot oder lebendig – verbringen könntest, wer wäre das und was würdet ihr machen?

Es gab da diesen Schriftsteller namens John Collier. Am meisten kennt man ihn für seine Theaterstücke. Aber er hat auch diese ganzen Kurzgeschichten geschrieben, von denen keiner wirklich weiß. Sie sind sehr morbide, verdreht und humorvoll. Die ganzen Kleinigkeiten und Wortspiele sind so lustig und düster. Davon bin ich echt begeistert. Es gibt diese eine Geschichte über einen Mann, der in eine Frau verliebt ist. Sie hat aber nur Augen für die ausgestopften Tiere, mit denen sie ihr Haus dekoriert. Irgendwann ist er so verzweifelt, dass er sich für sie ausstopfen lassen will. Die Geschichte ist echt merkwürdig, aber sehr lustig. Also, John Collier! Ihn würde ich gern auf ‘nen Tee treffen und hören, was er so zu erzählen hat.

Dann könnt ihr euch gemeinsam auch gleich ein paar ausgestopfte Tiere zulegen.

Ich weiß nicht, ob das was für mich ist. Tierpräparation war nie so mein Ding. Ich esse kein Fleisch und töte keine Tiere. Ich hoffe eher, dass sie mich mögen.

Es ist jetzt gerade mal 16:00 Uhr und vor der Venue warten bereits einige Fans.  Bis zur Show ist es also noch ‘ne ganze Weile hin und die Mädels stehen trotzdem schon bereit. Insgesamt wirkt deine Fanbase sehr unterstützend und herzlich, aber hast du manchmal das Gefühl, dass sie aus dir eine Art Sexobjekt machen?

Ich denke, meine Musik und die Art, wie ich performe, haben insgesamt etwas sehr sexuelles und sinnliches an sich. Daraus ziehe ich meine Kreativität. Ich denke, da kommt sämtliche Kreativität her. Es liegt wohl an der Art, wie ich performe und was ich anhabe. Das kann natürlich ein gewisses Verhalten inspirieren.
Aber im Endeffekt ist das nur eine Performance.

Also ist alles cool und niemand überschreitet irgendwelche Grenzen?

Hm, nicht wirklich. Das Internet ist da ‘ne andere Sache. Ich versuche, nicht zu viel im Internet nachzulesen. Manche Sachen sind richtig lustig, andere sind so „Oooooh, OK …“. Aber ich versuche, da nicht zu viel Zeit und Energie reinzustecken. Dort ist es ziemlich wild und gesetzlos.

OK, jetzt habe ich dich mit einer Frage nach der anderen bombardiert. Aber wenn du eine Frage stellen könntest, die mit „warum“ beginnt und die ultimative Antwort erhalten würdest – was würdest du fragen?

Hm, warum versucht Berlin mich um den Finger zu wickeln, damit ich hierher ziehe? Würde ich tatsächlich gerne! Es wäre super ein Album hier aufzunehmen. Ein bisschen Zeit hier verbringen, malen, ein Album aufnehmen. Alle hier wirken so cool. Aber – um etwas philosophischer zu werden, weil du hier ja was Gutes haben möchtest, vielleicht... Warum fühlt sich meine Hose heute supereng an? (lacht)

Ja, gut. Als ich die Frage vorbereitet hatte, habe ich mich gefragt: Warum kann man seinen eigenen Ellbogen nicht ablecken? Eine Sache, die mich schon immer beschäftigt.

Hm, verstehe. Du brauchst vielleicht eine längere Zunge und einen kürzeren Ellbogen? Oder du musst sehr viel Zeit aufwenden. Aber wenn du einmal den Ellbogen abgeleckt hast, was dann?

Stimmt. Dann habe ich’s geschafft und weiß nichts mehr mit mir anzufangen, weil all meine Lebensziele erfüllt sind.

Ich denke, mit allem was ich tue versuche ich immer, meinen Ellbogen abzulecken. Verstehst du, was ich meine? Und ich habe das Gefühl, ganz bekomme ich es nie hin, aber wenigstens versuche ich es und sporne mich an. (lacht)

Bist du denn sehr selbstkritisch bei deiner Musik? Also versuchst du, alles perfekt zu machen und hast oft das Gefühl, dass nichts je wirklich fertig ist?

Ja, voll. Meistens versuche ich herauszufinden, ob ich versuche Sachen perfekt zu machen oder… was bedeutet das überhaupt? Manchmal, wenn ich etwas einfach sein lasse und mich zurücknehme, ist es vielleicht genauso, wie es sein soll. Es existiert von sich aus und braucht meine Hilfe nicht. Das ist das Schwierigste, wenn du irgendwas erschaffst. Einfach mal zu sagen: „OK, fass das jetzt nicht an. Mach damit einfach nichts mehr. Es schon perfekt so, wie es ist.“

Du musst nicht in alles eingreifen, nur weil du es kannst. Das versuche ich immer zu balancieren. Mit allem, nicht nur mit Musik. Auch in Beziehungen. Wenn es nicht kaputt ist, dann reparier’s nicht.
 

 

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Auf der Suche nach den verschollenen Klängen: 

„The Search For The Lost Sounds“ - so heißt der Kurzfilm, den Børns im Juli 2017 veröffentlichte. Darin wurde bereits Monate vor Release angedeutet, in welche Richtung sich „Blue Madonna“ entwickeln sollte. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er dem grazilen Theremin oder Mariachibands. Vom Theremin sei er einfach fasziniert, mit Mariachibands wollte er aus Nostalgiegründen arbeiten. Sie erinnern Børns an warme Sommernächte im Norden seiner Wahlheimat Los Angeles'. Das Video selbst ist - ganz nach Børns-Manier - sehr fantasievoll, ein bisschen verdreht und höchst ästhetisch.