Interview über Gendern

Überzeugung kann man nicht verordnen

Sachsens Gleichstellungsministerin Petra Köpping wünscht sich, dass mehr und mehr eine geschlechtergerechte Sprache verwendet wird. Doch einfach verordnen ließe sich das nicht. Wir sprachen mit ihr über das sprachliche Phänomen und ihre Sicht darauf.
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Eine Möglichkeit zu Gendern stellt die Nutzung des Sternchens dar.

Die Ministerin kritisiert, dass oftmals von einem "Genderwahn" gesprochen werde. Zwar seien ihrer Meinung nach andere Probleme vordergründig. Doch das bedeute nicht, das deshalb beispielsweise korrekte Schreibweisen von Berufsbezeichnung unwichtig wären.

Das Interview können Sie hier nachhören oder im Folgenden nachlesen:

Moderator Julien Reimer im Gespräch mit Gleichstellungsministerin Petra Köpping
 

mephisto 97.6: Anlass für unser Gespräch ist ein Interview, dass Sie der deutschen Presseagentur gegeben haben, in dem es um geschlechtergerechte Sprache geht. Das Interview wurde von der Sächsischen Zeitung online veröffentlicht. Erster Kommentar darunter: „Hat die Frau nichts anderes zu tun?“ Frau Köpping, haben Sie nichts anderes zu tun?

Petra Köpping: Das ist immer der erste Kommentar, den ich bei solchen Themen erreiche, obwohl die Leute gar nicht lesen, was da geschrieben steht. Und ich hab in dem Interview unter anderem gesagt, dass es sicher in der Perspektive ein Thema sein wird, dass man Sprache exakt anwendet, dass man sie besser formuliert, aber dass wir im Moment ganz andere Probleme in der Gleichstellung von Mann und Frau haben. Und eines der Themen ist die gleiche Bezahlung von Mann und Frau oder häusliche Gewalt. Das sind Themen, mit denen wir uns beschäftigen und die haben nichts mit Genderwahn zu tun.

Sie haben in dem Gespräch mit der dpa gesagt, geschlechtergerechte Sprache solle Schritt für Schritt Einzug halten. Glauben Sie denn, dass es das gibt, eine geschlechtergerechte Sprache?

Natürlich gibt es die. Ich mache das an einem Beispiel deutlich: Ich bin selber Landrätin gewesen. Und als ich die Funktion aufgenommen habe, da stand auf meinem Briefkopf „Frau Landrat“. Das fand ich immer ziemlich befremdlich, weil ich eine Landrätin bin, ich bin eine Frau. Und ich habe es dann erreicht über mehrere Schritte, dass diese Verwaltungsvorschrift geändert worden ist. Dass ich als Landrätin eben auch Landrätin genannt werde. Und das ist eine Sprache, an die man sich gewöhnen muss und dass es korrekt ist. Ich weiß, dass es eine große Aufregung gegeben hat, als es die Diskussion an der Uni Leipzig gab mit Herr Professorin. Das war eine ganz ungewohnte Sprachvermittlung. Als ich Frau Landrat genannt wurde, hat sich jedoch niemand aufgeregt. Daran sieht man, dass Sprache eine Gewohnheitssache ist.

Auch wenn es nicht Ihr vordergründigstes Ziel ist, aber dennoch sind Sie als Politikerin, jemand der Sprachpolitik betreibt. Wenn man jetzt annimmt, dass geschlechtergerechte Sprache ein erstrebenswertes Ziel ist, dann bleibt immer noch die Frage auf dem Weg dahin. Da könnte man argumentieren, dass das aus der Gesellschaft herauskommen muss, anstatt von Politikern?

Genauso sehe ich das auch. Ich verstehe mich nicht darin, dass ich die geschlechtergerechte Sprache einführe, sondern darin, dass es um die Ungerechtigkeit zwischen den unterschiedlichsten Menschen geht. Insofern bin ich völlig bei Ihnen, gendergerechte Sprache sollte eben auch über die Gesellschaft probiert werden. Das beginnt bei Universitäten oder gesellschaftlichen Organisationen. Ich möchte das nicht von oben überstülpen. Weil wir im Moment – was die Gleichberechtigung und die Diskriminierung betrifft – noch große Probleme haben, die wir anfassen müssen.

Man kann auch immer wieder diskutieren, ob gendergerechte Sprache ein Mittel auf dem Weg ist oder ein Ergebnis. Es wird ja immer wieder argumentiert, durch geschlechtergerechte Sprache werde Geschlechtergerechtigkeit erzeugt. Andererseits könnte man sagen, durch Gerechtigkeit könnte geschlechtergerechte Sprache geschaffen werden. Was glauben Sie, wie ist da der Weg?

Ich glaube, es wird beides parallel funktionieren. Mir begegnet das immer wieder. Wenn Menschen sich in Diskriminierung befinden, dann merken Sie erst mal, wie schlimm das für den Einzelnen ist. Und warum soll ich diese Diskriminierung, die andere erfahren, nicht auch zu meinem Lebensinhalt machen, um das abzustellen. Wenn gleichzeitig von der anderen Seite – aus der Gesellschaft heraus – andere Themen für wichtig erachtet werden, hilft das beiden. Ich glaube, dass beides auf vielen Ebenen passieren muss. Bei einer Gleichstellung von Mann und Frau ist das oft eine Überzeugung, die Menschen mitbringen müssen. Das kann ich als Ministerin nicht verordnen.

 

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