Die Kolumne

Übertreibungen

... Vereinfachungen und falsche Schlüsse. Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Felix Krause über Burkhard Jung, den Echo und Shitstorms im Jahr 2018.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne vom 27.04.2018 zum Nachhören:

Übertreibungen - Die Kolumne von Felix Krause
 

DIE Schlagzeile der Woche war: Burkhard Jung. Leipzigs Oberbürgermeister wurde vorgeschlagen, ab Juni 2019 Präsident des Ostdeutschen Sparkassenverbands zu werden. Falls sich Jung das vorstellen könnte, müsste er noch in das neue Amt gewählt werden. Für diese Wahl stehen die Chancen aber nicht schlecht. Jung genießt laut Berichten der LVZ nämlich die Unterstützung aller vier Städte- und Gemeindebünde Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt.

Und was hälst du von einem möglichen Wechsel?

Ähm. Weiß nicht. Da habe ich ehrlich gesagt gar keine richtige Meinung zu.

Okay...?

In jedem Fall ist es ein Kinderspiel, den Wechsel zu verhindern.

Wie das?

Shitstorm.

Shitstorm?

Ja, Shitstorm.

Aha.

Aus Burkhard Jung mache ich … den neuen Echo.

Hä...?

Hast du es denn nicht mitbekommen? Den Echo wird es nicht mehr geben. Das hat der Vorstand des Bundesverbandes Musikindustrie beschlossen. Der Preis habe zu viel Schaden genommen in der Debatte um Kollegah und Farid Bang. Der Antisemitismusvorwurf zieht solche Kreise und hat so einen großen Einfluss, dass es den Preis nicht mehr geben wird. Willkommen im Jahr 2018. Wenn Shitstorms als wahre Vierte Gewalt Politik machen. Ausgestattet mit den unschlagbaren Waffen Betroffenheit und Political Correctness.

Und, was hat das mit der Sparkasse zu tun? Und mit Burkhardt Jung?

Erstmal gar nichts. Aber mit einer kleinen Recherche und den Waffen Betroffenheit und Political Correctness, gepaart mit Übertreibungen, Vereinfachungen und falschen Schlüssen, lässt sich heutzutage alles verhindern. Einen großen Musikpreis. Und auch den Wechsel des Leipziger OBs zur Sparkasse.

Ich bin gespannt.

Ich begebe mich also ins World Wide Web. Und suche nach allem, was die Sparkasse so fragwürdiges gemacht hat. Selbstverständlich gibt es nicht DIE Sparkasse, aber das interessiert 2018 ja niemanden. Habe ich Übertreibungen, Vereinfachungen und falsche Schlüsse schon erwähnt?

Ja.

Felix Krause, Kolumne
Felix Krause mag die Dynamik heutiger Diskussionen.

Eine gute Eigenschaft der Sparkassen ist, dass sie eine Menge Geld spenden. Das investigative Recherchezentrum Correctiv hat dazu Zahlen veröffentlicht: demnach geben die Sparkassen in Deutschland jährlich etwa eine halbe Milliarde Euro für wohltätige Zwecke aus. Etwa Sportvereine, kulturelle oder soziale Einrichtungen werden so bei ihrem Engagement unterstützt. Oder auch Vereine, die „traditionelles Brauchtum“ betreiben. So wie Schützen- oder Karnevalsvereine. Moment. Mit meinem Ziel, einen Shitstorm auszulösen, denke ich mir: Karnevalsvereine? Jackpot.

Wieso?

Na, weil zu Karneval ja gerne mal die Mentalität herrscht, endlich mal alles sagen zu dürfen. Karneval. Derber Humor halt. Hat man aber schon immer so gemacht. Tradition. Ein Karnevalsverein, der da ganz vorne mit dabei ist, ist der Karnevalsverein Südend Fulda. In der Frankfurter Neuen Presse lese ich: „Der Klub sah sich Rassismusvorwürfen ausgesetzt, weil Mitglieder Kolonialuniformen tragen und sich als schwarze Menschen geschminkt hatten.“ Letztes Jahr noch war bei dem Umzug die Rede vom „Neger aus dem Südend“. Der Verein wurde übrigens im Jahr 1938 gegründet. Und ich denke, wow, das alles passt zusammen... wie der geschmacklose Witz zur ethnischen Minderheit. Prima für einen kleinen Skandal – wenn die Sparkasse noch mitspielt. Und siehe da: Ja, die Sparkasse Fulda sponsort den Karnevalsverein.

Moment. Es ging doch darum, ob Burkhardt Jung der Präsident des OSTdeutschen Sparkassenverbandes wird.

Du lernst es nie oder? Ist doch völlig egal. Für den Mob da draußen, für die Verfechter*innen von Political Correctness und für den*die bürgerlichen Feuilletonisten*innen spielt das doch keine Rolle. Stichwort Übertreibungen, Vereinfachungen und falsche Schlüsse. Brauche ich nur noch einen pfiffigen Hashtag, der der Sparkasse die Unterstützung von rassistischen Vereinen bescheinigt. Zum Beispiel: #kassenichtfürjederasse. Wenn sich die Geschichte ein wenig hochgeschaukelt hat, bringt man Burkhardt Jung noch ins Spiel. Überschrift: Jung neuer Präsident der Rassismus-Bank?

Dann melden sich wieder Millionen Menschen, die nicht im Thema drinstecken völlig kontextlos. Wie bei Kollegah und Farid Bang halt. Und schreiben Kommentare und machen eine Mücke zum Elefanten. Und ist die Sparkasse dann auf der Abschussrampe, distanziert sich Jung von allem und bleibt Oberbürgermeister in Leipzig.

Und nächste Woche?

Türkischer Gastronom muss sich rechtfertigen weil er Döner verkauft und somit Stereotype reproduziert.

 

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Felix Krause
27.04.2018 - 10:57