Menschliche Gebeine

Überreste der Geschichte

Knochen, Schädel, Haare: Alles ein Fall fürs Museum. Auch in sächsischen Museen und Sammlungen gibt es menschliche Überreste. Nun fordern die Grünen Sachsen klare Richtlinien im Umgang mit menschlichen Gebeinen.
Symbolbild: Schädel aus der Gedenkstätte Tamara, die an den Genozid erinnern sollen
Menschliche Überreste, die auf unrechtmäßige Weise in deutschen Museen landeten, sollen zurückgegeben werden. (Symbolfoto)

 

Moderatorin Paula Drope und mephisto 97.6-Redakteur Lars-Hendrik Setz sprechen über menschliche Gebeine in sächsischen Museen
1102 SG Knochen

Archäologie oder Völkerkundeausstellungen auf der ganzen Welt zeigen menschliche Gebeine. Solche Überreste gibt es auch in Sachsens Museen. Dabei ist scheinbar fraglich, wie manche Sammlungs- und Ausstellungsstücke ihren Weg in den Freistaat gefunden haben. Ein Teil der Sammlung stammt zwar aus Ausgrabungen im Freistaat. Ob und wie viele menschliche Gebeine aber möglicherweise unrechtmäßig in Sachsen sind, ist nur schwer nachzuverfolgen.

Überreste, die in Sachsen geborgen wurden, gelten als unkritisch. In solchen Fällen sind beispielsweis Nachfahren auszumachen, die Anspruch auf ein Totenfürsorgerecht haben. Bei menschlichen Gebeinen zum Beispiel aus Amerika, Australien oder Afrika legt der Deutsche Museumsbund hingegen eine genaue Überprüfung der Beschaffungshintergründe nahe. Grund dafür sind mögliche unrechtsgeschichtliche Beschaffungen oder Verwendungen. Es solle beispielsweise geklärt werden, ob menschliche Gebeine in Zeiten des Kolonialismus entwendet wurden.

Außerdem sieht der Interessenverband die Verwendungsgeschichte der Gegenstände kritisch. So könnten solche Überreste beispielsweise im Sinne rassenideologischer Forschung verwendet worden sein. Um die Rechte der Verstorbenen und den Schutz indigener Völker auch nach möglichen Entwendungen zu gewährleisten, besteht die Möglichkeit der Restitution. Das bedeutet, dass Objekte an ihren ursprünglichen Ort zurückgeführt werden.

Menschliche Gebeine in Sachsen

Die Grünen Sachsen haben nachgefragt. Sie wollten wissen, wie viele menschliche Gebeine in Sachsen derzeit gelagert werden. Außerdem fragten sie, ob derzeit Restitutionsforderungen vorliegen und wie allgemein mit kritischen Objekten umgegangen werde. Die Antwort des Sächsischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst wirft Fragen auf. In zwei Schreiben beantwortet Sachsens Wissenschaftsministerin Dr. Eva-Maria Stange die Kleinen Anfragen von der Grünen Wissenschaftsbeauftragen Dr. Claudia Maicher.

Dabei wird die Ministerin nur selten deutlich. Wie viele Gebeine insgesamt in Sachsen vorliegen, geht aus der Antwort nicht hervor. Benannt werden ungefähr 6000 Objekte in der Staatlichen Kunstsammlung Dresden (SKD) sowie 650 Gegenstände aus der anatomischen Sammlung der Medizinische Akademie Dresden. Obwohl in dieser Sammlung auch Schädel aus dem pazifischen Raum vorliegen, seien unrechtsgeschichtliche Hintergründe ausgeschlossen. Dabei liegen der SKD derzeit drei Restitutionsforderungen vor, die eine Rückführung von Objekten nach Hawaii, Australien und Neuseeland beanspruchen.

Keine klare Linie

Claudia Maicher kritisiert nun, dass das Ministerium nicht offenlegt, welche Maßnahmen in den aktuellen Fällen geplant sind. In einer Pressemitteilung heißt es weiter:

Offensichtlich gibt es im Ministerium für Wissenschaft und Kunst keine klaren Richtlinien, wie mit Rückforderungen menschlicher Gebeine an sächsische Einrichtungen umgegangen werden soll. Die zuständige Ministerin lässt auch offen, ob nach den Anfragen aus den drei Gebieten Konsultationen stattgefunden haben und wie die Staatsregierung weiter verfahren wird.

 

Claudia Maicher, Wissenschaftsbeauftragte der sächsischen Grünen

Neben einer fehlenden Richtlinie wirft die Grünenabgeordnete dem Ministerium vor, bereits zu lange an verbindlichen Richtlinien für sächsische Museen zu arbeiten. Derzeit bestehen keine klaren Rechtsansprüche. Ein entsprechendes internationales Abkommen hat Deutschland bisher nicht unterzeichnet. Im Interview mit mephisto 97.6 fordert Maicher die Wissenschaftsministerien dazu auf, Richtlinien zeitnah umzusetzen. Verantwortliche des Sächsischen Staatsministeriums waren bisher nicht zu erreichen.

Auch Nanette Jacomijn Snoep, Direktorin der drei Völkerkundemuseen in Dresden, Herrnhut und Leipzig, äußerte sich nicht konkret zu den möglichen Maßnahmen im Umgang mit menschlichen Überresten. Auf die Frage, wie an aktuellen Fällen gearbeitet werde, entgegnete sie, dass die anthropologischen Sammlungen schon seit mehreren Jahren bearbeitet werden und mit viel Energie Provenienzforschung betrieben werde.

Leiterin der Völkerkundemuseen im Interview mit Moderatorin Ina Beyer

Die Redaktion für das Interview hatten Nicole Frank und Lars-Hendrik Setz

 
 

Kommentare

Das Museum für Völkerkunde in Leipzig erwarb einst für 95.000 Mark die anthropologische Abteilung der privaten Sammlung des Hamburger Reeders Johan Cesar VI. Godeffroy. Im Zettelkatalog des Leipziger Museums vermerkt sind darunter zwei Schädel und acht Skelette australischer Ureinwohner. Lieferantin Godefroy‘s und Beschafferin dieser Skelette war die sächsische Amalie Dietrich aus Siebenlehn. Ihr damaliger Spitzname: „Angel of black death“, Todesengel der Aborigines.
Der Gebäudeteil, in dem die Skelette in Leipzig ausgestellt waren wird 1943 von britischen Bombern zerstört, und damit auch die Gebeine der Aborigines.
Quelle: Zeitschrift GEO März 2011, Reportage „Der Beutezug“
Siehe auch. Mordakte Museum Terra X
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Das Thema im Netz:

Der Deutsche Museumsbund hat 2013 eine Handreichung für den Umgang mit menschlichen Gebeinen in Museen verfasst. Außerdem fordert er die Museen dazu auf, eigene verbindliche Richtlinien zu verfassen. Die Handreichung können Sie hier nachlesen.