Im Gespräch: Stefan Beuse

Über was wundern wir uns eigentlich noch

Penny, verträumt und voller Fantasie. Tom, trocken und rational. Beide sind zwei sehr unterschiedliche Geschwister, die in Stefan Beuses neuem Roman ein Geheimnis teilen. Dieses holt den Bruder ein Jahrzehnt später wieder ein.
Autor Stefan Beuse zu Gast auf dem Roten Sofa mit mephisto 97.6 Redakteurin Lisa Albrecht
Autor Stefan Beuse zu Gast auf dem Roten Sofa mit mephisto 97.6 Redakteurin Lisa Albrecht

Ein Nachmittag, ein grünes Licht, zwei Geschwister. Die Geschwister Penny und Tom finden im Garten einen grünen Edelstein. Während Penny begeistert ist und ihn in die Sonne hält, behauptet Tom, das sei nur eine Glasscherbe. Was es nun wirklich ist, bleibt dem Leser überlassen.

Wenn das Himmelsblau eine Illusion ist

Ein weiteres Motiv ist das Neben- und Miteinander von Wunder und Wissenschaft, denn die beiden Geschwister führen immer wieder Gespräche darüber: „Glaubst du, die Maus hat es gut im Himmel?“ Tom antwortet darauf: „Der Himmel, Penny, ist eine gigantische Illusionsmaschine, eine riesenhafte blaue Leinwand mit Sonne und Mond und Wolken drauf, und er ist nur da, um die Finsternis und die Leere dahinter vergessen zu machen, dieses allumfassende, monströse Nichts, von dem wir nicht mal wissen, ob es wirklich nichts ist, weil es zu über siebzig Prozent aus etwas besteht, von dem wir absolut keine Ahnung haben.“

Niemand erfährt, was eigentlich passiert ist

Auch die Beziehung der Figuren zu Realität und Wirklichkeit wird immer wieder neu auf die Probe gestellt. Immer wieder löst Beuse Gewissheiten auf und lässt den Leser rätseln, wie es denn wirklich war. Denn es geht um Vorstellungskraft, die so stark ist, dass sie Penny eine eigene Welt erfinden lässt. Und die ihren Bruder Tom einen mehrtägigen Alptraum in einem Dschungel erleben lässt, der ihn für sein weiteres Leben wortwörtlich zeichnet. Ist Toms Alptraum ein Traum oder eine Reise in eine andere Dimension? Das Buch beantwortet diese Fragen nicht, und das ist auch gut so.

Das Geheimnis der Geschwister

Viel interessanter ist es sowieso Tom und seinen Gedanken über die Welt zu folgen. Das Buch beginnt, als er noch ein Kind ist und die Welt fast zwanghaft rational erklärt. Es folgt ihm durch die Pubertät zum erwachsenen Mann. Dessen geordnetes Leben in einer Werbeagentur könnte befriedigend sein, bis ihm ein geheimnisvolles Mädchen begegnet. Da ist Tom wieder an dem Punkt, an dem er als Junge schon einmal war. Und er wird gezwungen, sich endlich dem zu stellen, das er schon lange vergessen glaubte.

Zeit heilt alle Wunder

Dass die Zeit alle Wunder heilt, bedauert Stefan Beuse. Auch er meint, er wundere sich mittlerweile viel zu selten, ihn könne wenig noch verwundern. In seinem neusten Buch kommt die Hauptfigur Tom zu der Ansicht, dass auch Gedanken und Fantasie eine eigene Realität erschaffen. Somit gäbe es nicht nur die eine Wirklichkeit, sondern viele verschiedene, die nebeneinander existieren. Autor Stefan Beuse ist der Ansicht, dass es einen wahren Kern jeder Sache gibt. Alles drum herum aber sei viel Licht, Theater und Spiel.

Was Stefan Beuse noch über Fantasie und Realität erzählt, hören Sie im gesamten Interview mit mephisto 97.6 Redakteurin Lisa Albrecht:

Autor Stefan Beuse im Gespräch mit mephisto 97.6 Redakteurin Lisa Albrecht
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Stefan Beuse, geboren 1967 in Münster, lebt in Hamburg und arbeitete unter anderem als Journalist und Fotograf. Seit 1997 veröffentlichte er bei verschiedenen Verlagen – darunter die Romane „Kometen“ (2000, verfilmt 2005), „Meeres Stille“ (2003, verfilmt 2012) und „Alles, was du siehst“ (2009). Er wurde insgesamt dreimal mit dem Literaturförderpreis der Stadt Hamburg ausgezeichnet. Der Zeit-Journalist Martin Brinkmann attestierte ihm ein „Talent zur poetischen Weltschau“.

Sein soeben erschienener Roman „Das Buch der Wunder“ dreht sich um zwei Geschwister und ein gemeinsames Geheimnis, das den Bruder mehr als ein Jahrzehnt später einholt. Es kostet 18 Euro und ist im mairisch Verlag erschienen. Insgesamt hat es 244 Seiten.