Die Kolumne

Über Schlachten

Heute mit Anna Bertram über Schwarzpulver, Kriegsvoyeurismus und Erinnerungskultur.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Das Aufarbeiten von Geschichte ist ein sehr sensibles Thema. Und das nicht erst, seitdem Björn Höcke und Alexander Gauland beharrlich versuchen, den Holocaust zu verharmlosen. Auch in Leipzig lässt mich die Frage, wie wir mit Geschichte umgehen, nicht unberührt.

Wie meinst du das, hier in Leipzig?

Vergangene Woche hat sich hier ein lokales Ereignis zum 205. Mal gejährt: Die Leipziger Völkerschlacht. Und damit auch die Frage, wie an die Völkerschlacht mit rund 100.000 Toten zu gedenken sei. Eine mögliche Antwort für 2.000 Leute letztes Wochenende war: Wir spielen die Völkerschlacht nach. Und zwar pompös und heroisch in Form eines Großevents, mit Schwarzpulverschüssen aus nachgebauten Kanonen und Gewehren wurde in Uniformen die einst viertätige Schlacht nachgestellt.

Wo liegt das Problem? Die Menschen haben Spaß daran und geben sich Mühe.

Zugegeben: Die Kostüme werden jedes Jahr liebevoll handgearbeitet, hinter der ganzen Veranstaltung steckt eine Menge Arbeit und gute Intention. Aber etwas anderes scheint genauso wichtig, dass Geschichtsaufarbeitung über Rollenspiele gefährlich ist. Denn die Menschen 1813 haben den Krieg nicht gespielt und danach bei Jahrmarktmusik glückselig Grillwurst gegessen. Und überhaupt hat mit nachgebauten Gewehren um sich zu schießen sehr wenig mit Kriegsrealität zu tun. Die Schlacht bei Leipzig war eines der blutigsten Gemetzel in Europa. Innerhalb weniger Tage sind mehr als 100.000 Menschen gestorben. Und wo vor 205 Jahren Feldlazarette mit den etlichen Verletzten standen, haben dann am Wochenende fröhliche Kriegsvoyeuristinnen und Kriegsvoyeuristen gestanden und tranken Bier, wie YouTube Videos verraten. Aber das Fass ist noch viel größer. Denn unser Blick auf die Völkerschlacht ist von Mythen überdeckt.

Wie meinst du das?

Erstens: Der Faktencheck. Entgegen dem gängigen Erzählung nämlich, man habe Napoleon auf der Völkerschlacht restlos besiegt, stimmt das nicht. Napoleon zog sich nach der Leipziger Schlacht zurück und wurde erst 3 Jahre später in Waterloo besiegt.
Zweitens: Selbst bei guter Recherche zweimal hinsehen. Denn Geschichte manifestiert sich dadurch, wer sie erzählt und wie sie erzählt wird. Wessen Schriften wir lesen und wessen Worte wir glauben schenken - all das beeinflusst, wie wir über Vergangenes reden. Je nachdem ob Gewinner oder Verlierer berichten, verschiebt sich die Perspektive. Spätestens nach der Errichtung des Völkerschlachtdenkmals - 100 Jahre nach der Schlacht - wurde das Ereignis von bestimmten Gruppen vereinnahmt. Das waren vor allem völkische und national Gesinnte. Die Nationalsozialisten taten es ihnen später gleich: Sie instrumentalisierten die Schlacht als heroisches Symbol germanischen Heldentums.

Aber damit willst du doch nicht sagen, dass…

Nein, will ich nicht. Das Reenactment ist kein Verbrechen, im Gegenteil: Geschichte erfahrbar zu machen indem man sie plastisch veranschaulicht ist ein Versuch, Themen nahe zu bringen. Die Leute wollen unterhaltend dazu anregen, sich mit der Zeit der napoleonischen Kriege auseinander zu setzen. Doch gleichzeitig wirft die historische Gefechtsdarstellung vom Wochenende eben die Frage auf, welche Prinzipien zum Veranstalten motivieren. Ist es Abschreckung oder Verherrlichung? Verklärt man gewaltvolle Geschichte nicht romantisch und macht daraus auch noch ein unterhaltendes Event mit Jahrmarktcharakter? 

Hm, aber vielleicht gibt es diese einfache Antworten nicht. Die Nachstellung setzt ja eine intensive Beschäftigung mit der Zeit der napoleonischen Kriege voraus. Beteiligte helfen oft sogar der Wissenschaft, historische Funde vom Schlachtfeld zum Beispiel sind nicht selten. Die bringen häufig neue Erkenntnisse - Citizen Science nennt man es, wenn Laien der Forschung helfen.

Hm. Wahrscheinlich stimmt das und wie so oft gibt es auch hier gibt es kein einfaches schwarz und weiß. Ich finde, wer Geschichte aufarbeiten möchte, sollte nicht nur Hobbysoldaten sein. Ja, ein differenzierter Blick hilft. 

 

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Anna Bertram
26.10.2018 - 16:57