Die Kolumne

Über Regen reden

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Til Schäbitz über das Wetter, Smalltalk und eine dumme Idee.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Hören sie sich was zum Regen an, weil man über Regen gut reden kann. Die Kolumne zum Nachhören:

Über Regen reden - die Kolumne von Til Schäbitz
 

„Boar, so’n Scheißwetter!“

„Alles in Ordnung bei dir?“

„Oar, Der scheiß Wind hat meinen Regenschirm zerfetzt.“

„Krass.“

„Ja.“

Tatsächlich krass. Letzte Woche war der beliebteste Satz um einen Smalltalk zu beginnen: „Schon krass, das Wahlergebnis. AfD stärkste Kraft in Sachsen.“

Ein sehr guter Einstiegssatz ist das. Man zeigt sich politisch interessiert, mit Weltwissen. Na gut, wenigstens Deutschlandwissen. Man muss auch nur ein klein bisschen mit der Stimme spielen und kann schockiert, ratlos oder, besonders hier in Sachsen, auch mal ein bisschen stolz klingen. Eine Woche lang sah so der klassische Smalltalk aus. Mittlerweile befinden wir uns in Woche Zwei nach der Wahl. Und da inzwischen jeder irgendwie mal irgendeinen Satz zum Wahlergebnis verloren hat, ist es also höchste Zeit, wieder über das Wetter sprechen zu können.

Zugegeben, nach dieser Wahl musste sich das Wetter schon ziemlich anstrengen, um es wieder auf die Titelseiten zu schaffen. Doch das Wetter weiß, was da zu tun ist: Orkanböen in Leipzig? Über 100km/h Windgeschwindigkeit? Ja, ok Wetter, das reicht.

Du willst also kritisieren, dass andere Medien über das Wetter berichten? Stört es dich denn gar nicht, dass du mit dem Kajak zur Bahnhaltestelle fahren musst?

Naja, nicht so richtig. Ich mag den Regen, vor allem den sintflutartigen.

Und warum?

Der Regen setzt die Menschen immer so unter Druck. Sie reagieren ungewohnt. Viele rennen, um am nächsten Dachvorsprung sofort ängstlich stehen zu bleiben. Und der Regen bewirkt noch viel mehr: Man kann fast jedes Zuspätkommen entschuldigen, sogar etablierte Hierarchien verschieben sich. Wenn zum Beispiel ein Obdachloser entspannt durch den Regen schlendert, ist er jedem hetzenden Manager überlegen.

Naja. Ich höre jetzt auf übers Wetter zu reden.

Na dann: Sachsens Minister Präsident Stanislaw Tillich, der fordert einen Kurswechsel der CDU. Und zwar nach rechts. Was hältst du davon?

Siehst du, das ist genau wie mit dem Regen. Der Regen setzt Leute unter Druck, woraufhin sie ängstlich reagieren und sich unter Dachvorsprüngen verstecken. Keine Ahnung, ob Herr Tillich Angst vorm Regen hat, aber er hat Angst vor der AfD. Mit einem überstürzten Rechtsruck verfolgt er genau ein Ziel: AfD-Wähler zurückgewinnen.

Das Ziel ist lobenswert, doch die Vorgehensweise ist denkbar dumm. Denn wenn er als Ministerpräsident der AfD entgegenkommt, dann rennen die jetzigen AfD-Wähler nicht sofort zur CDU zurück. Nein, vielmehr fühlen sie sich in ihrer Wahl bestätigt und mit ihrer ausländerfeindlichen Meinung sogar von der politischen Mitte toleriert. Die CDU muss etwas ändern, aber Herr Tillich: Ein plötzlicher Rechtsruck ist so zielführend, wie wenn sie bei diesem Wetter ihre Unterhosen zum Trocknen raushängen.

 

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Til Schäbitz
06.10.2017 - 11:09