Gespräche auf dem Roten Sofa

Über das Übersetzen der Ich-Perspektive

Es ist fast ein Epos, den der französische Autor Emmanuel Carrére mit „Das Reich Gottes“ vorgelegt hat. Darin geht er auf Spurensuche nach dem Beginn des Christentums. Für ihre Übersetzung ist sie für den Leipziger Buchmessepreis nominiert gewesen.
Claudia Hamm im Gespräch mit Moderatorin Anna Vogel
Claudia Hamm auf der Roten Couch

Claudia Hamm übersetzt Texte aus dem Italienischen, Spanischen und Französischen ins Deutsche. Zu dem Autor Emmanuel Carrére hat sie allerdings eine besondere Verbindung. Bereits seit 2011 nimmt sie sich dessen Bücher an und recherchiert, erarbeitet und feilt an den deutschen Übersetzungen. Nun hat sie mit „das Reich Gottes“ ihre Arbeit an dem dritten Werk des Autors vervollständigt. Die Schilderungen Carréres, wie er sich selbst auf die Suche nach den Ursprüngen des Christentums begibt, wie er zweifelt zwischen Glaube und Unglaube und wie er schließlich die Biografien von Lukas und Paulus zu Rate zieht, sind jetzt auch dem deutschen Leser zugänglich. Dafür wurde sie für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Die radikal persönliche Auseinandersetzung des Pariser Intellektuellen mit dem Christenum und seinen Quellen macht Claudia Hamm als fesselnde, elegante Erzählung zugänglich.

Begründung der Jury für die Nominierung

Dabei leistet Claudia Hamm auf über 500 Seiten Außergewöhnliches. Sie versetzt sich in den Autor Carrére, der seinen Zugang zum Christentum autobiografisch schildert, und muss die Ich-Perspektive eines anderen annehmen. Dabei beschreibt sie in einem Nachwort die Schwierigkeit: „Das Erzählen in der ersten Person tut offenbar eine besondere Wirkung: Es legt eine Spur zu einem dahinterstehenden Wer. Das verleiht dem Text (zunächst) eine Stimme, die ihn prägt wie einen Fingerabdruck.“ Diesen Zugang zum „Ich“ des Carrére macht sie auf Deutsch möglich und noch viel mehr schafft sie es sogar, die Bibelstellen, die von ihm personalisiert geschildert sind, nochmals in eine andere Sprache zu übertragen. Zwischen den Übersetzungen Luthers und Carréres sucht sie ihren eigenen Weg und stellt sich der Herausforderung aus Freiheit und Genauigkeit.

 

Im Interview sprach sie über die Bedeutung der Übersetzerin und warum sie sich dazu entschieden hat, das Buch zu übersetzen. Sie spricht auch darüber, wie sie es geschafft hat, das Buch von über 600 Seiten, auf 500 zusammenzufassen und das prägnanteste zu erzählen. Sie war im engen Kontakt mit dem Autor, da er über 2000 Jahre Übersetzungsgeschichte beschreibt. Außerdem musste sie sich in die Ich-Perspektive des Autors hineindenken.

Claudia Hamm im Interview mit Moderatorin Anna Vogel
Begründung der Jury für die Nominierung
 

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Anna Vogel
18.03.2016 - 10:49
  Kultur

Claudia Hamm ist Theaterregisseurin, Autorin von Bühnentexten und Übersetzerin aus dem Französischen, Italienischen und Spanischen. Sie arbeitete als Dramaturgin und Regisseurin am Burgtheater in Wien. Für ihre Übersetzungen - u.a. Werke von Édouard Levé, Emmanuel Carrère, Nathalie Sarthou-Lajus und Pier Paolo Pasolini - erhielt sie Stipendien des Deutschen Übersetzerfonds und ein Aufenthaltsstipendium in Villeneuve-lèz-Avignon.