Themensendung: Schlaf

Tropische Nächte in Mitteldeutschland

Die Erde soll sich nicht mehr als zwei Grad erwärmen. Das kam beim G7-Gipfel in Elmau raus. Fakt ist: Der Klimawandel wirkt sich schon jetzt aus – auch auf Mitteldeutschland. In Gestalt tropischer Nächte raubt er den Menschen im Sommer den Schlaf.
Kroko im Gras
Krokodile im Park gibt's (noch) nur aus Plastik.

Lianen, die durch Halle schwingen, Kolibris auf der Grimmaischen Straße in Leipzig, Palmen vor’m Erfurter Dom. Ganz so schlimm wird der Klimawandel wohl erst mal nicht ausfallen. Trotzdem: In den letzten hundert Jahren ist die Durchschnittstemperatur in Mitteldeutschland um ein Grad gestiegen. Etwas mehr als der weltweite Durchschnitt. Einen Grad, das ist nur auf den ersten Blick wenig, erklärt Dr. Andreas Marx vom Mitteldeutschen Klimabüro: "Man muss sich vor Augen halten, dass wir im Wechsel zwischen Eiszeit und Kaltzeit in den letzten zehn- bis zwölftausend Jahren einen globalen Temperaturunterschied von vier Grad hatten. Das ist zum einen prozentual relativ viel. Der zweite Punkt, den man nicht vergessen darf, ist: Die Erde erwärmt sich sehr schnell. Wenn man jetzt Deutschland und Mitteldeutschland anschaut, da gab es eigentlich bis in die 1960er, 1970er-Jahre fast keinen Trend. Und seitdem geht es bei uns eben rasend schnell."

Die Tropennächte sind so eine Sache, die gab es in Mitteldeutschland bis zu den 1980er-Jahren eigentlich fast gar nicht. Das heißt, die sind da in extremen Jahren alle fünf, sechs Jahre sind die ein-, zweimal aufgetreten.

Klimaforscher Dr. Andreas Marx

Tropische Nächte gab es vor den Achtzigerjahren nicht

Marx berät die Menschen in der Region. Zum Beispiel Landwirte, wenn es darum geht, Dürreperioden in den Griff zu kriegen. Während das Wetter einen Zustand zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort beschreibt, geht es beim Klima um Zeiträume von 30 und mehr Jahren. Den Klimawandel spüren nicht nur die, die mit der Natur arbeiten. Ein Phänomen, das jeden Einzelnen betrifft, sind sogenannte tropische Nächte. In solchen Nächten sinkt die Temperatur nicht unter 20 Grad. Das sei neu für Mitteldeutschland, erklärt Andreas Marx: "Die Tropennächte sind so eine Sache, die gab es in Mitteldeutschland bis zu den 1980er-Jahren eigentlich fast gar nicht. Das heißt, die sind da in extremen Jahren alle fünf, sechs Jahre sind die ein-, zweimal aufgetreten."

In den heißen Nächten, die wir jetzt schon haben, fühlen sich die Leute unwohl und haben wirklich Probleme, durchzuschlafen. Und das wird zunehmen.

Schlafforscher Dr. Thomas Köhnlein

Heute liegt Mitteldeutschland bei drei bis fünf tropischen Nächten pro Jahr. Und sie nehmen zu. Für das Jahr 2100 werden für Sachsen bis zu 43 tropische Nächte jährlich prognostiziert. Das geht nicht spurlos an den Menschen vorbei. Vor allem nicht am Schlaf erklärt Schlafforscher Dr. Thomas Köhnlein von der Robert-Koch-Klinik: "Das ist schon ein Problem. Und wir können noch nicht genau sagen, welchen Anteil der Gesamtbevölkerung das betreffen wird. Aber ich würd mal sagen, das werden schon einige sein. Denn in den heißen Nächten, die wir jetzt schon haben, fühlen sich die Leute ja auch unwohl und haben wirklich Probleme, durchzuschlafen. Und das wird entsprechend zunehmen."

Die Mitmenschen in deutlich heißeren Gegenden müssen ja auch schlafen und schaffen das auch irgendwie. Für uns ist es halt ungewohnt.

Schlafforscher Dr. Thomas Köhnlein

Klimawandel als Selbstläufer 

Ideal zum Schlafen sind 15 bis 18 Grad. Der Organismus kühlt dann normalerweise ein wenig ab. In tropischen Nächten geht das aber nicht und man schläft schlecht. Besonders schwer haben es Menschen, die schon den Tag über in der Hitze verbringen. In einem Büro ohne Klimaanlage zum Beispiel oder auf einer Baustelle. Spontan zu ändern sind aber weder Wetter noch Klima. Wie gut man sich mit der Hitze abfindet, das hänge vom einzelnen Menschen ab, so Thomas Köhnlein: "Der Eine kommt damit ganz gut zurecht, der Andere nicht. Wir haben Mitmenschen in deutlich heißeren Gegenden, die ja auch schlafen müssen und das offensichtlich auch irgendwie schaffen – auch, wenn die Temperatur nachts heiß bleibt. Für uns ist es halt ungewohnt." Man kann sich zwar daran gewöhnen. Probleme haben aber vor allem alte Leute und Babys.

Ich halt’s für unwahrscheinlich, dass so was wie ein politisches Zwei-Grad-Ziel gehalten wird. Weil einfach weltweit die Entwicklungen im Moment anders aussehen.

Klimaforscher Dr. Andreas Marx

Schuld am Klimawandel sind Treibhausgase wie CO2. Die Folge: Extremereignisse wie Hochwasser oder Dürren plagen Mitteldeutschland immer wieder. Das könne die Gesellschaft aber meistern, sagt Klima-Experte Andreas Marx. Andere Gebiete der Welt seien noch schlimmer betroffen. Politische Erfolge erwartet Andreas Marx allerdings nicht, auch nicht von G7: "Also wenn wir global weniger Treibhausgase emittieren würden, dann könnte man zumindest verhindern, dass es ganz schlimm wird. Man kann aber nicht verhindern, dass die Tropennächte in Zukunft mehr werden. Ich halt’s auch für unwahrscheinlich, dass so was wie ein politisches Zwei-Grad-Ziel gehalten wird. Weil einfach weltweit die Entwicklungen im Moment anders aussehen."

Die Menschen in Mitteldeutschland sollten sich also auf immer mehr Sommernächte einstellen, in denen es über 20 Grad warm ist. Was da hilft: erst abends lüften, ein leichtes Essen, dünne Bettwäsche. Und dann: Gute Nacht.

Tropische Nächte in Mitteldeutschland - Ein Beitrag von Christine Reißing
tropo

 

 

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Christine Reißing
03.07.2015 - 18:14
  Wissen

Im Regionalen Klimaatlas der Helmholtz-Gemeinschaft können Sie sich über mögliche Klimaszenarien für ganz Deutschland informieren. Einen Dürremonitor gibt's außerdem.