Wendezeit

Trabi auf Beinen erinnert an DDR-Flucht

Unbequem, laut, Zweitaktmotor und Frontantrieb – Der Trabi war das Kultfahrzeug in der DDR. Im September 1989 schmückten hunderte von ihnen die Prager Innenstadt. Auf der Leipziger Buchmesse 2019 wurde daran erinnert.
David Černý vor seiner Skulptur "Quo Vadis"
David Černý vor seiner Skulptur "Quo Vadis"

"Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." – Mit diesen Worten bestätigte der ehemalige Außenminister der Bundesrepublik Hans-Dietrich Genscher DDR-Geflüchteten die Ausreise in die damalige BRD. Der Halbsatz ist heute legendär, denn er versprach tausenden Menschen die Freiheit. Doch was hat das Gastland der diesjährigen Buchmesse, Tschechien, mit diesem politischen Ereignis zu tun?

Die Rolle von Prag 1989

Im Spätsommer 1989 flüchteten 5000 Menschen aus der DDR zur deutschen Botschaft nach Prag. So wollten sie ihre sehnlich erhoffte Ausreise in den Westen Deutschlands erzwingen. Der Garten der Botschaft füllte sich schnell mit hunderten Gleichgesinnten. Sie sahen in der Flucht den letzten Ausweg, die DDR endgültig zu verlassen. Einer von ihnen war Christian Bürger. Der damals 33-Jährige wurde bald schon zum Sprecher der Geflüchteten. Herr Bürger schmuggelte sich damals zu Fuß über die tschechoslowakische Grenze. Viele seiner Mitstreitenden fuhren jedoch mit der Bahn oder kamen mit Trabis nach Prag – ein historisches Bild.

Ja kann ich sagen, dass ich mich dort in diesem begrenzenden Areal zum ersten Mal frei gefühlt habe [...] Es war wirklich ein Zusammengehörigkeitsgefühl…die, die neu dazu kamen wurden einfach integriert.

Christian Bürger, DDR-Geflüchteter und Zeitzeuge

"Quo vadis?" - "Praga!"

Hunderte Trabis kamen somit in die Prager Innenstadt und blieben dort frei zugänglich stehen. Christian Bürger erinnert sich, dass die Geflüchteten die Autoschlüssel und Fahrzeugpapiere in den Trabis und die Autotüren offen ließen.

Von dieser historischen Kulisse der Trabis inspiriert, kreierte der tschechische Künstler David Černý 1989 seine Skulptur "Quo vadis" zu deutsch: "Wohin gehst du?". In nur zehn Tagen erschuf er in seinem Vorgarten einen riesigen Kleinwagen der Marke "Trabant". Der bronzefarbene Trabi steht auf vier Stahlbeinen und ist mit drei Metern Höhe und vier Metern Breite gigantisch. Sein Kunstwerk soll genau daran erinnern:

Das war schon eine irre Zeit. Denn wir realisierten, dass wenn die DDR-Bürger wirklich rauskommen, dann bedeutet das schon was. Ein Ereignis, was selbst die Regierung und die kontrollierte Presse nicht ignorieren kann.

David Černý, tschechischer Künstler der Skulptur "Quo vadis"

Hintergrund

Christian Bürger erklärt die Bewegründe vieler Geflüchteter. Für ihn ist die fremdenfeindliche Diskussion um Flucht und Migration nicht nachvollziehbar.

Die Argumentationen, die ich oftmals höre heute: „Sind doch zum größten Teil Wirtschaftsflüchtlinge“. Da muss ich ganz ehrlich sagen: Waren wir auch. Wir sind auch aus der DDR geflohen, weil wir ein besseres Leben wollten. Wir sind nicht aus der DDR geflohen, weil wir mit dem Tode bedroht waren.

Christian Bürger, DDR-Geflüchteter und Zeitzeuge

Die 5000 DDR-Geflüchteten konnten nach der Rede von Hans-Dietrich Genscher ohne größere Zwischenfälle in die BRD ausreisen. Ihr Handeln wird zeitgeschichtlich als historischer Beitrag gesehen, der die Mauer endgültig hat bröckeln lassen. Das Original der Skulptur "Quo vadis" von David Černý steht normalerweise im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Für die Zeit der diesjährigen Buchmesse ist der Trabi in der Glashalle zu besichtigen.

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Ein Beitrag von Maxi Kretzschmar
2103_Quo_Vadis_Buchmesse
 

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