Theaterrezension

Total Therapy

Das Thema Therapie wird in unserer Gesellschaft zunehmend enttabuisiert. Und genau mit diesem Thema beschäftigt sich das Stück „Total Therapy“ von der Performance-Gruppe Interrobang.
Bild zu "Total Therapy"
Die "Patienten" in gemütlicher Runde

Anders als im gleichnamigen Film, „Die totale Therapie“, mutierte der Theaterabend nicht zum Splatterfilm. Doch gab es mehr thematische Überschneidungen als nur den Titel.

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Spieleabend mal anders

Die Rolle deines Lebens

Einen klassischen Theaterabend kann man von der Performance-Gruppe Interrobang, die bekannt für ihre game-settings sind, nicht erwarten. So bietet auch ihr neues Stück „Total Therapy“ keine Ausnahme.
Die Künstler und Künstlerinnen überlassen den Raum dem Publikum, leiten sie aus dem Hintergrund geschickt durch den Abend und sorgen so für einen Fokuswechsel - die Besuchenden werden zu Performenden, die Künstler und Künstlerinnen nehmen die Rolle von Spielmachern und Spielmacherinnen ein, die Hauptrolle: Jeder und jede Besuchende selbst.

Beobachtend und beobachtet

Der schwarz-weiße Raum, mit den vereinzelten Lichtern über den Tischen, dem industriellen flair der Residenz, der ruhigen Down-tempo Musik im Hintergrund, ist eben genau das - der Hintergrund. Für diesen Abend braucht es keine Bühne, nur die metaphorische Leinwand, auf der sich Geschehnisse entwickeln können. Was geschehen wird, spielt sich zwischen den etwa 30 Menschen ab, die sich schüchtern und neugierig auf ihre zugewiesenen Markierungen begeben. Und dann beginnen die Spiele. Und mit den Spielen beginnt die Performance eines und einer jeden selbst.
Im Laufe des Abends werden die Teilnehmenden sich immer wieder nach Gesprächsrunden mit vorgegebenen Feedback-Karten anonym gegenseitig bewerten und bewertet werden. „Du hast versucht andere zu manipulieren“, könnte man gesagt bekommen. „Du hast etwas peinliches gesagt“, „Du warst mutig“, oder auch „Du hast mich beeindruckt“. Von allem ist etwas dabei.
Doch für was wäre Feedback gut, wenn man darauf nicht auf Persönlichkeit und Charakter schließen könnte? Und so bekommt man nach jeder Runde eine entsprechende Persönlichkeitskarte, mit Eigenschaften wie „Ehrgeiz“, „Mitgefühl“, „Dominanz“ oder „Bosheit“ darauf geschrieben. Am Ende des Abends hält schließlich jeder und jede Teilnehmende die eigene Persönlichkeit in den Händen. Oder zumindest doch eine Idee davon, wie man wirkt und wirken will.

Spiel zur Selbstoptimierung

Der 1996 erschienene Film „Die Totale Therapie“ von Christian Frosch, beschäftigt sich halb satirisch mit den Abgründen und Nebenwirkungen der Psychotherapie. Über 20 Jahre später zitieren Interrobang die Thematik, nicht als Gruselfilm, sondern indem sie die Besuchenden selbst den Weg der Selbstoptimierung einschlagen lassen.
Für einen Abend findet man sich in einem Mikrokosmos unserer sozialen Gesellschaft wieder, wird bewertet und wertet, um am Ende ein bestimmtes Kartenblatt der eigenen Persönlichkeit in Händen zu halten. Man befindet sich in einem Zustand der Überreflexion des eigenen Verhaltens, sich der Perfidität der Situation bewusst und trotzdem nicht ganz im Stande, sich ihrem Einfluss, dem Einfluss der Meinung der Fremden, entziehen zu können.
Elegant bleiben die Künstler und Künstlerinnen im Hintergrund, so dass man fast vergessen könnte, wer die eigentlichen Fadenziehenden sind. Fast.

Grenzen und Erkenntnisse

Interrobang führt die Teilnehmenden durch einen Abend der skurrilen Selbsterkenntnis. Die Teilnehmenden erleben die Fragilität unseres jeden Selbstkonzeptes, die Macht, welche fremde Meinungen über einen haben können, den stetigen Drang, sich selbst zu optimieren, als „besser“ oder „stärker“ oder „klarer“ gesehen zu werden. Und es kostet Kraft, so viel Kraft, sich selbst bewusst zu machen, Teil einer Performance zu sein. Teil eines Spiels, bei dem man eingewilligt hat zu spielen, vielleicht um mehr über sich herauszufinden, über andere herauszufinden, oder einfach nur um der Erfahrung willen.
Konträr zu dem was der Titel erwarten lässt, begibt man sich nicht in eine Therapiesituation.
„Total Therapy“ ist eine Gesellschaftskritik, intelligent inszeniert und getarnt als Spielabend. Was man selbst mit den Erlebnissen des Abends macht, ob Interrobang gerade genug an den Grundsteinen eines Selbstkonzeptes gerüttelt haben, dass man nun doch eine Therapie in Erwägung zieht...nun, das ist jedem selbst überlassen.

Der Abend ist fordernd, emotional, spannend und sehr sehr anstrengend. In anderen Worten: ein rundum gelungenes Erlebnis.

Der Beitrag zum Nachhören:

Moderator Maximilian Enderling im Gespräch mit Sophia Schnoor

Moderation: Maximilian Enderling

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Total Therapy

Premiere: 11. April 2019

Spielort: Schauspiel Leipzig

Konzept: Interrobang
 
Von und mit: Bettina Grahs, Lisa Großmann, Kaja Jakstat, Elisabeth Lindig, Till Müller-Klug, Christina Reuter, Lajos Talamonti, Nina Tecklenburg