Jahresrückblick: Kino

Top 10 - Die besten Filme 2018

Das Kinojahr 2018 war eines der Frauen(figuren), herausragenden nicht-englischsprachigen Filmproduktionen und Regiedebüts. Die mephisto 97.6 Kinoredaktion kürt die zehn besten Filme des Jahres 2018.
Luca Guadagninos Call Me By Your Name war einer der besten Filme im Kinojahr 2018

Es wird viel geschimpft über den aktuellen Status des Kinos. Zu viele erzwungene Franchises, zu viele Remakes, Neuadaptionen oder Fortsetzungen, dazu zu wenig neue oder vielfältige Gesichter und Stimmen vor und hinter der Kamera. Kurz gesagt: Zu wenig Mut in der großen Filmbranche. Und diesen Kritikpunkten gibt es auch wirklich nur wenig entgegenzusetzen. Dennoch hat es das Kinojahr 2018 geschafft immer wieder für Überraschungen zu sorgen, sowohl mit kleineren Produktionen als auch mit großen Studioproduktionen, die gezeigt haben, dass es den Mut doch noch irgendwo gibt. 2018 war rückblickend in jedem Fall eines der stärkeren der letzten Jahre. 

Deswegen war es für uns in der Kinoredaktion auch nicht einfach, eine Liste von 10 Filmen zusammenzustellen, die wir für die besten des Jahres halten. Nach zahlreichen Diskussionen und demokratischen Abstimmungen sind wir dann aber doch zu einer Entscheidung gekommen. Hier sind unsere 10 besten Filme 2018:

Platz 10: "Suspiria"

Den Anfang macht Suspiria, die Neuverfilmung des gleichnamigen Horrorklassikers aus dem Jahr 1977, obwohl es Neuinterpretation wohl besser trifft, denn bis auf den Titel ist hier kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Der Film führt ins Berlin der 70er Jahre mit Mauer und deutschem Herbst. Eine junge Tänzerin schafft hier die Aufnahme an eine renommierte Tanzschule, die eisern von einer Gruppe Tanzlehrerinnen geführt wird. Schon bald liegt aber der Verdacht nahe, dass das eigentlich alles Hexen sind und dann wirds sehr unübersichtlich. Der Film ist voll von Einfällen und bietet eine Unmenge an Interpretationsmöglichkeiten. Regisseur Luca Guadagnino (Suspiria ist nicht sein einziger Film auf dieser Liste) steigt hier voll auf sämtliche Pedale und reißt das Lenkrad hin und her von rechts nach links. Heraus kommt einer der überforderndsten Filme des Jahres, aber auch einer der am besten inszenierten.

von Lennart Johannsen

Platz 9: "Three Billboards Outside Ebbing, Missouri"

Nach Brügge sehen...und sterben? und 7 Psychos hat Regisseur Martin McDonagh ein weiteres Meisterwerk geschaffen. In Three Billboards Outside Ebbing, Missouri portraitiert er eindringlich die zerstörerische Wut einer trauernden Mutter. Mildred Hayes (Frances McDormand) hat ihre Tochter verloren, ihr Mörder ist immer noch auf freiem Fuß. Darüber ist die gebrochene Frau so erbost, dass sie auf drei Werbetafeln die Arbeit der Polizei anklagt und einen Kleinkrieg gegen den örtlichen Sheriff (Woody Harrelson) beginnt. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri schwankt gekonnt zwischen herzzerreißender Dramatik und bitterbösem Humor, bei dem einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Mit einer klischeefreien Darstellung gelingt dem Film ein düsteres Sittengemälde der USA, die mit Hass, Rassismus und Ausgrenzung zu kämpfen haben. Hier sitzt nahezu jede Szene. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist großes Erzählkino!

von Janick Nolting

Platz 8: "Mission: Impossible - Fallout"

Wem, wenn nicht Action-König Tom Cruise gelingt es, mit einem Blockbuster/Sequel direkt auf Platz 8 unserer Arthouse-lastigen Jahresbestenliste zu landen? "Fallout" ist der atemberaubendste Action-Adrenalin-Express seit "Mad Max: Fury Road"; die sechste unmögliche Mission setzt Maßstäbe in puncto brillant choreografierter Action. Garniert wird sie mit einer Prise Selbstironie und dem kurzweiligsten zweieinhalb-stündigen "Bäumchen wechsle dich"-Spiel (mit Agentenpersonal statt Kindern). Wen stört es da noch, dass die Weltrettungsmission-Story bekanntermaßen um die Action-Setpieces herum konstruiert wird und das Geheimdienstchaos vor allem das wacklige Handlungsgerüst übertünchen soll?

Von Karen Müller

Platz 7: "Cold War"

In einem Jahr, in dem sich ein Avengers: Infinity War für 149 Minuten dem seelenlosen CGI-Spektakel hingibt und Lars von Trier in seinem sogar noch sechs Minuten längeren The House That Jack Built geübt provokantes Rechtfertigungskino liefert, schafft der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski mit Cold War in 89 Minuten ein eindringliches Kaleidoskop einer Jahrzehnte andauernden Liebesgeschichte. Es soll hier nicht der Eindruck entstehen die Länge des Films sei ausschlaggebend für seine Qualität, doch ist es schon bemerkenswert, wie meisterhaft Pawlikowski seine Erzählung hier verdichtet. Keine der wunderschön gefilmten schwarz-weißen Einstellungen, kein Satz, keines der zahlreichen Musikstücke, die von polnischer Folklore bis hin zum frühen Rock´n´Roll reichen wirkt zu viel oder deplatziert. Cold War ist in diesem Jahr ein Highlight des internationalen Films.

von Lennart Johannsen

 

 

Platz 6: "The Florida Project"

The Florida Project ist ein Filmjuwel der Improvisation und des poetischen Sozialrealismus. Gedreht wurde an Realschauplätzen und größtenteils mit Laienschauspielern (Ausnahme: der wunderbar empathisch spielende Hollywood-Veteran Willem Dafoe). Dialoge wurden wenn nötig angepasst. Diese spontane Art des Filmemachens trägt Früchte: Selten konnte man Kinderdarsteller so ungekünstelt beim fantasievollen Spielen beobachten. Aus einer harten Kindheit destilliert Regisseur Sean Baker magische Kinomomente. Augenblicke voller Herzensgüte, Lebensfreude und kindlicher Abenteuerlust. The Florida Project ist ein tief berührendes Sozialdrama, verschweißt mit dem Zauber eines Disneymärchens. Auch hier gilt Walt Disneys Credo: Für jedes Lachen sollte es eine Träne geben

Von Karen Müller

Platz 5: "Hereditary"

Kein anderer Horrorfilm hat in diesem Jahr die Meinungen so gespalten und kein Film hat uns mehr Angst gemacht als Hereditary. Umso beeindruckender ist da die Tatsache, dass es sich um das Kinodebüt von Regisseur Ari Aster handelt, der hier gekonnt das Genre des Spukhausfilms dekonstruiert und einen wahrhaft unheimlichen Film geschaffen hat. Wie hier eine Familie nach dem Tod der Großmutter von unheimlichen Vorkommnissen in den Wahnsinn getrieben wird, ist von Minute zu Minute immer furchteinflößender und unangenehmer. Toni Colette als psychisch angeknackste Mutter zeigt eine der besten schauspielerischen Leistungen des Jahres und die verstörenden Wendungen haben es in sich. Lange war im Horrorkino keine so gekonnte Regiearbeit, keine solche erzählerische Reife und psychologische Spannung zu erleben. Hereditary ist ein modernes Horror-Meisterwerk.

von Janick Nolting

Platz 4: "Roma" 

Ein Mittelstands-Viertel in Mexiko-Stadt, Roma, es sind die 70er Jahre. Die Familie von Regisseur Alfonso Cuaron lebt hier in einem großen Haus. Cuaron ist zu dieser Zeit noch ein kleiner Junge. Aus seiner Erinnerung erzählt er hier seine Geschichte, vielmehr die Geschichte der Personen, die ihn großgezogen haben. Seine Mutter, die von ihrem Ehemann für eine andere Frau verlassen wird und vor Allem Cleo. Cleo ist als Kindermädchen bei der Familie angestellt. Sie lebt mit in dem großen Haus, kümmert sich morgens um das Frühstück und singt die vier Kinder abends in den Schlaf. Und doch gehört sie nie ganz dazu, steht immer am Rand oder läuft hinterher. Auch Cleos spärliches Privatleben will ihr kein Glück bringen. So setzt Alfonso Cuaron seinem Kindermädchen hier Jahrzehnte später ein beeindruckendes filmisches Denkmal. In gestochen scharfem Schwarz Weiß werden hier minutenlange Einstellungen gezeigt die vor filmischem Einfallsreichtum nur so überlaufen. Cuaron beobachtet sehr präzise und erzeugt aus kleinsten Gesten große emotionale Wirkung. Auch das Sounddesign gehört sicher zu den besten des Jahres. Roma schöpft das Medium Film in diesem Jahr aus wie kein Zweiter.

von Lennart Johannsen

 

Platz 3: "Shape of Water"

Shape of Water ist ein liebevolles und träumerisches Grusel-Fantasy-Märchen vom Weltenerfinder Guillermo del Toro. Der Filmemacher ist bekannt für seine bildstarken und fantasievollen Filme und hat hier wieder einmal ein Meisterwerk geschaffen, das in diesem Jahr unter anderem den Oscar für den besten Film gewinnen konnte. Die stumme Elisa (Sally Hawkins) arbeitet in einem Sicherheitslabor und verliebt sich dort in das Forschungsobjekt: ein Wasserwesen gespielt von Doug Jones. Dessen Mensch-Amphibien Kostüm, die Leistungen der Darsteller und die lieblich bis groteske Filmmusik verschmelzen miteinander. Das Ergebnis ist eine wichtige Erinnerung daran, dass Diskriminierung und Hass leider alltäglicher sind als Menschen, die im ungewöhnlichen die Liebe finden.

von Elisabeth Blümel

Platz 2: "Climax"

Skandalregisseur Gaspar Noé (Irreversibel, Enter The Void) ist zurück. In nur zwei Wochen hat er sein neues Werk abgedreht und das hat es in sich! In Climax trifft ein Tanzgruppe aufeinander, um vor der anstehenden Tournee nochmal so richtig zu feiern. Man quartiert sich in einer leerstehenden Turnhalle ein, doch die Party wandelt sich zum kollektiven Höllentrip, denn es hat offenbar jemand Drogen in die Bowle gemixt. Der 90er Jahre Elektro-Soundtrack dröhnt aus allen Richtungen, die entfesselte Kamera stolpert hinter den Figuren her, überschlägt sich und wirbelt umher. Man glaubt, den Drogenrausch am eigenen Leib zu spüren.Gaspar Noé läuft zu inszenatorischer Höchstleistung auf, zeigt in quälend langen Einstellungen packende  Tanzchoreographien, bis es in der zweiten Hälfte wieder in die altbekannten filmischen Abgründe aus Sex, Gewalt und Paranoia hinabgeht, für die der Regisseur bekannt ist. Climax ist wahrlich nichts für schwache Nerven, aber die spektakulärste Kinoerfahrung des Jahres.

von Janick Nolting

Platz 1: "Call Me By Your Name"

Der italienische Regisseur Luca Guadagnino sichert sich neben Suspiria direkt noch einen weiteren Platz in unserer Top 10. In der Romanverfilmung Call Me By Your Name werden die Gefühle des pubertierenden Elio (Timothée Chalamet) ordentlich durcheinandergewirbelt. Der Teenanger verbringt den Sommer mit seinen Eltern in einem abgelegenen Landgut in Italien, wo der Harvardstudent Oliver (Armie Hammer) auftaucht. Die beiden jungen Männer kommen sich immer näher und verlieben sich ineinander. Call Me By Your Name ist nichts anderes als die schönste Liebesgeschichte des Jahres. Die sommerliche Atmosphäre, die Kameraarbeit, die sorgfältig ausgewählte Musik, die subtile Inszenierung - hier stimmt einfach alles. Timothée Chalamet und Armie Hammer verkörpern diese sommerliche Romanze überragend und die Szene, in der Elio mit seinem Vater über die Liebe spricht, könnte in die Filmgeschichte eingehen. Call Me By Your Name ist der beste Film des Jahres 2018. 

von Janick Nolting

 

Kommentare

Texte zu erwähnten Geheimtipps:

"Visages Villages" wagt einen liebevollen Frontalangriff aufs Herz; ist eine unermüdliche Empathie-Maschine. Agnès Varda, legendäre Dokumentarfilmerin, und ihr ein halbes Jahrhundert jüngerer Landsmann, Streetartist JR, reisen durch das rurale Frankreich und plakatieren überlebensgroße Porträts ihrer Zufallsbekanntschaften an Häuserfassaden. Kleine Alltagsmomente werden groß; marode Geisterdörfer werden zu Bühnen, wiederbelebt als Orte der Begegnung und geteilten Erlebnisse. Ein dokumentarisches Kleinod über Vergänglichkeit, (lebensnahe) Kunst als verbindendes Element zwischen Generationen und die Lust, sich mit anderen Menschen auszutauschen.

"The Guilty" ist stark als reduzierter Kammerspiel-Thriller mit unvorhersehbarem Twist, der von seiner akustischen Spannung (das sensationelle Sounddesign!) lebt. Als Charakterstudie eines in seinem Selbstverständnis erschütterten Polizeibeamten, der mit den Konsequenzen seiner verständlichen, jedoch (unter Zeitdruck) überhastet getroffenen Entscheidungen leben muss, funktioniert der Polizei-Krimi sogar noch besser. Das Publikum entpuppt sich als Komplize und Mutschuldiger in einem Film, den man als subtile Mahnung in postfaktischen Zeiten lesen kann: Don't judge a book by its cover!

Seinen eindrucksvollen Naturpanoramen zum Trotz ist "The Rider" kein herkömmlicher Western. Zärtlich dekonstruiert das  Dokudrama einen uramerikanischen Heldentypus, unterzieht dem Mythos des raubeinigen Cowboys auf seinem Pferd einem Realitätscheck: Anhand des wahren Schicksals eines jungen versehrten Rodeoreiters verhandelt "The Rider" die universelle Frage, was vom Leben übrig bleibt, wenn man den Traumberuf aufgeben muss.

"Revenge" ist der Film der Stunde: Die Französin denkt ein umstrittenes Genre des Exploitationfilms neu und entwirft den ersten auch für ein weibliches Publikum erträglichen Vertreter des "Rape-Revenge"-Films (keine explizite als Vergewaltigung getarnte Folterporno-Szene!) - passend zur Metoo- und Time's Up-Bewegung. Bodyhorror trifft nägelkauende Spannung und emanzipatorische Überlebensgeschichte. Rache ist blutig-süß in diesem Guilty Pleasure von Film.

"Styx" ist quasi der Film der Stunde 2.0: Das Seenotrettungsdrama wurde von nicht wenigen Festivalgästen als diesjähriges Berlinale-Highlight angesehen und mit dem Deutschen Menschenrechts-Preis ausgezeichnet. Eine privilegierte Einhandseglerin wird auf ihrem Atlantiktörn hautnah mit dem Flüchtlingselend konfrontiert und gerät an ihre (moralischen) Grenzen; dieses Segler-Horrorszenario dient "Styx" als eine stark Allegorie für unseren Umgang mit der Migrationskrise. Europas Boot mag zu klein sein, um alle Geflüchteten aufzunehmen. Aber diese Tatsache rechtfertigt nicht, niemanden mehr an Bord zu lassen. 

Weitere "Auszeichnungen":

Überschätztester Hype-Film: "Black Panther"

Halsbrecherischster Tom-Cruise-Stunt: HALO-Sprung hinab auf das ins warme Licht der untergehenden Sonne getauchte Paris in "Mission: Impossible - Fallout"; weitere Kandidaten (aus demselben Film): Irrwitzige Motorrad-Geisterfahrt durch das Verkehrschaos am Triumphbogen, Helikopter-Verfolgungsjagd vor der Kulisse des schneebedeckten Kaschmir-Gebirges mit anschließender Klopperei an einem Felsabgrund.

Köstlichste Demontage eines Waschlappens (gleichzeitig größter Slapstick/Fremdschäm-Moment): Splitterfasernackt demonstriert Fermín seine martialischen Kampfkünste unter Zuhilfenahme einer zweckentfremdeten Duschstange (!), um jener Kinderfrau zu imponieren, der er später wegen einer Schwangerschaft Prügel androhen und die er abfällig "verdammtes Hausmädchen" nennen wird. Schwachheit, dein Name ist Fermín in "Roma".

99,9%ige Heul-Garantie: Spätestens beim Abspann rollen leise Tränen angesichts der wehmütigen Erinnerung an die verlorene Liebe in "Call me by your Name"; weitere Kandidaten: "Shoplifters" und "The Florida Project"

Bestes Filmzitat: "Ich liebe dich unendlich, aber ich muss mich übergeben" aus "Cold War"

Antiklimaktischster Showdown: "You were Never Really Here" 

Badass-Performance des Jahres: Matilda Lutz in "Revenge"

Beste #Metoo-Antwort: Sally Hawkins obszön-zeichensprachliche Kampfansage in "Shape of Water" 

Verstörendste Sexszene: "Border"

Poetischster wie überraschendster Kinomoment: Musikalisches Geschenk des Himmels in "Lazzaro Felice" 

Kommentieren

mephisto976-Kinoredaktion
31.12.2018 - 16:32
  Kultur

Besondere Erwähnungen der Kinoredaktion:

Karen Müller:

Visages Villages

The Guilty

The Rider

Revenge

Styx 

 

Janick Nolting:

In The Middle Of The River

Brawl in Cell Block 99

Aufbruch zum Mond

Glücklich wie Lazzaro

Assassination Nation

 

Lennart Johannsen: 

Private Life

A Beautiful Day

The Ballad of Buster Scruggs

In den Gängen

Shoplifters

 

Elisabeth Blümel:

Gegen den Strom

Goodbye Christopher Robin

Drei Tage in Quiberon

Nanouk

November