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Tod im Asylbewerber*innenheim

In den 1990er Jahren gab es in Deutschland eine ganze Reihe von Anschlägen und Ausschreitungen gegen Asylbewerber*innen und Migrant*innen. Ein Brandanschlag wurde nie ganz aufgeklärt. Am 18. Januar 1996 brannte ein Asylbewerber*innenheim in Lübeck.
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Das Haus nach dem Brandanschlag

In der Nacht auf den 18. Januar 1996 bricht in dem Haus in der Hafenstraße in Lübeck Feuer aus. Um 3:42 Uhr geht ein Notruf bei der Polizei ein. Die Rettungskräfte sind schnell am Brandort. Für zehn Menschen kommt aber jede Hilfe zu spät. Sie erliegen den Flammen oder sterben beim Sprung aus dem Haus. 35 Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt. Nur drei überleben den Brand unversehrt.

Wenn es sich wieder um einen Anschlag gehandelt haben sollte, dann geht meine Geduld allmählich zu Ende. [...] Ich werde dann öffentlich die Frage aufwerfen, ob wir genug für unsere öffentliche Sicherheitspolitik tun.

Bundespräsident Roman Herzog nach dem Anschlag

Die Polizei beginnt ihre Ermittlungen direkt am Tatort. Dort fallen der Polizei drei junge Männer auf, die die Löscharbeiten beobachten. Die Polizei nimmt ihre Personalien auf. Es handelt sich um drei junge Deutsche aus Grevesmühlen in Mecklenburg-Vorpommern. Sie sind als Neonazis bekannt. Die drei und eine vierte Person werden am Tag nach der Brandnacht festgenommen. Die Jugendlichen haben allerdings ein Alibi für die angenommene Tatzeit. Sie waren nach Lübeck gefahren, um Autos zu klauen. Um 3:19 Uhr wurden sie an einer Tankstelle gesehen. Deswegen kommen sie wieder frei.

War ein Bewohner der Brandstifter?

Und plötzlich gibt es wieder einen Hauptverdächtigen. Ein Bewohner aus dem Haus, der 20-Jährige Libanese Safwan Eid. Ein Rettungssanitäter sagt aus, Eid hätte ihm die Tat gestanden, als er ihn versorgte. „Wir waren es“, habe er gesagt und erklärt, dass er sich nach einem Streit an einem Nachbarn rächen wollte. Er habe Benzin vor dessen Wohnungstür gekippt und es angezündet. Das Benzin sei dann brennend die Treppe runtergelaufen und habe so das ganze Haus in Brand gesteckt. So lautet die offizielle Version der Staatsanwaltschaft. Am 20. Januar, zwei Tage nach der Brandnacht, wird Safwan Eid festgenommen. In der Folge trägt die Staatsanwaltschaft alles zusammen, was den Beschuldigten belasten könnte. So hören sie unter anderem seine Zelle ab.

Ermittlungen in nur eine Richtung...

Am 2. Juli 1996 wird Safwan Eid aus der Haft entlassen. Ein Gerichtsverfahren wird dennoch eröffnet. Am 30. Juni 1997 wird er freigesprochen. Zwei Jahre später kommt es zum Revisionsverfahren. Auch hier lautet das Urteil: Freispruch. Zu widersprüchlich der gesamte Fall. Die Beweislage ist zu dünn. Auch die Abhörprotokolle aus Eids Haft werden doch als entlastend gewertet.

Der Fall ist bis heute höchst umstritten. Wieso wurden die Ermittlungen gegen die Neonazis nur halbherzig geführt und nach zwei Tagen eingestellt? Wieso wurden andererseits trotz zweifelhafter Anschuldigungen und einer dürftigen Beweislage zwei Gerichtsverfahren gegen Safwan Eid geführt?

mephisto 97.6 Redakteur Felix Krause erinnert an den Lübecker Brandanschlag vom 18. Januar 1996:

Ein Beitrag von Felix Krause über den Lübecker Brandanschlag.

Verwendete Musik:

Parvus Decree, "The Eternal Loneliness", Creative Commons Lizenz: CC BY-NC-SA 4.0.

Verwendeter Sound:

Veiler, "Gong sabi 2.wav", Creative Commons Lizenz: CC0 1.0.

Ein Beitrag von Felix Krause über den Lübecker Brandanschlag.
 

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