Rotes Sofa: Ernest Wichner

"Tod dem Fotzendoktor!"

Der Gynäkologe Jacques Bernstein wird Opfer des Pogorms in Iași. An einem einzigen Tag sterben über 13000 jüdische Menschen. Das Buch „Oxenberg & Bernstein“ wurde von Ernest Wichner ins Deutsche übersetzt. Er ist für den Buchmesse-Preis nominiert.
Redakteur Janek Kronsteiner im Gespräch mit Autor Catalin Mihuleac und Übersetzer Ernest Wichner
Redakteur Janek Kronsteiner (r.) im Gespräch mit Autor Catalin Mihuleac (l.) und Übersetzer Ernest Wichner. (m.).

Jacques Bernstein ist der beste Gynäkologe der rumänischen Stadt Iași. Nein, nicht nur das: Er ist auch der charmanteste. Unzählige Kinder wurden durch den Kaiserschnitt des grazilen Doktors zur Welt gebracht. Jede Frau, die etwas auf sich hält, geht zu Bernstein, um die Dehnbarkeit des Muttermundes nicht durch eine Geburt unnötig zu strapazieren.

Dennoch wundert es den Arzt nicht, als eines Tages der Spruch „Tod dem Fotzendoktor“ in großen Lettern an seinen Gartenzaun geschrieben steht. Denn: Die Familie Bernstein ist jüdisch. Die Stimmung im Königreich Rumänien ist schon in den 30er Jahren giftig. Jacques ist sich sicher, es wird Krieg geben.

Geschichte eines Pogroms

Er behält Recht und bald ist Rumänien an der Seite Deutschlands im Krieg mit der Sowjetunion. Am 26. Juni 1941 hageln Bomben auf die Stadt Iași. Der jüdischen Bevölkerung wird eine Mitschuld an den Bombardierungen gegeben: Viele der Bürger*innen vermuten, sie hätten Informationen an die Sowjets weitergeleitet. Drei Tage später, am 29. Juni 1941, beginnt das Massaker: 13.000 jüdische Menschen der Stadt werden an diesem Tag ermordert. Auch die rumänische Polizisten und Soldaten beteiligen sich am Pogrom.

Zärtlichkeit & Grauen

Der Autor Cǎtǎlin Mihuleac beschreibt durch seinen sensiblen Stil die zärtlichen Momente fantastisch. Mit der selben Sensibilität versteht er es auch, die grausigen Seiten des Progroms zu zu zeigen. Szenen wie eine Gruppenvergewaltigung oder Menschen, die in völlig überfüllten Zugwaggons ersticken, sind nur schwer zu ertragen. Die Übersetzung von Ernest Wichner überträgt den Schmerz unverfälscht ins Deutsche.

Ich hoffe, der große Verdienst dieses Buch wird sein, dass es nicht mit der letzten Zeile abschließt. Ich erwarte mir, dass das Vergnügen des Lesers dann einsetzt, wenn das Buch zuende gelesen ist, und in der Erinnerung eine Reihe von Szenen wiederkehren.

Cǎtǎlin Mihuleac

Ernest Wichner ist für die Übersetzung von „Oxenberg & Bernstein“ für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Auf unserem roten Sofa waren sowohl der Ernest Wichner als auch der Autor selbst, Cǎtǎlin Mihuleac, zu Gast. Weshalb Wichner ein Jahr gebraucht hat, um sich für die Übersetzung zu entscheiden, was er an der rumänischen Aufarbeitung der Holocaust-Vergangenheit kritisiert und wieso Mihuleac von sich selbst sagt, er habe seine Leserschaft manipuliert, hören Sie im im Gespräch mit Janek Kronsteiner:

Redakteur Janek Kronsteiner im Gespräch mit Autor Catalin Mihuleac und Übersetzer Ernest Wichner.
1503 Oxenberg und Bernstein

 

 

 

 

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"Oxenberg & Bernstein" von Cǎtǎlin Mihuleac

erschienen im Hanser Literaturverlag

364 Seiten

Preis: 24 Euro

Ernest Wichner ist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie "Übersetzung" nominiert. Hier geht's zur Begründung der Jury.