Das lange Interview mit Wolfram Lotz

"Theater ist ein sehr trashiges Medium"

Genügsamkeit ist nicht seine Stärke. 2009 hat er in einem Manifest ein "Unmögliches Theater" gefordert: Die Fiktion dürfe sich nichts von der Realität diktieren lassen, sondern müsse die Wirklichkeit verändern. Ein Treffen mit einem Utopisten.
Wolfram Lotz und Moderator David Seeberg
Schriftsteller Wolfram Lotz mit Moderator David Seeberg

Wolfram Lotz ist so etwas wie ein Shooting-Star der Theaterszene (auch wenn er selbst diesen Ausdruck vermutlich zurückweisen würde). 2011 wurde er als "Nachwuchsautor des Jahres" gekürt, für sein letztes Stück: "Die lächerliche Finsternis" 2015 gar als "Dramatiker des Jahres". Seine Stücke werden in ganz Deutschland aufgeführt. Dieser Erfolg ist für den Schriftsteller selbst jedoch auch problematisch, wie im Gespräch deutlich wird. Immer wieder erwähnt er seine Angst, sich zu wiederholen und betont, wie wichtig es sei, sich von Erwartungshaltungen anderer zu befreien.

Schreiben ist immer ein intimer Prozess. Wenn ich daran denke, dass das Stück jetzt tatsächlich vor 500 Leuten im Theater gespielt wird, in dem Augenblick kann ich nicht schreiben.

 

Lotz ist ein sehr reflektierter Gesprächspartner. Man merkt ihm deutlich an, dass ihm die Auseinandersetzung mit sich selbst wichtig ist. Bei unseren Fragen zu seiner Arbeitsweise hat man das Gefühl, dass er sich diese auch selbst schon oft gestellt hat. Ebenso ist es ihm wichtig genau zu präzisieren, wie er schreibt und was ihn dabei antreibt. Immer wieder bricht er Erklärungen ab und fängt neu an, weil ihm eine Formulierung nicht präzise genug erscheint. Der Gesprächspartner soll möglichst genau verstehen können, was das Schreiben für Lotz bedeutet.

Das Schreiben lehren

Generell ist Lotz ein Autor, der sehr bereitwillig über seine Arbeitsweise berichtet. Dabei spielt mit Sicherheit auch eine Rolle, dass Wolfram Lotz auch unterrichtet. An der Hochschule für Musik und Theater unterrichtet er literarisches Schreiben, bringt also jungen Menschen "schreiben bei, obwohl das nicht geht". Die für ihn einzige Möglichkeit, damit umzugehen, bestehe darin, sich von der Vorstellung zu befreien, dass es klare Regeln für das Schreiben von Texten gehe. Stattdessen versuche er seine Schüler dazu zu bringen über die eigene Arbeit zu reflektieren und nichts als selbstverständlich hinzunehmen. Dabei ist ihm durchaus bewusst, dass diese Arbeitsweise auch anstrengend sein kann.

Das Schreiben nach diesen Seminaren ist in der Regel schwieriger, weil es noch mehr Probleme aufgeworfen hat

Irgendwo zwischen Brecht und Krippenspiel

Für seine eigenen Texte bedient sich Lotz bei ganz verschiedenen Inspirationsquellen. Bertolt Brecht, den er entgegen seines bierernsten Images als "totalen Fun" bezeichnet, mag noch als eine sehr herkömmliche Quelle durchgehen. Ausgefallener sind das Krippenspiel, das er als erste Theatererfahrung bezeichnet, sowie die Natur rund um sein Heimatdorf Bad Rippoldsau. Diese sei der Grund, warum er mit Lyrik angefangen habe:

Hinter dem Haus geht der Berg hoch und da sind Fichten und vor dem Haus geht der andere Berg hoch und es ist auch voller Fichten. Da ist keine epische Form, da geschieht nichts. 

Das Krippenspiel bezeichnet er sogar als einen Einfluss, der in seinen Stücken sehr gut sichtbar sei. Generell ist Lotz weit davon entfernt das Theater als eine heilige Instanz zu verklären. Vielmehr sieht er es als eine Kunstform, an die er sich erst langsam annähern musste und die ihn bis heute bisweilen befremdet.

Dann ist da irgendwie diese Bühne, es kommt einer raus, hat ein Kostüm an und es gibt diesen Bühenboden der so hallt. Es ist ja schon ein sehr trashiges Medium, weil man all diese Realität so scheppern hört.

 

Wie Wolfram Lotz mit dem Schreiben angefangen hat, welche intensive Beziehung er zu dem Wort "Wurst" hat und warum das Theater für ihn ein Feudalsystem ist, erfahren Sie im langen Interview.

Moderator David Seeberg im Gespräch mit Wolfram Lotz

Redaktion: Moritz Fehrle, David Seeberg, Lisa Albrecht

Das lange Interview mit Wolfram Lotz

 

 

 

 

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